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Thomas Brose / Philipp W. Hildmann: Glaubensmacht und Politik Geschichte – Konflikte – Konturen
Am 18. Juni 2021 ist Hans Maier 90 Jahre alt geworden. Die Katholische Akademie Berlin hat darum seinerzeit zu einer Veranstaltung eingeladen, mit der sie das Lebenswerk des langjährigen bayrischen Kultusministers, des genauso langjährigen Vorsitzenden des Zentralkomitees der Katholiken und Inhabers des Münchener Guardini-Lehrstuhls würdigt. Die Vorträge dieser Veranstaltung sind mit weiteren Beiträgen im vorliegenden Sammelband dokumentiert.
Ich gestatte mir an dieser Stelle eine persönliche Bemerkung, die eigentlich den Rahmen einer Rezension sprengt. Zum ersten Mal habe ich den Namen Hans Maier im Religionsunterricht meiner Schulzeit an einem Essener Gymnasium gehört, und das muss um das Jahr 1970 herum gewesen sein. Unsere Klasse war im Gefolge der 68er-Bewegung stark politisiert, und alles, was mit Religion und Kirche zu tun hatte, war in unserem Bewusstsein noch durch den Essener Katholikentag von 1968 geprägt. Unser Religionslehrer brachte uns seinerzeit im Unterricht eine Schallplatte zu Gehör, in dem Hans Maier zu dem Stellung nahm, was im vorliegenden Band „Glaubensmacht und Politik“ heißt. Und zwar behauptete er in diesem Vortrag, dass eine Theologie, die sich im Verhältnis eins zu eins in politisches Handeln umsetze, aufgehört habe, von Gott zu sprechen.
Diese Überzeugung prägt nun auch die Beiträge dieses Sammelbandes, derjenigen von Hans Maier selbst, aber auch der übrigen Autorinnen und Autoren, die auf jeweils eigene Weise Impulse seines Denkansatzes aufgreifen. Dieser versteht unter Gott das große Gegenüber zur empirischen Welt, und wer sich glaubend dem Anspruch dieses Gegenübers stellt, gerät zwangsläufig in eine Weltdistanz, die nicht Weltflucht bedeutet, sondern zu einer spezifischen Form der Weltverantwortung befähigt. So ist es gewiss auch kein Zufall, dass zu dieser Weltdistanz für Hans Maier auch die Musik – näherhin sein Orgelspiel – gehört. Die von ihm angesprochene „Entdivinisierung“ der Welt hat nun eine zweifache Konsequenz.
Sie bedeutet erstens die Anerkennung, dass die gegebene Welt kein Letztes, sondern nur ein Vorletztes ist. Daraus folgt das Bewusstsein, dass eine menschlich geplante Vollendung der Welt ihre Übel nicht beseitigt, sondern diesen nur ein neues Gesicht gibt. Verfolgt man diesen Gedanken weiter, dann gelangt man zu dem von Reinhold Niebuhr verfassten „Gelassenheitsgebet“, das Gott um eine dreifache Gabe bittet: in der Weltgestaltung das menschlich Mögliche zu tun, das Unmögliche ihm zu überlassen und vor allem beides unterscheiden zu können. Besagte Entdivinisierung bedeutet darum zweitens einen Widerstand gegen die usurpatorische Versuchung, den Willen Gottes in der Weise kennen und politisch vollstrecken zu wollen, wie Markus Voigt sie in seinem Beitrag im Blick auf den russischen Patriarchen Kyrill verdeutlicht.
Der Gläubige sieht sich insofern aufgefordert, Weltverantwortung zu übernehmen, ohne dass ihm immer eindeutig vorgeschrieben werden könnte, welche Gestalt der Weltverantwortung dies gerade sein muss. Aus Letzterem ergibt sich zwangsläufig eine weit ausholende Gestalt der vorliegenden Beiträge, die im Einzelnen an dieser Stelle angemessen zu würdigen nicht möglich ist.
Im Blick auf gegenwärtige Kolonialismusdebatten ist etwa der Beitrag von Mariano Delgado von Interesse. Er zeigt auf, wie seinerzeit Bartolomé de Las Casas (1484-1566) das Anderssein der indianischen Völker verteidigt hat und damit im Ansatz schon die Position von „Nostra aetate“ vorweggenommen habe, die nichts von dem ablehnt, was in anderen Religionen „wahr und heilig ist“. Und Roman Siebenrock formuliert in dieser Hinsicht den Begriff einer Katholizität, die nicht durch Ausschlüsse, sondern durch Anerkennung der jeweils Anderen geprägt ist.
Es ist nur konsequent, dass neben dem genannten Markus Voigt auch weitere Autoren die Forderung nach politischer Verantwortung auf die konkrete Weltsituation beziehen. Klaus Mertes hält einen Hirtenbrief der europäischen Bischöfe zum Thema Frieden für geboten, und Wolfgang Thierse warnt vor einem Pazifismus, der sich auf seiner guten Gesinnung ausruht. Letzteres erinnert an einen Satz, der von Erhard Eppler, dem seinerzeit führenden Kopf der „Friedensbewegung“ – überliefert ist: Angesichts der Widersprüche dieser Welt gehe es nicht um die Alternative, unschuldig zu bleiben oder schuldig zu werden, sondern darum, auf welche Weise man mehr oder weniger schuldig werde.
Aus dem weit ausholenden Themenspektrum dieses Bandes folgt zwangsläufig, dass die einzelnen Beiträge nicht immer aufeinander abgestimmt sind. Dies lädt zum selbständigen Weiterdenken ein, stellt aber auch die Frage, wie einzelne Autorinnen und Autoren ihre Überlegungen in Kenntnis der jeweils anderen gegebenenfalls reformulieren würden.
Berliner Bibliothek
Berlin u.a.: Peter Lang. 2025
374 Seiten mit farb. Abb.
44,95 €
ISBN 978-3-631-92727-4
