
Bestellen
auf Buch7.de - sozialer Buchhandel
Ulrich Steinvorth: Was Philosophie war, ist und sein kann. Eine kurze historische Einführung
Ulrich Steinvorth (*1941) war bis zu seiner Emeritierung Professor für praktische Philosophie an der Universität Hamburg und anderen Bildungsstätten im In- und Ausland. Die Hauptthesen des Buches kann man so zusammenfassen: Philosophie hat seit ihren Anfängen mit zwei Aufgaben zu tun: Die Seinsfrage dient der Klärung der Wahrheit. Unentschieden ist, ob das entscheidende Wahrheitskriterium als Übereinstimmung mit der Wirklichkeit oder als Kohärenz einer Theorie verstanden werden kann. Doch braucht die Philosophie diese Debatte nicht mehr umzutreiben, weil sie die Beurteilung der Seinsfrage an die Wissenschaft abgetreten hat. Demzufolge ist die zweite Aufgabe der klassischen Philosophie die Sinnfrage, seit der Entstehung der neuzeitlichen Wissenschaft die einzige Problemstellung – deren Bearbeitung Domäne der Philosophie geblieben ist.
Steinvorth fordert von der Wissenschaft, dass sie unpolitisch zu sein hat; andernfalls wird sie zur Ideologie, die ihre Wahrheitsansprüche – und seien es krasse Fake-News – mit Macht durchsetzt. Auf der Suche nach einem Kriterium der Sinnfindung greift Steinvorth auf die Idee der Autotelie bei Aristoteles zurück. Autotel sind Werte, die um ihrer selbst willen angestrebt werden. Zum näheren Verständnis geht der Autor auf Max Webers Theorie der Wertsphären ein, nach der es in den verschiedenen Tätigkeitsfeldern des Menschen – z.B. Wissenschaft, Kunst, Religion, Erotik – Ziele gibt, die um ihrer selbst willen gelten. Webers Kritik am Kapitalismus diagnostiziert, dass sich in ihm das autotele Handeln des souveränen Individuums zu heterotelem Handeln zwecks Profitmaximierung zurückentwickelt hat.
Im abschließenden Kapitel befasst sich Steinvorth mit der Ästhetik. Alles kann Kunst werden, auch Marcel Duchamps Pissoir, sofern wir es als Kunst betrachten, also darauf mit Staunen und Schrecken reagieren können. Für Autotelie reicht es nämlich nicht, unnütz zu sein, sondern Handlungen müssen einer Wertsphäre zugeordnet werden können, und das gilt nicht allein für Kunst, sondern für die anderen Wertsphären auch. Kunst ist für Steinvorth der älteste Weg, das Göttliche, also die Bedeutung von allem, zu verstehen, lange vor der Einführung religiöser Riten und Lehren. So macht sie etwas an der Welt verstehbar, was in der Begrifflichkeit sowohl des Christentums als auch der Wissenschaft verloren geht.
An dem Anspruch, auf 112 Seiten eine Philosophiegeschichte als „Überblick von der Antike bis zur Gegenwart“ zu bieten, kann ein Buch nur scheitern. Denn Philosophiegeschichte müsste natürlich auch über andere Epochen und Kontinente reden als die griechisch-römische Antike, die europäische Aufklärung und die westliche Moderne, auf die sich das Buch beschränkt. Es leuchtet mir auch nicht ein, „Wissenschaft“ (Singular) zum alleinigen „Richter über die Seinsfrage“ zu ernennen. Dass Physik, Biologie, Geschichtswissenschaft, Meteorologie gute Arbeit bei der Erforschung ihrer Gebiete machen, steht nicht in Frage, aber wie man alles, was zu den Wissenschaften gehört, von menschlichen Bemühungen unterscheiden kann, die diesem Anspruch nicht gerecht werden, bleibt meines Erachtens eine genuin philosophische Frage.
Das Buch ist also nicht als „Philosophiegeschichte“ lesenswert, sondern als Entfaltung der Thesen seines Autors und ihrer historischen Bezüge.
Stuttgart: Reclam Verlag. 2025
112 Seiten
7,00 €
ISBN 978-3-15-014677-4
