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Ulrich Dobhan OCD / Elisabeth Peeters OCD: Johannes vom Kreuz – Leben und Mystik
Überaus kenntnisreich führen die beiden Autoren das wechselvolle Leben, das innovative Denken und die mystische Frömmigkeit des Heiligen Johannes vom Kreuz im historischen Kontext vor Augen. Darüber hinaus kennzeichnen sie Johannes‘ Einfluss auf die geistliche und die säkulare Dichtung. Einer Zeittafel als Überblick über das Leben und Wirken des 1542 in der Provinz Avila als jüngster Sohn in eine bitterarme Familie geborenen Juan de Ypes folgt in Abgrenzung zur Hagiografie die detaillierte erzählende Darstellung seiner Biografie.
Der neue Blick auf den Lebensweg von Juan de la Cruz mit seinen Höhen und Tiefen wirkt besonders plastisch: Die Autoren verknüpfen nämlich die markanten Stationen im konfliktreichen Leben des Karmeliters bis zu seinem Tod 1591, darunter die prägende Begegnung mit Teresa von Avila, jeweils mit dem Ort, an dem sich das Geschehen ereignet. Eine Karte Spaniens am Ende des Buches ermöglicht die genaue Lokalisierung. Ausführungen über die posthume Verehrung Juans, seine Entstellung in der Ordenstradition und die Wiederentdeckung schließen das erste Kapitel des Buches ab, das auch einen Einblick in die Entstehungsgeschichte der Werke enthält.
Ihre beeindruckende biografische Darstellung und die Würdigung seines Gesamtwerks verbinden die Autoren mit einer wichtigen überleitenden Kennzeichnung: Juan ist kein weltenthobener Mönch in seiner stillen Klosterzelle. Ungewollt in die Mühle ordensinterner Konflikte und Spannungen geraten, erfüllt er neben seinen seelsorglichen undankbare, zeitraubende Leitungsaufgaben. Während der spannungsreichen Jahre 1577-1591 schreibt er seine Werke, besonders fruchtbar als Prior von Granada 1582-1588. Ihre unterschiedlichen literarischen Gattungen und deren Rezeption werden kurz gekennzeichnet.
Der geistliche Weg Juans, sein Lebensthema, die Liebesgeschichte zwischen Gott und dem Menschen mit ihren verschiedenen Ausdrucksformen, kommt in den nächsten beiden Kapiteln nuanciert in den Blick: Gott als der tragende Grund des Daseins kommt als der Geliebte ins Spiel. Der uns Umwerbende sehnt sich nach Gegenliebe, eine Dynamik, die sich schon im Leben zu höchster Intensität entfaltet und im ewigen Jetzt weitergeht. Zu dieser personalen Liebesbeziehung gehört, dass Gott aufgrund seiner Transzendenz auch als dunkel erfahren wird.
Viele verbinden Johannes vom Kreuz vor allem mit seinen Erfahrungen von der dunklen Nacht der Seele. Diese existentielle Krise beinhaltet und bedeutet aber nicht, dass Gott abwesend ist. Vielmehr lernt Juan Gott darin neu und intensiver kennen. Seine narrative Theologie zu lesen, weckt die Hoffnung, von Gott auch in Schwächen, schweren Zeiten und Leiderfahrungen gestärkt zu werden und begleitet zu bleiben.
Bei der Schilderung seiner mystischen Erfahrungen schöpft Juans Symbolsprache aus unterschiedlichen Quellen, lebt jedoch von wenigen, besonders starken vielschichtigen Bildern: neben der Allegorie der menschlichen Liebe benutzt er die Motive Nacht und Feuer beziehungsweise Licht. Diese universellen Ursymbole mit ihren Konnotationen verbinden seine Mystik mit der jüdischen Kabbala und dem islamischen Sufismus. In den letzten Jahrzehnten wurden die semitischen Verbindungen der Bildsprache des Johannes intensiv untersucht. Am Schluss des vierten Kapitels stellen die beiden Autoren deshalb in einem kurzen, dichten Überblick ergänzend den geschichtlichen Rahmen dazu dar: Während des ganzen Mittelalters ist die iberische Halbinsel ein Schmelztiegel orientalischer und abendländischer Kulturen.
Johannes vom Kreuz ist ein in Gott verliebter Mystiker und begnadeter Dichter. Diese prägnante Kennzeichnung bündelt die Einsichten des vierten Kapitels. Das führt im abschließenden fünften zu der Frage: Wie lesen? In manchem zwar überraschend aktuell, sind Juans Texte damit noch keine leichte Kost. Sie sollten nicht nur rational, sondern auch mit dem Herzen aufgenommen werden. Sich in geduldiger Betrachtung von ihnen berühren zu lassen, kann helfen, eigene Erfahrungen zu deuten und einzuordnen.
Johannes vom Kreuz möchte Gotteserfahrungen ermöglichen. Im Vorwort zu seinem Buch „Geistlicher Gesang“ bringt er besonders zum Ausdruck, dass der Text auch wirkt, wenn nicht jede Einzelheit sofort klar ist. Seine Mehrdeutigkeit weist vielmehr darauf hin, dass Gott menschliche Vorstellungen übersteigt. Johannes ist es wichtig, seine Texte in ihrer Weite zu belassen. Damit berechtigt und motiviert er selbst seine Leser dazu, aus seinen Schriften auf ihre eigene Art geistigen und geistlichen Nutzen zu ziehen.
Das komplexe, gut lesbare, spannende Buch der beiden ihrem Ordensbruder verbundenen Karmeliter vergegenwärtigt auf dem aktuellen Stand der wissenschaftlichen Diskussion, dass und wie für heutige Leser die Spiritualität des Heiligen Johannes vom Kreuz im Kontext der Frage nach sich selbst und nach Gott erhellend sein kann. Vielfältige, hilfreiche Impulse ermöglichen es, den wegweisenden Mystiker Juan de la Cruz kennenzulernen und sich betrachtend mit seinem Werk auseinanderzusetzen.
Eine Einführung
Freiburg: Herder Verlag. 2025
304 Seiten m. s-w Abb.
28,00 €
ISBN 978-3-451-39875-9
