Eulenfisch - Limburger Magazin für Religion und Bildung

Tomáš Halík: Nicht ohne Hoffnung

Glaube im postoptimistischen Zeitalter
Aus dem Tschechischen von Markéta Barth unter Mitarbeit von Benedikt Barth

Von den drei „göttlichen Tugenden“ ist sie die leiseste. Während die Inhalte und die Formeln des Glaubens immer wieder kontrovers diskutiert werden, während der Liebe eine unbestrittene Autorität innewohnt, vermag man die Hoffnung nicht so recht einzuschätzen. Ist sie nicht nur ein letztes Heilmittel, anzuwenden, wenn sonst nichts mehr geht? Demgegenüber verweist Papst Benedikt XVI. in seiner Enzyklika „Spe Salvi“ darauf, dass die Glaubenskrise der Gegenwart „vor allem eine Krise der christlichen Hoffnung“ sei. Und schon vor einem halben Jahrhundert forderte der evangelische Systematiker Jürgen Moltmann eine „Theologie der Hoffnung“ ein und schrieb damit ein Kapitel Theologiegeschichte.

Tomáš Halík, tschechischer Priester, Gelehrter und europaweit gefragter Buchautor, ringt in den fünfzehn Kapiteln seiner Meditationen über die Hoffnung mit Fragen, die keine glatten Formeln vertragen. Dementsprechend verhalten lautet der deutsche Titel seines bereits im Jahre 2009 in einer Einsiedelei im Rheinland verfassten Werkes „Nicht ohne Hoffnung“. Diese Zurückhaltung ist sympathisch. Denn die großen Worte der Theologie scheinen auch deshalb so abgenutzt, weil allzu lange ihr spezifisches „Hoffnungsgewicht“ übersehen und durch selbstgewisse Verkündigungsrhetorik übertönt wurde. Dabei sind Grundbegriffe wie „Gott“ und „ewiges Leben“, so Halík, stets nur als Hoffnungszeichen begreifbar, als Angebot, Einladung und Herausforderung. „Ich bin mir dessen bewusst, dass ich zu einer Reihe von Sätzen des christlichen Glaubensbekenntnisses ein aufrichtiges ‚Amen‘ nur deshalb sagen kann, weil dieses ‚Amen‘ ‚ich hoffe darauf‘ bedeutet; d.h., ich beziehe mich nicht darauf auf Grund einer vollständigen Erkenntnis und eines kompletten Begreifens, sondern auf Grundlage der Hoffnung.“ Die Hoffnung ist hier die Energie, die den religiös begabten Menschen antreibt, sich den Geheimnissen des Glaubens zu stellen. Sie ist die Dynamik, die anzeigt, dass der Glaube das Sein sucht, nicht das Haben. Hierbei hat die christliche Hoffnung nicht viel mit den die säkularen Gesellschaften prägenden und immer wieder aufwühlenden Optimismusideologien zu tun, das führt Halík deutlich aus, genauso wie er die Hoffnung von der Sehnsucht abgrenzt. „Sehnsüchte haben eine Behausung, wohingegen die Hoffnung neben den Angeboten der Welt und des Jenseits wie ein ‚Obdachloser‘ erscheint […]. Die echte Hoffnung bezieht sich auf keine Sache mehr, selbst wenn sie noch so heilig wäre; sie bezieht sich auf Gott, der keine ‚Sache‘ ist.“

So erscheint die Hoffnung tatsächlich als eine herausfordernde, eine „göttliche“ Tugend. Umso wichtiger ist es, dass der Autor sein Leitmotiv mit der christlichen Lebenspraxis verknüpft. Dann entdeckt er, und der Leser mit ihm, dass in jedem ernst gemeinten, gar „sakramentalen“ Versprechen, in jedem redlichen Gebet oder im Akt der Vergebung die Hoffnung gegenwärtig ist und sein muss. „Nüchtern betrachtet, ist es eine sehr riskante und mutige Tat, im Unbekannten zu ankern. Der Mut, den man braucht, diese Taten zu vollbringen, wird Hoffnung genannt.“ Auch ein ganz besonderer „Held“ dieses Buches, der biblische Hiob, dem die traditionellen Antworten nicht mehr genügen, wächst, so Halíks tiefgründige und weiterführende Interpretation, gerade durch das Motiv der Hoffnung über jede „kaufmännische Erwartungshaltung an Gott gemäß dem Modell Soll und Haben“ hinaus. So erweist sich die Hoffnung gerade an den Grenzen unseres Lebens, zuletzt auch im Angesicht des Todes, als das, was unserem Status als „Viator“, als Pilger durch ein häufig genug rätselhaftes Dasein, am meisten entspricht.

Wie schon „Geduld mit Gott“ oder „Berühre die Wunden“ ist auch dieses Buch von Tomáš Halík sehr zu empfehlen. Es ist ein anspruchsvolles, gleichwohl gut lesbares Werk, dessen Grundmotiv und einzelne Formulierungen den Leser noch lange begleiten.

Freiburg: Herder Verlag. 2014
254 Seiten
19,99 €
ISBN 978-3-451-33087-2

 

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