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Tomáš Halík: Traum vom neuen Morgen. Briefe an Brückenbauer
Der tschechische Soziologe und Theologe Tomáš Halíkgehört sicher zu den produktivsten Autoren der Gegenwart. Der im Untergrund geweihte Priester entzieht sich dabei gängigen Etikettierungen. Seine Werke sind gleichermaßen akademisch fundiert wie spirituell orientiert. So ist auch der „Traum vom neuen Morgen“ beides zugleich. Halík wählt dabei die literarische Gattung des Briefes, wobei er methodisch sich an C.G. Jungs „aktive Imagination“ anlehnt. In zwölf Briefen kommuniziert er Visionen und Träume von einer Zukunft der Kirche an einen fiktiven Papst Raphael. Der Papst seiner Träume ist nicht nur die oberste Lehrautorität der Kirche, sondern auch „geistiger Begleiter, Mystagoge, Hirte und Diener aller geistig offenen, durstigen und suchenden Menschen – sei es innerhalb der religiösen Gemeinschaften oder jenseits ihrer sichtbaren Grenzen“. (10)
Halík geht es darum aufzuzeigen, wie die bisherige Gestalt des Christentums sich transformieren kann, ohne dass sich dabei seine Identität auflöst, sondern diese neu zu finden ist. So trägt auch der zweite Brief die Überschrift „Identitätssuche“. Nachdem das mittelalterliche Christentum seine soziale Funktion als gesamtgesellschaftlich tragende „Religion“ verloren hat und in der Neuzeit das Christentum soziologisch zu einem von vielen „Weltbildern“ geworden ist, sieht er die Hauptaufgabe des Christentums in einer spirituellen Unterscheidung dessen, was in den geschichtlichen Prozessen der Gegenwart die Sprache Gottes und nicht die Sprache der Welt ist.
„Gott als Zukunft“, so der Titel des vierten Briefes, zeigt sich in der Geschichte „fortdauernd“ als Schöpfung und Inkarnation, als Kreuz und Auferstehung und Pfingsten. Diese unterschiedlichen Weisen der trinitarischen Gottesbegegnung wirken zusammen und ergänzen sich. Ihr dogmatischer Gehalt drückt sich aus in ihrer fortdauernden anthropologischen Erfahrbarkeit. Es gibt nicht nur eine Creatio continua, sondern auch eine Incarnatio continua, eine Passio continua und eine Resurrectio continua. Darin liegt die „innere Kraft der Religion“, die dazu führt, dass die Katholizität der Kirche sich gerade in der Verantwortung für das Gemeinwohl in der Welt zeigt. Daher ist der sechste Brief pointiert betitelt „Mutter Kirche, komm aus dir heraus“.
Damit wird der Glaubenspraxis eine andere Wertigkeit gegenüber der Glaubenslehre zugewiesen. Beide sind auf der Suche: einerseits auf der Suche nach Wahrheit, andererseits auf der Suche nach einem authentisch gelebten Christentum heute. Einem Christentum, das sich durch Freiheit und Mündigkeit auszeichnet, für die der Papst (fiktiv wie real) der Brückenbauer sein sollte. Daher gehört die prophetische Kritik, tote Gottesvorstellungen als Götzen zu kennzeichnen, zu dieser neuen Gestalt des Christentums. Orientiert am Dreiklang Glaube, Liebe, Hoffnung werden in den beiden letzten Briefen die klassischen eschatologischen Themen Hölle und Himmel angerissen. Es geht darum, die Hölle zu leeren und den Himmel zu füllen.
Glaube, Christentum und Kirche sind in einer Krise. Diese Krise ist Ausdruck eines Transformationsprozesses. Dessen Analyse gelingt Halík auf einem verständlichen, lesbaren Niveau mit originellen Formulierungen. Dabei ist seine Nähe zum synodalen Reformprozess des realen Papstes offensichtlich. Die Zukunft der Kirche liegt in ihrer geistlichen Erneuerung. Dies ist kein seichter oder vertröstender Spiritualismus, sondern bei Halík durch umfangreiche theologische Kenntnisse untermauert. Es gelingt ihm im Unterschied zu manchem trockenen wissenschaftlichen Werk, grundlegende Fragen der Theologie nachvollziehbar zu präsentieren. Für alle, die Halík noch nicht kennen, wird er eine Entdeckung sein.
Freiburg: Herder Verlag. 2024
202 Seiten
22,00 €
ISBN 978-3-451-39903-3
