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Urs Eigenmann: Dom Hélder CâmaraKarl Vörckel
Es lohnt immer, sich mit Dom Hélder Câmara zu befassen, um die bekannten Stichworte – „Anwalt der Armen“ – noch einmal und detaillierter zu überdenken und um im Zuge des im Jahre 2015 begonnenen Seligsprechungsprozesses Neues zu erfahren. Aber dies ist kein neues Buch, sondern der teilweise Neudruck einer im Jahre 1979 abgeschlossenen Dissertation; über die letzten 20 Jahre im Leben Hélder Câmaras wird also nicht berichtet und nach 1979 erfolgte Veröffentlichungen werden nicht eingearbeitet.
Besonderen Wert legt das Buch auf eine Einteilung der Biografie Câmaras in drei Phasen: (1) Der Kindheit in einem armen, aber bildungsaffinen und recht kirchenfernen Elternhaus, dem Studium und den politische Aufgaben im Auftrag der Kirche (1909-1936), seiner integralistischen und antikommunistischen Orientierung; (2) der Übersiedelung nach Rio de Janeiro, dem Aufstieg zum Weihbischof und Sekretär der brasilianischen und lateinamerikanischen Bischofskonferenzen in enger Zusammenarbeit mit Regierungen, die soziale Reformen in Partnerschaft mit der Kirche anstoßen sowie (3) der Rückkehr in den Norden als Erzbischof von Olinda und Recife und als weltweit gefragter Protagonist lateinamerikanischer Befreiungstheologie und Anwalt der Armen des Kontinents, der von der Militärregierung Brasiliens des Kommunismus verdächtigt und totgeschwiegen wird und innerhalb der lateinamerikanischen und weltweiten Hierarchie auf Widerstände stößt.
Die politischen und theologischen Positionen Câmaras, seine „Bekehrungen“, werden durch Referat und Zusammenfassung herausragender offizieller Äußerungen, insbesondere der Rede zum Amtsantritt als Erzbischof von Olinda und Recife dokumentiert. Das Buch schließt ab mit einem Interview, das Urs Eigenmann mit Dom Hélder Câmara am 15. März 1979 in Paris geführt hat. Ein Anmerkungsapparat mit 600 Endnoten füllt über 50 Seiten, das Literaturverzeichnis weitere 20 Seiten des Buches.
Wer mit Menschen, die ihm begegnet sind, auf Hélder Câmara zu sprechen kommt, wird sehr bald einige Anekdoten erfahren, in denen seine Dialogbereitschaft und Menschenfreundlichkeit, seine zupackende Art und seine Frömmigkeit zum Ausdruck kommen. Verglichen damit arbeitet sich das Buch recht dröge durch Ernennungen und Entpflichtungen, Verlautbarungen und Reden. Am lebendigsten erscheint Dom Helder im abschließenden Interview.
Viele Fragen bleiben offen: Wie funktionierten die Basisgemeinschaften im Nordosten Brasiliens und welchen Anteil hatte der Erzbischof daran? Wie entwickelte sich das persönliche Verhältnis zwischen Dom Hélder Câmara und Giovanni Montini, später Papst Paul VI.? Wie beeinflusste der Konferenzsekretär die Bischofskonferenzen in Medellin und Puebla, wie schmiedete er Allianzen, wie überwand er Widerstände?
Im Interview sagt der Erzbischof: „Je herausfordernder die Wahrheit ist, desto mehr darf man nicht einmal den Eindruck erwecken, man habe Freude zu verletzen.“ Wünschenswert wäre ein Buch, das konkreter zeigt, wie Hélder Câmara diese Maxime in verschiedenen Stationen seines 90-jährigen Lebens verwirklicht hat.
topos premium
Kevelaer: Butzon & Bercker. 2016
303 Seiten
19,95 €
ISBN 978-3-8367-0015-3
