Eulenfisch - Limburger Magazin für Religion und Bildung

Thomas Großbölting: Die schuldigen Hirten

Im Jahr 2022 erschien eine umfangreiche Studie zu sexuellem Missbrauch im Bistum Münster und dem amtskirchlichen Umgang damit, an welcher Thomas Großbölting zusammen mit vier anderen Autoren mitgearbeitet hat (Bernhard Frings / Thomas Großbölting / Klaus Große Kracht / Natalie Powroznik / David Rüschenschmidt: Macht und sexueller Missbrauch in der katholischen Kirche. Betroffene, Beschuldigte und Vertuscher im Bistum Münster seit 1945, Freiburg 2022). Mit der vorliegenden Monografie legt der Autor die Quintessenz dieser Studie vor. Anders als der Haupttitel zunächst suggeriert, blickt er dabei nicht nur auf die „Hirten“, also klerikale Täter und deren Vorgesetzte in der Bistumsleitung, sondern auch auf das Umfeld, in dem Missbrauch vorkam, auf Strukturen und systemische Zusammenhänge. Dabei sind Seitenblicke über das Bistum Münster hinaus enthalten, etwa nach Irland, in die USA und weitere Länder – die Geschehnisse in Deutschland bilden jedoch den Hauptreferenzpunkt.

Nach zwei einleitenden Kapiteln, in denen der Autor sich mit den Definitionen von Missbrauch und der Chronologie der Missbrauchsaufdeckung und -aufarbeitung in der katholischen Kirche seit 2010 befasst, widmet er sich im dritten und umfangreichsten Kapitel den „Formen und Dynamiken des Missbrauchs“ (79–150). Ausgehend von einer konkreten Fallgeschichte fächert Großbölting diverse Aspekte auf: den Fall selbst, den Blick auf Betroffene sowie das Handeln bzw. Nicht-Handeln der Vertuscher, insbesondere in den Bistumsleitungen. Auch die Rolle und die Verantwortung der sogenannten Bystander, also der möglichen Mitwisser, Mit-Ahnenden und „Zuschauer“ im sozialen und kirchlichen Umfeld, etwa Eltern, Verwandte, Freunde, Pfarrhaushälterinnen und kirchliche Mitarbeitende, werden ausführlich betrachtet (141–150).

Erschütternd zu lesen ist, „wie wenig die Betroffenen zum Zeitpunkt des Geschehens im Fokus der Aufmerksamkeit standen“, wie Großbölting selbst bilanziert (88). Vom konkreten Fall gelangt der Autor zu den systemischen Fragen nach dem Umfang des Missbrauchs in der katholischen Kirche sowie insbesondere zu den Grundbedingungen, die Missbrauch gerade in der katholischen Kirche ermöglichten (102–116), wie beispielsweise eine rigide, tabuisierende Sexualmoral (110–111). Die langfristigen negativen Folgen des Missbrauchs für das Sozial- und Beziehungsleben von Betroffenen werden klar benannt (107).

Deutlich räumt Großbölting mit dem – wissenschaftlich längst widerlegten, aber dennoch nicht nur innerkirchlich weiter bestehenden – Vorurteil auf, es gebe einen direkten Zusammenhang von homosexueller Neigung und Missbrauch (119). Im Gegenteil weist er auf die katholische Homophobie als indirekten Ermöglichungsfaktor für Missbrauch hin, insofern die Tabuisierung von Homosexualität Missbrauch begünstige und Vertuschung fördere (119–120).

Den systemischen Fragen nach den sogenannten Ermöglichungsbedingungen von Missbrauch in der katholischen Kirche widmet Großbölting ein eigenes, großes Kapitel (151–207), in dem besonders die einseitigen und intransparenten Macht- und Entscheidungsstrukturen, eine unprofessionelle Personalführung und „mangelnde Distanz zu den Tätern“ sowie fehlende Sensibilität für die Betroffenen auf Seiten der Bistumsleitungen aufgezeigt und deutlich kritisiert werden (158–167, Zitat 166). Mehrfach und ausführlich konstatiert der Autor für weite Teile der katholischen Sexualmoral und den tatsächlichen Umgang mit den Zölibatsvorschriften durch den Klerus eine „Bigotterie und Doppelbödigkeit“, die Missbrauch, Verschweigen und Verdrängen zwar nicht direkt begründet und verursacht, aber indirekt ermöglicht und begünstigt hätten (Zitat 121, zudem 155, 195–207).

Im Schlusskapitel, das Resümee und Ausblick bietet, zieht der Autor kritische Schlussfolgerungen hinsichtlich zukünftiger „Aufarbeitungsszenarien“. Dabei benennt er unter anderem die Grenzen wissenschaftlicher Studien, das (zu) langsame Agieren des Staates sowie die offenen Probleme der Kirche, etwa das Priesterbild, die Machtkonzentration auf wenige Entscheider und die tabuisierende Sexualmoral (209–237).

Thomas Großbölting legt mit seiner Monografie eine gut lesbare, konzise geschriebene zeithistorisch ausgerichtete Darstellung zum Thema „Missbrauch in der katholischen Kirche“ vor, die Kontexte verdeutlicht und auf systemische Zusammenhänge hinweist. Zwar erscheint mancher Gedankengang dem Rezensenten etwas zu schnell gefasst und nicht immer ganz überzeugend, beispielsweise die Überlegungen zu einem möglichen Zusammenhang zwischen der Veröffentlichung der Enzyklika „Humanae vitae“ im Jahr 1968 und der Missbrauchsvertuschung (207). Insgesamt weisen die kritischen Analysen und klaren Schlussfolgerungen jedoch deutlich auf die wissenschaftlich erkannten, innerkirchlich wie gesellschaftlich aber teilweise weiterhin blinden Flecken im Kontext des Missbrauchs und des Umgangs damit hin. So bietet die vorliegende Monografie einen wichtigen Beitrag zum Thema „Missbrauch in der katholischen Kirche“ und dessen wissenschaftlicher Aufarbeitung.

Geschichte des sexuellen Missbrauchs in der katholischen Kirche
Freiburg: Herder Verlag. 2022
288 Seiten
24,00 €
ISBN 978-3-451-38998-6

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