Eulenfisch - Limburger Magazin für Religion und Bildung

Thomas Hieke / Konrad Huber (Hg.): Bibel um-gehen

Die Herausgeber Thomas Hieke und Konrad Huber, beide Professoren in Mainz, sind überzeugt: „Wer seine Reserven gegenüber dir Bibel aufgibt, der … taucht hinein ins volle Leben und darf sich überraschen lassen.“ (13) Weil manche dieser Überraschungen aber nicht nur angenehm sind, wollen sie zum Umgang mit solchen „provokativen und irritierenden Texten“ helfen: Man solle solche Texte nicht vermeiden, sondern sie stattdessen sorgfältig lesen und auch aus ihrem jeweiligen Kontext und historischen Umfeld heraus verstehen lernen.

Nach einer Einleitung werden in 37 kurzen Kapiteln 20 Texte aus dem AT und 17 aus dem NT von ebenso vielen Fachleuten erklärt. Alle Autorinnen und Autoren haben zumindest promoviert, die meisten lehren im akademischen Kontext, vor allem an katholischen Fakultäten. Konkret geht es bei den ausgewählten Texten dann um Aussagen zu Krieg und Gewalt, zu Sexualität und patriarchal-gesellschaftlichen Strukturen. Fast könnte man meinen, es ginge vor allem um die „üblichen Verdächtigen“, die heute für Christenmenschen, die in einer westlich-liberalen Gesellschaft sozialisiert wurden, schwer verdaulich sind. Doch bei den ntl. Texten ändert sich das Bild: Dort finden sich Texte, in denen es um provokative Aussagen Jesu zur Nachfolge geht, die in einem anderen gesellschaftlichen Umfeld Anstoß erregen können.

Die Erläuterungen helfen jeweils, die Texte besser zu verstehen und einzuordnen. Dabei ist klar, dass manche Texte einfach zu sperrig sind, um auf wenigen Seiten wirklich verständlich gemacht zu werden. Das gilt z.B. für Ez 16 (Jerusalem, die untreue Frau). Und doch ist man erstaunt, wieviel Michael Konkel in diesem konkreten Fall dann doch gelingt. Ein weiteres Highlight waren für mich die Erläuterungen von Andreas Michel zu Dtn 21 und dem „Umgang mit störrischen Kindern“. Durch die Vielfalt und in der Regel hohe Qualität der Beiträge werden sicher alle, die zu diesem Buch greifen, davon profitieren.

Man könnte höchstens fragen, ob eine Mischung aus übergreifenden Themen und konkreten Beispielen in der Summe nicht noch effektiver hätte sein können. Mehrfach wird in Beiträgen z.B. auf das Verhältnis zwischen Text und historischer Realität eingegangen. Aufgrund der Kürze der Beiträge sind das aber immer nur Einsprengsel, die kein Gesamtbild ergeben. Hier hätte man gerne etwas genauer gewusst, was es z.B. für das Gottesbild hilft, wenn etwa die Landnahme Israels in Kanaan in dieser Form nicht geschehen ist. Die Texte trauen das Gott ja trotzdem zu und sind über die längste Zeit ihrer Wirkungsgeschichte als Berichte über ein wirkliches Geschehen verstanden worden. Und für den Umgang mit den biblischen Gewalttexten hätte das Mit-Leiden Gottes in Christus sicher noch mehr Potential, als das in der gewählten Konzeption des Bandes zum Tragen kommt.

Nicht ganz eindeutig ist, an wen sich das Buch richtet: Die Gestaltung ist luftig, nicht zu viel Text auf einer Seite, mit kurzen Unterabschnitten und griffigen Formulierungen für die Überschriften: „Wurzelbehandlung unmöglich“ (zur Verfluchung des Feigenbaums) oder „Kopf ab!“ (zu Judit und Salome). Das deutet eher auf ein allgemein-bibelinteressiertes Publikum ohne vertiefte exegetische Kenntnisse als Zielgruppe. Die bei den Beiträgen angegebene Literatur zum Weiterlesen ist meistens so speziell, dass sie nur in gut ausgestatteten wissenschaftlichen Bibliotheken zu finden sein wird. Zumindest dieser Teil richtet sich wohl eher an Fachleute, die vor einer englischen Dissertation nicht zurückschrecken. Insgesamt kann man wohl sagen, dass ein gutes biblisches Grundwissen und eine gewisse Vertrautheit oder zumindest ein waches Interesse an exegetisch-theologischen Fragestellungen zum Verstehen des Bandes nicht schadet.

Das Buch ist laut Aufkleber auf dem Umschlag eine Fortsetzung von „Bibel falsch verstanden“, das von denselben Autoren 2020 herausgegeben wurde. Im Text selbst wird darauf jedoch nicht direkt Bezug genommen. In jedem Fall muss man den früheren Band nicht gelesen zu haben, um „Bibel-umgehen“ zu verstehen und davon zu profitieren.

Provokative und irritierende Texte der Bibel erklärt
Stuttgart: Katholisches Bibelwerk. 2022
334 Seiten
24,95 €
ISBN 978-3-460-25544-9

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