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Volker Ladenthin : Zweifeln, nicht verzweifeln!
„Der Islam gehört zu Deutschland.“ Vielleicht hat der Urheber dieses Satzes nicht mit den Auswirkungen und Weiterungen gerechnet, die er ausgelöst hat. Gehört der Islam zu Deutschland? Gehört sein Unterricht an deutsche Schulen? Gehört Religion überhaupt in den öffentlichen Raum einer Gesellschaft? Und überhaupt: Gehört Religion zum Menschen?
Diese Fragenkette benennt der Bonner Erziehungswissenschaftler Volker Ladenthin als Auslöser für seinen Essay, in dem er ein deutliches Plädoyer für die religiöse Dimension alles menschlichen Seins ablegt. Sein Fazit vorweg: Religion gehört zum Menschen, weil der Mensch sich der Dynamik, die Religion ausmacht, gar nicht entziehen kann.
Der Gedankengang in Kürze: Die Konstitution des Menschen sorgt dafür, dass er sich schon immer im Raum des religiösen Denkens bewegt. Zum einen handelt jeder Mensch in der Zeit so, dass er die Zeit nach seinem Leben in den eigenen Verantwortungsbereich übernimmt. Jeder Mensch lebt aus der Überzeugung, dass sein Tun bleibende Gültigkeit hat. Ob er Kinder erzieht oder Bauwerke plant: Immer greift er über die Spanne seines eigenen Lebens hinaus und rechnet letztlich, so Ladenthin, mit Unsterblichkeit. Dieses Handeln über das eigene Leben hinaus gelingt nur dann, wenn es vom Standpunkt des gelebten Lebens her Gültigkeit beanspruchen kann, weil es dazu beigetragen hat, dass es für die Welt besser weitergeht. In diese Vorstellung kann man, wie Ladenthin es tut, die Vorstellung eines jenseitigen Lebens einbeziehen – als Ideal eines sittlich erfüllten Lebens.
In einem zweiten Gedankengang führt der Verfasser die zeitliche Linie qualitativ fort: Die gesamte Menschheit strebt immerfort nach Verbesserung, die nur dann möglich ist, wenn wir eine Idee des Vollkommenen in uns tragen. Ohne sie wäre Entwicklung nicht möglich – nicht die Entwicklung des Staubsaugers und auch nicht die des Weltfriedens.
Insofern ist die Religion der „Zweifel an irdischer Endgültigkeit“ (55). Dieser Zweifel ist Ausdruck der Vernunft, die auf Setzungen jenseits ihrer Möglichkeiten angewiesen ist. Religion ist dann die „Manifestation dieses Wissens um das prinzipielle Nicht-alles wissen-Können von dem, was für unser Handeln vorauszusetzen und relevant ist“ (67). Was Ladenthin hier relativ sportlich vorlegt und mit Alltagsanalogien versieht, hat für ihn die Qualität eines Religionsbeweises: „Daher steht alles Wissen auf Vertrauen. Die Philosophie führt uns mit der Erkenntnistheorie an die Grenze, vom Diesseits her. Die Religion blickt von der anderen Seite auf diese Grenze. Man kann sie überschreiten, aber nicht ignorieren. Man kann die Grenze nicht abreißen. Sie bleibt bestehen. […] Alles Verstehen setzt etwa Unbeweisbares voraus. Gott ist über allem Verstehen.“ (74) Hoppla: Gott kommt als Verstehensvoraussetzung etwas hurtig ins Spiel; aus dem Begriff der Religion und ihrer Vernunftbegründung taucht er auf wie das Kaninchen aus dem Hut des Zauberers.
Nach diesem universalreligiösen Parforceritt unternimmt der Verfasser den zweiten größeren Gang: Die konkreten Erscheinungsformen der Religion als ihren kategorialen Ausdruck nennt er Konfession: „Die anthropologische und allgemeine Frage nenne ich Religion. Die geschichtliche und individuelle Antwort auf diese Frage nenne ich Konfession.“ (110) Das ist aus der Intention Ladenthins heraus konsequent; allerdings ist nicht ganz ersichtlich, warum eine religionstheologische Terminologie neu geprägt wird und alle konkreten Religionen unter den Begriff der Konfession subsumiert werden. Für diese Idee bezieht sich Ladenthin auf Kant als Gewährsmann: Der Maßstab für die Bewertung der Konfession ist die Vernunft, derjenige für die Bewertung des konfessionellen Habitus die an der Menschenwürde ausgerichtete Sittlichkeit.
Der Frage, ob mit diesem inklusiven Religionsbegriff nicht Menschen vereinnahmt werden, die sich dezidiert als nicht religiös bezeichnen, weicht Ladenthin insofern aus, als er das vollkommene Desinteresse von Menschen an der Frage einer das Leben gültig machenden Sittlichkeit oder an der Vervollkommnung nicht aufgreift. Gerade sie stellt heute eine größere Herausforderung dar als der klassische Atheismus.
Nun ist die Suche nach einem anschlussfähigen Religionsbegriff nicht neu. Und sie ist zum Beispiel der analytischen Religionsphilosophie allemal schlüssiger und nachvollziehbarer gelungen. Es bleibt anzuerkennen, dass hier auf prononciert nicht-wissenschaftliche, sondern essayistische Weise versucht wird, in die Diskussion um Religionen und Konfessionen in unserem gesellschaftlichen Kontext einen roten Faden hineinzubringen, der auch bildungstheoretisch und bildungspolitisch nutzbar ist. Religion gehört zur Bildung, wenn Bildung im Sinne von Comenius tatsächlich alle alles allseitig lehren will (vgl. 67). Und Bildung gehört zur Religion (und zur Konfession), wenn sie immer wieder darauf Wert legen will, dass Religion nicht kriterienfrei in der Welt existiert, sondern ihre Aufgabe und ihren Dienst verfehlt, wenn sie nicht dem einen Zweck dient: dem Zweifel an der Endgültigkeit des Vorfindbaren. Und das geht nur, indem religiöse Bildung den Menschen zum Selbstdenken anstiftet (165). Dann werden Menschen fähig, zu tun, was Religion tun kann: Der Gesellschaft ein „Fremdgutachten“ (145) erstellen und an der lediglich gemachten Wirklichkeit zweifeln. Auf dieser Basis ist auch der Dialog zwischen den Religionen möglich. Diese Intention, die Ladenthins Buch durchzieht, nämlich Religion als Anwältin des Zweifelns darzustellen, kann man uneingeschränkt teilen, auch wenn seine Argumentationsgänge nicht immer überzeugen können.
Würzburg: Echter Verlag. 2016
176 Seiten
14,90 €
ISBN 978-3-429-03943-1
