Eulenfisch - Limburger Magazin für Religion und Bildung

Thomas Kaufmann: Reformation

Der Göttinger Kirchenhistoriker Thomas Kaufmann hat schon eine beachtliche Zahl an Überblickswerken über die Reformation und Martin Luther vorgelegt und ist offensichtlich im Vorfeld von 2017 ein gefragter Autor. Seine Darstellung bei Reclam ist sehr knapp gehalten und daher eine Einführung für eilige Leser. Das Konzept des Bandes folgt dem der Reihe C.H. Beck Wissen, wo bereits ein Bändchen Kaufmanns über Luther und eine seit etlichen Jahren bestens etablierte und in mehreren Auflagen erschienene Einführung in die Reformation von Luise Schorn-Schütte vorliegt.

Zum Verständnis von Kaufmanns Zugang zur Reformationsgeschichte ist seine Definition hilfreich: Reformation versteht er als „die Summe jener politisch-rechtlichen Prozesse in den Städten und Ländern Lateineuropas, die das überkommene Kirchenwesen aus seiner Einbindung in das institutionelle Gefüge der römischen Papstkirche herauslösten, die Geltung des kanonischen Rechts außer Kraft setzten und volkssprachliche gottesdienstliche Ordnungen einführten.“ (24). Die theologische Debatte um den Ablass, die sich rasch auf andere Felder verlagerte, namentlich die Ekklesiologie, wird damit gewissermaßen unter die Voraussetzungen gefasst, während das „Eigentliche“ der Reformation eben in den politischen und rechtlichen Transformationsprozessen bestehe.

Konsequenterweise spielt die Theologie in Kaufmanns Darstellung praktisch keine Rolle. Er beginnt – nach einer dem Konzept der Reclam-Reihe entsprechenden persönlichen Hinführung – mit einem Kapitel über den Reformationsbegriff von der kirchenpolitischen Forderung im Mittelalter bis zur Epochenbezeichnung des 19. Jahrhunderts. Daran schließt sich ein Kapitel über „Lateineuropa um 1500“ an, womit das von der römischen Kirche geprägte Mittel- und Westeuropa gemeint ist, und wo sich die üblichen Topoi eines reformationshistorischen Einleitungskapitels finden (politische Lage, Buchdruck, Humanismus, Heilserwartungen und -ängste). Das Kapitel über „Luther und die Anfänge der reformatorischen Bewegung“ bleibt biographisch und ereignisgeschichtlich, ähnlich das folgende über die Reformation im Reich und in Europa nach 1521. Diese Abschnitte bilden hinsichtlich Inhalt und Umfang den Hauptteil des Büchleins. Sechseinhalb Seiten werden sodann den nicht-lutherischen Formen von Reformation gewidmet, so dass sich die schweizerischen Reformationen Zwinglis und Calvins, Täufer und Spiritualisten dort finden.

Daran schließt sich ein Kapitel über „Konsolidierung und Erneuerung des römischen Katholizismus“ an, das sich mit dem Konzil von Trient (1545-63) und dem nachtridentinischen Katholizismus des späten 16. und 17. Jahrhunderts befasst. Auch hier kommt Theologie nur marginal zur Sprache, das Trienter Konzil erscheint als reine Abgrenzung gegenüber dem Protestantismus. Nicht zur Sprache kommen das Ringen des Konzils um seine theologischen Positionen, seine Interpretierbarkeit und nicht einmal sein Bemühen um das Gespräch mit protestantischen Gesandten und Theologen in der zweiten Tagungsperiode. Ganz im 16. Jahrhundert bleibt wiederum das Kapitel über Religionskonflikte und ihre Lösungen, wobei das Reich und Frankreich vom Schmalkaldischen Krieg (1547) bis zum Edikt von Nantes (1598) fokussiert werden.

Die Abbildungen des Bandes markieren sein größtes Manko: Es ist nicht zu kritisieren, dass ein solches Buch bebildert wird, wohl aber, dass die Abbildungen ohne jeden Bezug zum Text stehen oder ihn in unbeabsichtigte Richtungen drängen. Wie wäre es sonst zu erklären, dass das Trienter Konzil u.a. ausgerechnet mit dem „triumphierenden Luther“ eines Flugblatts illustriert wird? Gerade angesichts der herausragenden Bedeutung des Mediums Bild für die kommunikativen Prozesse der Reformation irritiert dieser sorglose Umgang mit dem Bild im vorliegenden Buch.

Kaufmanns Sicht von Reformation als Summe politisch-rechtlicher Transformationsprozesse korrespondiert dem Reformationsbild, das im Vorfeld des Jubiläumsjahres von dessen staatlichen Förderern propagiert wird. In extremer Form, die hier freilich so nicht vertreten wird, erscheint dann Reformation als Prozess der Herausbildung moderner Freiheitsrechte und Staatlichkeit. Problematisch an Kaufmanns Darstellung scheint aber das fast vollständige Ausblenden der Theologie, ohne die doch der gesellschaftlichen Transformation die Motivationsgrundlage fehlt. So bleibt die Darstellung äußerlich-ereignisgeschichtlich, die Leser lernen viele Fakten, aber wenig über das Fundament. Reformation erscheint in dieser Hinsicht vor allem als Bruch mit dem Bestehenden, die beachtlichen Kontinuitäten zur äußerst pluralen spätmittelalterlichen Kirche kommen nicht zur Sprache. Mit Kaufmanns Büchlein liegt ein solider und gut lesbarer ereignisgeschichtlicher Überblick vor, der sich vor allem an Leser mit wenig Zeit richtet und der sich für einen ersten Einstieg in die Reformationsgeschichte eignet. 

Reclam 100 Seiten
Stuttgart: Reclam Verlag. 2016
102 Seiten m. s-w Abb.
10,00 €
ISBN: 978-3-15-020430-6

 

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