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Veronika Bachmann (Hg.): Ich bin doch da. Herausforderung Demenz
Der vorliegende Sammelband begegnet der Herausforderung Demenz aus spiritueller, theologischer und ethischer Perspektive und gibt praktische Hilfestellungen im Umgang mit Menschen mit Demenz und ihren An- und Zugehörigen bezüglich ihrer spirituellen und religiösen Bedürfnisse. Er stellt eine demenzielle Erkrankung in den Kontext der pastoralen Arbeit der Pfarreien, die idealerweise „Orte der Krisenprophylaxe und Resilienzförderung“ (199) sind, was einen sehr hohen Anspruch darstellt. Das Buch ist in drei Hauptteile gegliedert: Medizinische und psychosoziale Grundlagen, Demenz im Fokus von Spiritual Care, Ethik und Theologie und ein ausführlicher Teil mit Praxishilfen, der den Schwerpunkt bildet.
Im ersten Teil, der komplett von Irene Bopp-Kistler, der renommierten Züricher Altersmedizinerin, verfasst wurde, werden Fakten, Formen und Verläufe einer Demenzerkrankung beschrieben. Wichtig ist der Autorin das Diagnosegespräch. Dieses stellt einen ersten therapeutischen Schritt dar, bei dem „aktives Zuhören“ (32) essentiell ist und „Validation“ (32) von Beginn an als hilfreiche Methode dient. „Die individuelle Beratung und Begleitung der Angehörigen ist wichtiger als jeder andere therapeutische Ansatz“ (32), so die Erfahrung der Autorin. Den zweiten Beitrag widmet sie den psychosozialen Folgen für Betroffene und Angehörige, auch aus seelsorgerischer Sicht, denn die Erkrankung ist mit der Sinnfrage des Lebens eng verknüpft (43). Eine Demenzerkrankung ist nicht nur mit schweren Belastungen für die Betroffenen verbunden, sondern erschüttert das gesamte Familiensystem (vgl. 49). Angehörige, so die Autorin, „werden oft bemitleidet, aber nicht verstanden“ (49). Sie sind mit einem „permanenten Abschiednehmen konfrontiert (52) und möchten nicht an den Rand der Gesellschaft gestellt werden. Deshalb ist der Austausch mit anderen Betroffenen so hilfreich, sei es in Selbsthilfegruppen oder durch andere Gruppenaktivitäten (vgl. 53f). Auch die Seelsorge ist gefragt, so die Altersmedizinerin. „Eine seelsorgerische Begleitung kann hilfreich sein, weil im Sterbeprozess der Demenzkranken nicht bewusst Abschied genommen werden kann“ (58). Rituale können diesen Prozess begleiten und unterstützen. Abgeschlossen wird der Teil mit einem Glossar medizinischer Grundbegriffe.
Der zweite Teil startet mit dem Beitrag von Simon Peng-Keller, der konzeptionelle Klärungen einer interprofessionellen Spiritual Care beinhaltet. Peng-Keller unterscheidet zwischen seelsorglicher (spezialisierter) und gesundheitsberuflicher (generalistischer) Spiritual Care (vgl. 74), die jeweils einen unterschiedlichen Zugang zu den spirituellen Bedürfnissen der Betroffenen haben. Melanie Werren setzt sich in ihrem Beitrag „Der Schnee im Kopf wird dichter“ mit Demenz als Herausforderung und Gestaltungsaufgabe für die spirituelle Begleitung auseinander. Dabei legt sie einen besonderen Schwerpunkt auf die Begleitung der Angehörigen; sie beschreibt den seelsorglichen Prozess in Anlehnung an die Emmausgeschichte unter Berufung auf Maria Kotuleks in vier Schritten: mithörend, mitgehend, mitsuchend, mitdeutend (vgl. 82f). Franziska Pilgram-Frühauf stellt in ihrem Artikel die Selbstsorge von demenziell erkrankten Menschen in den Mittelpunkt, die sich nicht nur auf einer kognitiven, sondern auf auch auf leiblich-emotionaler, sozialer und spiritueller Ebene (87) abspielt. Die Kirchengemeinde könnte dabei ein Ermöglichungsraum von spiritueller Selbstsorge sein, damit sich Menschen mit Demenz aktiv einbringen und neue Sinnerfahrungen machen können. Stefanie Werren beschreibt Demenz aus ethischer Perspektive als einen Testfall für die Würde und Selbstbestimmung des Menschen; Joachim Negel erarbeitet anhand des Topos „Umnachtung – wo das Leben an seine Grenzen stößt“ mythologische, philosophische, psychologische und theologische Zugänge zum Phänomen Demenz.
Unter dem Titel; „Leben im Gedächtnis Gottes“ konzipiert Ralph Kunz in seinem Beitrag eine „Theologie der Demenz“, die darauf beharrt, „dass der Mensch nicht auf einen Defekt reduziert wird und dass auch im Torso der endlichen und zerbrechlichen Gestalt der menschlichen Existenz etwas Größeres und Ganzes aufscheint.“ (127); durch Klänge, Gerüche und Atmosphären, durch bekannte Riten und durch die Liturgie können Erinnerungen und Erfahrungen reaktiviert und reanimiert werden.
Der letzte Teil mit dem Titel „Keine Angst vor Begegnungen!“ (134) widmet sich umfassend dem praktischen Umgang mit Demenz. Dabei geht es darum, wie man Menschen mit Demenz authentisch und einfühlsam begegnen kann, wie Bedürfnisse von An- und Zugehörigen erkannt werden, wie seelsorgliche Begleitung gelingen und wie Gottesdienst mit Demenzbetroffenen gefeiert werden kann. Der Beitrag von Birgit Jeggle-Merz beschäftigt sich sakramententheologisch mit Demenz und dementiert, dass zum Sakramentenempfang ein kognitives Verständnis nötig ist, denn „die Zuwendung Gottes ist nicht davon abhängig, wie funktionstüchtig das Gehirn eines Menschen ist“ (183).
Zum Schluss werden die Kirchengemeinden in den Blick genommen. Die Pfarrei, so Hella Sodies, ist ein Ort der Sensibilisierung für den Umgang mit Erkrankten (200); sie ist ein „Ort der Entlastung“, ein „safe space“ (201) und ein Ort mit einer christlichen Willkommenskultur. Pfarreien können als „Biotope des Miteinanders von beeinträchtigten und ‚gesunden’ Menschen, wo Zugehörigkeit zweckfrei und niederschwellig gelebt werden kann“ (204), beispielhaft sein. Damit dies gelingt, fordert die Autorin, dass „in jedem Seelsorgeteam mindestens eine Person ein Grundwissen über Demenzerkrankungen mitbringt oder aufzubauen bereit ist, um als Multiplikatorin und Wegbereiterin für die Integration von Betroffenen und ihren Angehörigen zu wirken“ (205). Abschließend wird noch das Projekt „Drehscheibe Demenz“ (211) mit vielen einzelnen Veranstaltungen, Aktionen und Initiativen vorgestellt sowie der Film als Ressource im Umgang mit Demenz hervorgehoben. Zudem werden, verteilt auf das gesamte Buch, immer wieder Filme genannt, die für die Thematik sensibilisieren und sich gut für thematische Filmabende eignen.
Die Lektüre dieses Buches ist sehr empfehlenswert, besonders für Menschen, die im kirchlichen Bereich mit Demenz konfrontiert werden, als Seelsorgende oder pastorale Mitarbeiterinnen und im Ehrenamt. Wenn auch die Funktion und die Möglichkeiten der Kirchengemeinde hier sehr idealistisch beschrieben werden, sollten sich Christinnen und Christen in ihren Kirchengemeinden engagieren, um demenzsensibel zu werden.
Grundlagen und Praxishilfe für die kirchliche und seelsorgerliche Arbeit
Züricher Zeit Zeichen 2
Zürich: Theologischer Verlag. 2025
250 Seiten m. farb. Abb.
29,80 €
ISBN 978-3-290-20249-1
