Eulenfisch - Limburger Magazin für Religion und Bildung

Thomas Jürgasch / Ahmand Milad Karimi: Jesus – Gottes Sohn? Ein interreligiöses Gespräch zum Konzil von Nizäa

Wer ist Jesus von Nazareth? Ist er wirklich Gottes Sohn? Oder ist er nur ein besonders begnadeter Mensch? Ein Prophet, eine charismatische Persönlichkeit, ein geisterfüllter Wanderprediger, der die Menschen inspirieren und in einem Maße faszinieren und für sich gewinnen konnte, dass er den Mächtigen gefährlich wurde und beseitigt werden musste?

Das Konzil von Nizäa hat im Jahre 325, also vor genau 1700 Jahren, definitiv Antwort gegeben: „Wir glauben […] an den einen Herrn, Jesus Christus, Sohn Gottes, als Einziggeborener aus dem Vater gezeugt, d.h. aus dem Wesen des Vaters, Gott aus Gott, Licht aus Licht, wahrer Gott aus wahrem Gott, gezeugt, nicht geschaffen, wesensgleich dem Vater.“ (DH 125)

Thomas Jürgasch (geb. 1978), seit dem Sommersemester 2020 Juniorprofessor für Alte Kirchengeschichte und Patrologie an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Eberhard-Karls-Universität Tübingen, und Ahmad Milad Karimi (geb. 1979), Professor für Kalām, Islamische Philosophie und Mystik an der Universität Münster, sprechen miteinander über genau diese Antwort des Konzils. Ein interreligiöses Gespräch zwischen einem Christen und einem Muslim entsteht über die Frage, was denn dieses für heutige Ohren etwas old-fashioned klingende Bekenntnis zu Jesus als dem Sohn Gottes bedeutet. In zwei Schritten wird vorgegangen:

Zunächst kommt unter dem Titel „Gottes Sohn – Menschensohn?“ Grundlegendes zu Christologie zur Sprache (13-77), um sodann näher auf das Bekenntnis von Nizäa und die Umstände des Konzils selbst einzugehen (169-167). Zum Schluss wird kurz Resümee gezogen und in die Zukunft geblickt (169-171). Überschaubare Literaturhinweise schließen den Gesprächsband ab.

Einleitend wird über die biblische Bedeutung christologischer Hoheitstitel reflektiert, über „Sohn Gottes“, „Christus“ (Messias), „Kyrios“ und Menschensohn. Vieles wird nur angeschnitten oder gar nicht erwähnt: z.B., dass Jesus zeit seines öffentlichen Wirkens für sich den „extrem aufgeladenen“ (16) messianischen Würdenamen keineswegs in Anspruch genommen hat. Unerwähnt bleibt auch, dass erst in der Passionsgeschichte Jesu Predigt und Sendung der nahegekommenen Königsherrschaft eine definitive Wende erfährt. In der Leidensgeschichte gründet das Christus-Bekenntnis und offenbart sich die Tiefe und Hintergründigkeit des Kreuzesgeschehens. Doch von all dem erfährt man nichts. Stattdessen wird so getan, als sei das christologische Bekenntnis ebenso widersprüchlich und paradox wie das Offenbarungsverständnis im Islam. Beide Gesprächspartner sind sich einig darin, dass sich der Glaube im Raum von Paradoxien zu bewähren habe, „nicht um sie zu eliminieren, sondern um in ihnen die Spur des Göttlichen zu erkennen“ (43).

Es zeigt sich hier, wovor Thomas von Aquin mit Aristoteles bereits warnte: Parvus error in principio magnus est in fine. Es geht auf dem Konzil von Nizäa nicht darum, Paradoxien und Widersprüche aufzustellen, sondern darum, Göttliche Offenbarung, das Wort Gottes, verständlich zu machen. Wer das Wort Gottes im Koran oder in Jesus Christus für selbstverständlich hält, weiß nicht, worauf die christliche Botschaft durch ihren Inhalt antwortet. Dass Gott zu Wort kommt und den Menschen in ein Verhältnis zu sich selbst bringt, das in ihm als die Liebe zwischen dem Vater und dem Sohn besteht und deshalb von göttlicher Realität ist, zeigt in dramatischer Weise: Die christliche Botschaft macht sich selbst verständlich; und zwar durch ihren Inhalt. Wir dürfen nicht vergessen: Die christliche Botschaft spricht nicht vom Wort Gottes. Sie behauptet vielmehr, selbst das Wort Gottes zu sein (vgl. 1 Thess 2,13).

So handelt der zweite Teil des Buches zwar von der religiösen Universalität des Christentums, zu wenig aber vom dogmatischen Kern der Konzilsaussage. Zunächst wird über die historischen Ereignisse gesprochen, die zum Konzil selbst geführt haben (79-119). Dabei wird keineswegs der Donatismus, wohl aber die spezifische Märtyrerchristologie ausgeblendet, die sich in der Zeit der Christenverfolgung herauskristallisiert hat. Sodann werden die divergierenden Positionen des alexandrinischen Priesters Arius († 336) und die Alexanders von Alexandria († 326) gegenübergestellt, allerdings so, dass Ahmand M. Karimi großes Verständnis für den Arianismus zeigt: „Arius‘ Haltung war sowohl biblisch als auch philosophisch gut begründet und erschien damit intellektuell allgemein überzeugend. Hättet Ihr Euch nur an ihn gehalten!“ (129)

Übersehen wird bei dieser Sympathiekundgebung nur eins: dass Jesus unser Erlöser ist. Die Erlösung des Menschen hängt aber an der Gottgleichheit Jesu; denn nur Gott kann erlösen, d.h. Gemeinschaft mit sich selbst schenken, das Heil. Der christliche Glaube hätte seine Identität verloren, sofern er dem arianischen Versuch erlegen gewesen wäre, sich fugenlos in das griechische Vorverständnis eines mittleren Platonismus einzufügen. Insofern hat das Konzil von Nizäa durchaus einen Punkt unter eine vehement geführte Debatte gesetzt. Definitiv kommt das Verhältnis des historischen Jesus zu Gott zur Sprache und der christliche Glaube als das Anteilhaben an eben diesem Gottesverhältnis zu Wort, verbunden mit dem Recht, sich betend durch Jesus Christus im Heiligen Geist an Gott zu wenden. Dass diese Punktsetzung durch das Konzil von Nizäa nicht als Setzung eines Schlusspunktes zu verstehen ist, liegt auf der Hand und zeigt sich etwa im Konzil von Chalkedon (451), das neben dem wahrhaft Gottsein (vere Deus) auch das wahrhafte Menschsein (vere homo) Jesu bekennt. Das Konzil von Nizäa stellt die theologische Vertiefung in Permanenz nicht in Frage, sondern unterstreicht im Gegenteil seine bleibende Bedeutung.

Freiburg: Herder Verlag. 2025
173 Seiten
18,00 €
ISBN 978-3-451-39866-7

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