Eulenfisch - Limburger Magazin für Religion und Bildung

Über Jesus Christus sprechen im Religionsunterricht heute Theologische Grundlagen – Ökumenische Orientierungen – Didaktische Perspektiven

 

„Wer ist Jesus Christus?“ oder „In welchem Verhältnis steht er zu Gott?“ Diese und weitere Fragen nach Jesus (als) Christus und Sohn Gottes sind so alt wie das Christentum selbst und bilden seit jeher den Ausgangspunkt christlicher Reflexions- und Profilierungsbemühungen. Die frühen Christen hatten um diese Fragen nach der Identität des jüdischen Wanderpredigers lange gerungen und teils hitzig gestritten, bis die ersten Ökumenischen Konzilien – allen voran das Konzil von Nizää – durch ihre Lehrentscheidungen erstmals eine ebenso verbindliche wie bis heute überkonfessionell verbindende Klarheit geschaffen haben.

Wenn aber (bzw. falls) Schülerinnen und Schüler heute im Religionsunterricht (RU) nach Jesus Christus fragen, sind ihre Anfragen weniger dogmatischer als vielmehr individueller und persönlicher Natur: „Wer ist dieser Jesus Christus für mich?“ oder „Wie kann/soll/muss ich mir einen Menschen vorstellen, der zugleich Gott ist?“ Genau an dieser Scharnierstelle, nämlich der Vermittlung christlicher Dogmen und der persönlichen Auseinandersetzung mit ihnen im Kontext eines ökumenisch sensiblen Religionsunterrichts, will dieser Sammelband ansetzen. Um dieses ambitionierte Anliegen umzusetzen, haben die Herausgeber gemäß ihrer fachlichen Provenienz vielfältige Antwortversuche zu zentralen christlichen Fragestellungen aus verschiedenen theologischen Disziplinen, unterschiedlichen konfessionellen Traditionslinien sowie religiösen Perspektiven zusammengestellt.

Zur formalen Orientierung christlicher Fragestellungen in der Schulpraxis wird zunächst ein Überblick über die Lehrpläne des katholischen, evangelischen und orthodoxen RU in einzelnen Bundesländern (und Schulformen) sowie in unterschiedliche konfessionell-kooperierende Unterrichtsformaten gegeben. Aus diesen Einblicken lässt sich die für die religionspädagogische Praxis nicht unwichtige Tendenz ableiten, dass die Frage nach Jesus von Nazareth insbesondere in den Lehrplänen der Primar- und Sekundarstufe I dominiert, wohingegen Jesus als Christus eher Gegenstand der Sekundarstufe II zu sein scheint.

Dieser einseitig anmutenden, jedoch religionspädagogisch durchaus angemessenen Schwerpunktsetzung in den verschiedenen Lehrplänen werden im Folgenden die theologischen Grundlagen der Christologie und ihre essenzielle, ja identitätsstiftende Bedeutung für den christlichen Glauben insgesamt gegenübergestellt. Dabei legen die einzelnen Autoren vermeintlich altbekannte dogmengeschichtliche Entwicklungen überaus vielschichtig dar, indem sie diese um trinitarische, soteriologische und eschatologische Überlegungen erweitern. Einen besonders innovativen Ansatz liefert hier der Beitrag von Stefanos Athanasiou, welcher aktuelle Anfragen an Christologie und Anthropologie mit dem Transhumanismus verbindet.

Dass der Glaube an und das Bekenntnis zu Jesus Christus die christlichen Konfessionen – bei aller Verschiedenheit und Besonderheit(en) der einzelnen konfessionellen Traditionslinien – letztlich eint, wird im Weiteren verdeutlicht. Zugleich greift der Sammelband auch verschiedene Perspektiven innerhalb des interreligiösen Dialogs auf. So erläutert etwa Gregor Etzelmüller in seinem Beitrag das entschiedene „Nein“ des Judentums, des Islams und des Buddhismus zu Jesus als Christus ebenso anschaulich wie eindrucksvoll.

Im Anschluss daran wird die Frage nach Jesus Christus in einen gesellschaftlichen sowie in einen ökumenisch-didaktischen Kontext gestellt. Hier erweist sich die Analyse von Clauß Peter Sajak zum christlichen Religionsunterricht (RC) als besonders interessant, welcher ab dem Schuljahr 2025/26 in Niedersachsen implementiert werden sollte und der aktuell als Anhörfassung vorliegt. Denn ebenso wie in den bereits bestehenden Lehrplänen, so stellt Sajak fest, „verpuffen“ auch in diesem neu entwickelten RU die im Sammelband dargestellten Reflexionen und Überlegungen, insofern dem dezidiert „Christlichen“ in Form etwa eines verbindlichen Lerninhalts „Jesus Christus“ wenig konkret oder verbindlich Rechnung getragen wird.

Insgesamt stellt der Sammelband eine ausgesprochen lesenswerte Lektüre für den theologisch interessierten Leser dar. Durch die Vielfalt und Aktualität seiner Beiträge vermag er einerseits die Sach- und Fachkenntnis des Einzelnen zu vertiefen bzw. zu erweitern und anderseits den Blick für ökumenische und interreligiöse Perspektiven zu öffnen, welche für die schulische Praxis insgesamt immer wichtiger werden und die z.B. auch im RC eine wichtige Rolle einnehmen. Allerdings bleiben die vorgestellten Perspektiven und Reflexionen trotz vereinzelter praxisnaher Anknüpfungspunkte auf einer eher theoretischen Ebene, sodass eine didaktisch aufgearbeitete Übertragung auf den RU der jeweiligen Lehrkraft obliegt, wenn sie sich denn für eine Behandlung christologischer Fragestellungen im RU entscheidet.

Resümierend betrachtet hat der vorliegende Sammelband gezeigt, dass die in den unterschiedlichen theologischen Disziplinen reflektierte Frage nach Jesus Christus in der Fachwissenschaft zwar eifrig diskutiert und dabei sogar vielfach betont wird, die Fachpraxis diesbezüglich allerdings noch deutlich hinterherhinkt. Nichtsdestotrotz oder gerade deswegen gilt es gemäß des Schlussplädoyers Lützes, mehr Christologie im RU zu wagen!

Marina Kiroudi /Frank M. Lütze / Dorothea Sattler / Yannik Selke (Hg.)

Ostfildern: Patmos Verlag. 2025
318 Seiten
32,00 Euro
ISBN 978-3-7867-3401-7

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