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Topoi und Netzwerke der religiösen Rechten. Verbindende Feindbilder zwischen extremer Rechter und Christentum
Der vorliegende Sammelband stellt sich der Frage, inwieweit religiös konnotierte Feindbilder als Kitt internationaler Netzwerke dienen, indem sie die Kohäsionskräfte zwischen den unterschiedlichen extrem rechten Bewegungen in Russland, den USA und in Deutschland verstärken.
Blickpunkt Russland: Regina Elsner analysiert in ihrem lesenswerten Beitrag zur „Russisch-Orthodoxen Kirche im Netzwerk globaler rechts-konservativer Kräfte“ (27-44), wie die Russisch-Orthodoxe Kirche (ROK) den Angriffskrieg gegen die Ukraine zum ‚cultural war‘ erklärt. Sie zitiert dazu den Moskauer Patriarchen Kyrill in einem 2024 publizierten Nakaz (Instruktion): „Aus spiritueller und moralischer Sicht ist die spezielle Militäroperation ein heiliger Krieg, in dem Rußland und sein Volk den einheitlichen spirituellen Raum der Heiligen Rus‘ verteidigen und die Mission des „Aufhalters“ [kathekhon] erfüllen, um die Welt vor dem Ansturm des Globalismus und dem Sieg des Westens, der dem Satanismus verfallen ist, zu schützen“ (38f). Dies setzt sich in einer Netzwerkarbeit der ROK fort, „die seit vielen Jahrzehnten die Entpolitisierung des internationalen kirchlichen Diskurses vorantreibt und gleichzeitig offensive Werte- und Identitätspolitiken unterfüttert.“ (40) Hier stellt Elsner sowohl Bezüge zu internationalen evangelikalen christlichen Gruppen heraus, geht aber ebenso auf beabsichtigte strategische Partnerschaften zur römisch-katholischen Kirche und zu konservativen Kirchen der Reformation im ÖRK – häufig aus dem globalen Süden – ein. Eine zentrale Rolle in diesem Kulturkampf spielt der Schutz traditioneller Werte von ‚Familie und Mutterschaft‘. Die damit einhergehende Dämonisierung homosexueller Menschen analysiert Oleg Morozov in seinem Beitrag zur „Institutionalisierung der politischen Homophobie“ (45-76). Er schildert die „moderne Kriegstheologie“ der ROK, „in der sich langatmige Sündendiskurse mit Geopolitik und Verschwörungspropaganda vermischen“ (62). Diese aggressive Rhetorik findet ihr resonantes Netzwerk vor allem bei rechten christlichen Bewegungen in den USA.
Blickpunkt USA: Während in Russland die ROK als christlicher Monopolist auftreten will, bilden die religiösen Rechten in den USA eine sehr diverse Szene, die von pfingstlerisch-charismatischen Netzwerken über religiöse Influencer in den Sozialen Medien bis hin zu ultrakonservativen Kreisen in den verschiedenen christlichen Großkirchen reicht. Maria Hinsenkamp schlägt in ihrem inspirierenden Beitrag (125-144) für die Vernetzungen dieses ‚fluiden Feldes‘ den Begriff der „Kingdom-minded Network Christianity“ (KiNC) vor, deren gemeinsame Vision sich als „‚Herrschaftstheologie‘ (Dominion Theology) mit der Ausrichtung auf eine umfassende Gesellschaftsreformation“ (129) beschreiben lässt. Damit verbunden ist die Idee einer schrittweisen Herbeiführung der messianischen Zeit und letztlich der Wiederkunft Christi. Die anschlussfähigen Narrative dieses fluiden Feldes beschreiben die ‚Reinheit‘ der eigenen Gruppe über traditionelle Geschlechter- und Familienbilder und dämonisieren abweichende Identitäten, speziell solche der LGBTQI+-Community. International vernetzt sich das KiNC einerseits über die wachsende Szene der Christfluencer – auch in Deutschland. Andererseits ist eine Kompatibilität mit den Narrativen extrem rechter politischer Bewegungen sichtbar. In den USA sind Teile der Trump-Administration davon betroffen. Darüber hinaus reicht das Netzwerk in die suprematistische Alt-Right und in die Verschwörungserzählung der Q-Anon hinein. Versatzstücke dieses Weltbildes finden sich bis ins Bekennerschreiben des Hanau-Attentäters Tobias Rathjen – hierzu der Beitrag von Fatih Bahadir Kaya (145-164).
Blickpunkt Deutschland: Der Beitrag von Dominik Gautier greift die anti-ökologische Position der religiösen Rechten in den USA auf (77-96), die auch in Deutschland politische Parteien wie die AfD mit rechten christlichen Gruppen vernetzt. Dahinter steht u.a. die gemeinsame Idee einer Relativierung des menschengemachten Klimawandels, wenn dieser nicht sogar als ‚Klima-Religion‘ diffamiert und mit ‚Götzendienst‘ gleichgesetzt wird.
Vier Artikel des Bandes analysieren evangelikale und charismatische Bewegungen (Christliche Mitte, Evangelische Allianz, evangelikalen Pietismus) in ihren Bezügen zur politischen extremen Rechten. Der Beitrag „Verschwörungsglaube im evangelikal-pietistischen Milieu“ von Samuel Epp zeigt das Graufeld dieser Bewegung an der Grenze zur Beobachtung durch den Verfassungsschutz auf; u.a. am Beispiel des „Netzwerkes bibeltreuer Christen“, aber leider ohne zu erwähnen, dass die Leitfigur des Netzwerks, Pastor Jakob Tscharnke, im Jahr 2019 von einer AfD-Kampfschrift gegen die EKD als theologischer Gewährsmann benannt wurde (vgl. „Unheilige Allianz. Der Pakt der evangelischen Kirche mit dem Zeitgeist und den Mächtigen“, 22-24).
Zwei weitere Beiträge thematisieren die Bezüge zum konservativen Protestantismus innerhalb der Landeskirchen. Theologisch wird dabei gerne mit ‚naturrechtlichen‘ Kategorien argumentiert: Wenn Gott die Menschen ‚als Mann und Frau‘ (Gen 1,27) schuf, dann trete die angeblich menschengemachte ‚Konstruktion‘ weiterer gender/sexes in direkte Konkurrenz zum Schöpfer; diese Selbstüberhöhung des Menschen sei ebenfalls ‚Götzendienst‘. Karoline Ritter und Charlotte Jacobs untersuchen in ihrem Beitrag „Evangelischer Anti-Genderismus“ (315-342) die teils wütenden Reaktionen dieses christlichen Spektrums auf die „Bibel in gerechter Sprache“. Dass diese Kritik ebenfalls in die bereits zitierte Kampfschrift der AfD von 2019 übernommen wurde (s. dort Seite 19!), erwähnen sie leider nicht. Beide Beispiele weisen darauf hin, dass es hier nicht nur um ein ‚Netzwerk‘, sondern um eine direkte theologische Munitionierung von AfD-Strategiepapieren gehen könnte.
Zur Kritik: Die durchgängig lesenswerten Artikel des besprochenen Bandes stellen sehr überzeugend die vergleichbare Weltsicht russischer, US-amerikanischer und deutscher „Kulturkrieger“ heraus. Dies gilt auch für die christlich-religiösen Begründungsversuche ihrer Feindbild-Narrative. Etwas zu kurz kommen neben dieser Analyse die Beispiele für eine theologisch begründete Gegenrede. Ein sehr instruktiver Beitrag von Jan-Hendrik Herbst dekonstruiert am Beispiel des lukanischen Samariter-Gleichnisses die Bibelrezeption der christlichen Rechten (369-394), aber man hätte gerne noch mehrere Beiträge dieser Art gelesen.
Weiterhin fehlt im Buch ein Kapitel, das die unterschiedlichen identitätsstiftenden Wirkungen der einzelnen Narrative in den drei analysierten Hemisphären beschreibt. Als zentrales gemeinsames Narrativ aller drei rechten Hemisphären zeigt sich vor allem die Verteidigung traditioneller Geschlechter- und Familienrollen, deren säkulare Auflösung speziell am Beispiel der LGBTQI+Community dämonisiert wird. Die anderen genannten Narrative werden zwar gemeinsam bedient, wirken aber unterschiedlich konstitutiv.
In Russland stilisiert die nach der Sowjet-Zeit hastig wieder restituierte ROK den Krieg der „Heiligen Rus‘“ als Überlebenskampf der ganzen christlichen Zivilisation gegen die dekadente westliche, säkulare Kultur. Die ROK kann dabei anti-islamische Narrative bedienen, z.B. wo sie für den Schutz christlicher Minderheiten in islamisch bestimmten Gesellschaften eintritt, aber sie kann auch ohne – denn viele Muslime dienen in Putins Armee. Anders als die rechte Szene in den USA hat die ROK auch in der Frage nach dem menschengemachten Klimawandel keine notwendige Position. Die Enzyklika Laudato si von Papst Franziskus, der sich dabei auf den ökumenischen Patriarchen Bartholomäus bezog, wurde jedenfalls in Moskau nicht kritisiert. Zudem verbietet ihre welt-skeptische Neo-Patristik eine ‚prozessoral-millenialistische Weltsicht‘ (Maria Hinsenkamp). Mit Blick auf Deutschland müsste die ROK viele säkulare AfDler – Alice Weidel lebt in einer gleichgeschlechtlichen Partnerschaft – eigentlich als ihre Feinde begreifen.
In den USA wiederum ist die extreme Rechte vor allem in suprematistische Gruppendiskurse eingebunden (z.B. Alt-right). Das wichtige Kampfthema Migration führt hier zu einer Dämonisierung illegaler Einwanderer als Krimineller (‚drug-dealer‘), welche angeblich die Gesundheit und ‚Reinheit‘ der eigenen Bevölkerung gefährden. Anders als in der rechten Szene in Deutschland wird damit aber nicht „der Islam“, sondern der „narcotráfico“ als weltzerstörender Dämon vorgestellt. In dieser Logik stehen vor allem Latinos – und dann erst Afghanen oder Menschen aus anderen islamisch bestimmten Staaten – am Pranger. Gegenüber der ROK wiederum hat in den USA die Leugnung des menschengemachten Klimawandels größeres Gewicht, weil hiermit die angebliche ‚Selbsterlösungsdoktrin‘ als Ursünde des säkularen Menschen dargestellt werden kann.
Vom rechten Verleger Götz Kubitschek stammt der Satz, dass die identitäre europäische ‚Existierkunst‘ zwar nicht aus dem Glauben begründet sei, aber eine Form der ‚Ergriffenheit‘ voraussetze, die dem ‚christlichen Formenvorrat‘ entstamme. Natürlich gibt es auch fromme Eiferer, aber der überwiegende Teil der extremen Rechten in Deutschland versteht sich als säkular. Gemeinsam aber dämonisieren sie den gleichen kulturellen Antagonisten und fassen ihn explizit religiös: Der Islam. Konstitutiv ist die Angst vor der „Islamisierung des Abendlands“ als einer endzeitlichen Katastrophe. Eine so verstandene ‚christliche‘ Identität ist im Wesentlichen aber keine Glaubens-, sondern eine Herkunftsidentität. Kreuzsymbolik, Abendlandbegriff und die nur gegenüber den sog. „Volksgeschwistern“ geübte ‚christliche‘ Nächstenliebe werden vor allem als Spaltpilze gegen die Diversität pluraler Gesellschaften einsetzt. Diese Motive werden im besprochenen Band zwar am Beispiel der ‚Islamfeindschaft‘ (vgl. den Beitrag von Anna-Maria Meuth, 211-242) und der umstrittenen Rede vom „christlich-jüdischen Abendland“ (vgl. hierzu den Artikel von Jessica Hösel, 271-294) thematisiert, aber es fehlt ihre Zuordnung und Analyse als unterschiedlich konstitutive Parameter der drei extrem rechten Bewegungen in Russland, den USA und in Deutschland.
Hans-Ulrich Probst / Dominik Gautier / Karoline Ritter / Charlotte Jacobs (Hg.)
Bielefeld: transcript Verlag. 2024
398 Seiten
39,00 €
ISBN 978-3-8376-7530-6
