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Thomas Nagel: Moralische Gefühle, moralische Wirklichkeit, moralischer Fortschritt
Fast vierzig Jahre ist es her, dass Thomas Nagels „Eine ganz kurze Einführung in die Philosophie“ unter der Frage „Was bedeutet das alles?“ für Furore sorgte, sein deutscher Übersetzer die Direktheit und Leichtigkeit dieses philosophischen Propädeutikums lobte. Dieses Büchlein trat seinen Siegeszug auch an den Schulen im deutschsprachigen Raum an. Das trifft ebenfalls auf seinen Aufsatz „What is it like to be a Bat“ („Wie ist es, eine Fledermaus zu sein?“) aus dem Jahre 1974 zu. 2025 schaffte er sogar den Sprung auf die Bühne des Hamburger Schauspielhauses und wurde in „Vampire´s Mountain“ rezitiert. Nagels Philosophie wurde populär.
Nun ist Nagel mittlerweile 88 Jahre alt, sein neuestes in deutscher Übersetzung erschienenes Buch ist schmal und enthält unter seinem etwas ungelenken Titel zwei Aufsätze. Der erste unter der Überschrift „Bauchgefühle und moralisches Wissen“ erschien erstmals 2021 in der „London Review of Books“, der zweite war bislang unveröffentlicht. Ganz so leicht macht Nagel es seiner Leserschaft trotz aller Konkretisierungen nicht.
Beginnen wir daher mit einem seiner konkreten Beispiele. Es kann für den Leser zum Gedankenexperiment werden. Der Philosoph Stuart Hampshire musste sich im 2. Weltkrieg als Mitglied des britischen Militärgeheimdienstes entscheiden, ob er einen Kollaborateur über dessen drohende Hinrichtung belügen solle, um von ihm für die Alliierten nützliche Hinweise zu bekommen. Es gab diese Möglichkeit, den Mann vor dem Erschießen zu bewahren, in Wirklichkeit nicht. Hampshire widersetzte sich. Ist eine Lüge nicht per se verwerflich? Nagel gelingt es auf diese Weise, auf einen grundlegenden moralischen Konflikt und die Unterscheidung zwischen einer konsequentialistischen Auffassung des Regelutilitarismus und einer deontologischen Intuition hinzuleiten. Eine Auseinandersetzung mit der Position David Humes, diesem „brillanten Beitrag zur Moralphilosophie“, muss wohl auch deshalb knapp ausfallen, weil es sich bei Nagels Text um eine Rede bei einer Preisverleihung handelte. Er bedenkt „das Für und Wider für jede Seite des Dilemmas“ und bezieht seine Leser in die Überlegung mit ein: Ist es nicht so, dass der Regelutilitarismus zwar nicht die Deontologie beseitigen will, wohl aber ihm daran gelegen ist zu zeigen, dass sie moralisch nicht grundlegend ist. Wäre es ein moralischer Fortschritt, deontologische Grenzen als „grobe Leitlinien“ anzusehen? Man könnte Ihnen Respekt zollen je nach dem, „wie ihr verhältnismäßig strenger Schutz wirklich dem Wohl der Gesellschaft oder der Menschheit als ganzer dient“.
Dem Fortschrittsgedanken widmet Nagel den zweiten Teil seines Buches. Wir wissen um Fortschritt in den Bereichen Technik, Wissenschaft, Wirtschaft oder Recht und sind uns auch mit Nagel darüber im Klaren, dass z. B. wissenschaftliche Entdeckungen etwas „über die Welt, das lange wahr war, bevor wir es entdeckten“, enthüllen. Nagel als moralischer Realist betont, dass es kein metaphysisches Bild von einer zeitlos gültigen moralischen Wahrheit geben könne. Stellen wir uns also Moral als einen Aspekt der praktischen Vernunft vor. Der Leser muss sich mit Nagels Auffassung auseinandersetzen, dass moralische Wahrheiten von praktischen Gründen handeln, die Antworten auf die Frage geben, wie jemand handeln soll. Moralische Gründe zu verstehen ist für Nagel eine speziell menschliche Eigenschaft, über auch schon kleine Kinder verfügen, die die Überzeugungen oder Wünsche anderer im Hinblick auf ihre eigenen Absichten verstehen können. Da äußert sich unausgesprochen eine didaktische Legitimierung des Philosophierens mit Kindern in ethischen Fragen.
Moralischen Fortschritt erläutert Nagel an mehreren Beispielen: an sozialer und wirtschaftlicher Ungleichheit, am Verständnis von Leibeigentum und Sklaverei, an Eigentumsrechten, Meinungs- und Religionsfreiheit. Die universalisierende Erkenntnis eines objektiven Wertes der Interessen aller Menschen oder aller fühlenden Wesen (damit ist schon ein Übergang zu Tierrechten gegeben) muss allerdings immer noch in eindeutige Handlungsgründe oder Leitlinien überführt werden.
Nagels Ausführungen über Sex und Moral am Schluss des Buches werden vielleicht nicht jedem gefallen. Er konzediert zwar, dass sexuelle Belästigung mehr als eine zwischenmenschliche Grenzüberschreitung, vielmehr eine „Form sozialer Ungerechtigkeit“ ist, gibt aber zu bedenken, dass nicht jede Äußerung unerwünschter sexueller Anziehung sofort als Beeinträchtigung des Gegenübers gewertet werden müsse. Bedenkenswert ist Nagels Feststellung, dass „unkorrektes Verhalten im Privatleben“ künstlerisches oder berufliches Ansehen nicht zerstören dürfe. In diesem Zusammenhang warnt er vor vorschnellem institutionellem Vorgehen, da Bestrafungsrichtlinien für „jede unsensible Bekundung sexuellen Interesses“ lähmend wirken könne. Aktuell beträfe das in Deutschland die politische Diskussion, ob Catcalling, diese verbale Form der Belästigung, einen Straftatbestand darstellen soll.
Thomas Nagel ist Realist und gleichzeitig – immer noch – ein Optimist. Wenn er am Schluss seiner Ausführungen von einer umfassenden Steuerung auf Weltebene spricht, so denken wir zunächst an den zu beobachtenden Verlust an moralischer Erkenntnis, an einen Rückbau dessen, was wir als moralischen Fortschritt zu sehen gewohnt sind. Nicht nur philosophieinteressierten Leserinnen und Lesern sei daher die Lektüre dieses Buches zu empfehlen. Dass auch diejenigen, die unsere Welt steuern, es lesen, das ist wohl doch eine zu optimistische Hoffnung.
Aus dem Amerikanischen von Karin Wördemann
Berlin: Suhrkamp Verlag. 2024
111 Seiten
23,00 €
ISBN 978-3-518-58828-4
