Eulenfisch - Limburger Magazin für Religion und Bildung

Thomas Brose: Zwischenbilanz. Von Aquin bis Zweifel

Der zum 60. Geburtstag von Thomas Brose zusammengestellte Band bringt eine Auswahl von Arbeiten aus dem Werk dieses Philosophen und Theologen. Er versammelt Texte verschiedener Genres, von kurzen feuilletonistischen Artikeln, etwa zum Werbespruch eines Möbelhauses mit Hinleitung zum „metaphysischen Obdach“, über Rezensionen und Würdigungen anlässlich von Jubiläen bis zu längeren Essays. Die in unterschiedlichste Richtungen ausgreifenden Texte lassen aber bald ihr inneres Band und ihren besonderen Wert erkennen, es ist der Blick des „Berliner Diasporakatholiken“, der aus der „Erfahrung in einem militant-atheistischen Umfeld“ auf Religion, Philosophie, Politik und Gesellschaft schaut und seine Schlüsse zieht. Diesen besonderen Blick, den Brose beim Schriftsteller Günter de Bruyn konstatiert, hat auch er selbst. De Bruyn hatte sich, wie Brose berichtet, in einem Vortrag über Heinrich Böll gefragt, ob dessen Kirchenkritik anders ausgefallen wäre, hätte er sich – wie er selbst – in der DDR mit dem kämpferischen Atheismus auseinandersetzen müssen.

Die geistigen Wurzeln dieses Atheismus und seine Verbindung mit einem verhängnisvollen messianischen Diesseitsutopismus, der Menschenrechte und Menschenwürde bedroht, sind Gegenstand von zwei längeren Beiträgen. Brose zeigt, wie politische Zukunftskonzepte, die zu Heilslehren verklärt werden, die Person zum Mittel herabwürdigen und sogar opfern, um ein letztlich unerreichbares innerweltliches Paradies zu schaffen. Eine solche „politische Religion“, wie Brose im Anschluss an Eric Voegelin formuliert, habe daher in der DDR und der Sowjetunion das christliche Verständnis des Menschen als „Person“ mit Freiheit und Würde durch das „der sozialistischen Persönlichkeit“ ersetzt, die als bloßes Rädchen des großen Gefährts der sozialistischen Gesellschaft auf ihrem Weg zum Idealzustand des Kommunismus zu funktionieren hat.

Daran schließt ein Beitrag an, der die Ursprünge dieses Denkens bei Hegel aufspürt. Dessen geistphilosophische Geschichtsdeutung und die daraus abgeleitete Staatstheorie haben bereits das Subjekt als reinen Durchgang des zu sich selbst kommenden Geistes aufgefasst. Das eigentliche Subjekt ist der Obrigkeitsstaat, nicht der Einzelne, der sich unterzuordnen hat. Marx hat die hegelsche Geschichtsphilosophie nur materialistisch gewendet mit allen verhängnisvollen Konsequenzen für die Autonomie des Menschen in den nach seiner Theorie modellierten Gesellschaftsexperimenten.

Das ist der wichtige theoretische Teil dieses Bandes. Der praktische kreist dann um die Erfahrung des gottlosen Großstadtlebens, denn durch die Texte spricht ja der „Berliner Diasporakatholik“, der sowohl die schwierige Lage der Katholiken in der DDR miterlebt als auch die Neuanfänge nach der Wende mitgestaltet hat. Unter anderem war er beteiligt an der Neueinrichtung des Guardini-Lehrstuhls an der Humboldt-Universität. Leitbilder für die von Brose „Berliner Ansatz“ genannte Praxis eines nachbarschaftlichen Miteinanders von Christen und Atheisten, Glaubenden verschiedener Religionen und Nichtglaubenden sind die drei Theologen und Seelsorger Carl Sonnenschein, Dietrich Bonhoeffer und Romano Guardini. In Eugen Bisers Auseinandersetzung mit Nietzsches Glaubenssatz „Gott ist tot“, der letztlich ein Verzweiflungsschrei ist, findet Brose Anstöße für den Dialog mit dem Atheismus. Vehement wehrt er sich gegen die Ausblendung von Berlin in einem Band über „Erinnerungsorte des Christentums“. Neben Kunst und Kirchenmusik gehöre grade auch die Metropole „als Ort des Nachdenkens und des Erinnerns“ dazu, weil er „Religionskritik, Agnostizismus und Atheismus mit auf die Rechnung setzt“.

Authentisch werden diese Reflexionen durch biographische Notizen zu Broses eigenen Erfahrungen im atheistischen Überwachungsstaat: die Allgegenwart von Bespitzelung, Literatur zwischen den Zeilen lesen zu müssen, die Militarisierung der Erziehung in den Jugendorganisationen, sich rechtfertigen zu müssen, wenn man von der Geschichtslehrerin mit einer Caritas-Sammelbüchse gesehen wurde.

An einer Stelle allerdings stutzt man, wenn Brose aus der „Gotteskindschaft“ ableitet, dass „der Unterschied zwischen Schöpfer und Geschöpf in Gottes Natur aufgehoben wird“, und sich dabei auf Meister Eckhard bezieht. Tatsächlich gehört diese Auffassung zu Eckhards überspitzten Formulierungen seiner Spätzeit, in der er durch die Vergottungsfantasien überspannter Sekten beeinflusst war. Was wir als Geschöpfe erwarten dürfen, ist vielmehr Einigung, nicht Gleichheit.

Der Band ist eingeleitet durch ein Vorwort von Holger Zaborowski und schließt mit Würdigungen durch Hans Maier und Jürgen Israel. Wer dieses lesenswerte Buch einmal aufgeschlagen hat, legt es nicht so bald wieder aus der Hand.

Herausgegeben von Holger Zaborowski und Felicitas Hoppe
Berliner Bibliothek Bd. 12
Lausanne u.a.: Peter Lang Verlag. 2023
260 Seiten m. Abb.
45,20 €
ISBN 978-3-631-89518-4

Zurück