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Volker Leppin: Die fremde Reformation
Im Vorfeld des „Reformationsjubiläums“ 2017 wurde bereits derart viel Wissenschaftliches, Populäres und Unseriöses über Martin Luther und den Ereigniskomplex Reformation publiziert, dass es mutig scheint, noch von einer „fremden“ Reformation zu sprechen. Was damit gemeint ist, erschließt sich aber schon im Untertitel. Denn immer noch scheint ein Geschichtsbild höchst lebendig, das mit Luther den Anbruch der Neuzeit und generell den Bruch mit „dem Mittelalter“ verbindet. Dass dieses Geschichtsbild Risse bekommen hat, ist etwa Reformationshistorikern wie Heiko Augustinus Oberman oder Berndt Hamm zu verdanken, die bereits nachdrücklich auf Kontinuitäten zwischen Spätmittelalter und Reformation hingewiesen haben. Der Tübinger evangelische Kirchenhistoriker Volker Leppin legt im vorliegenden Buch nun Wurzeln Luthers in der spätmittelalterlichen Mystik frei.
Diese Form spätmittelalterlicher Frömmigkeitstheologie findet sich keineswegs nur bei Luther, ähnliche Lektüreerfahrungen und theologische Konsequenzen kann Leppin auch bei Andreas Bodenstein (gen. Karlstadt) und Gasparo Contarini aufzeigen. Luther bezog sich dabei – vermittelt durch Staupitz – auf die Mystik Taulers, die letztlich die Grundlage für seine Lehre von Sünde, Gnade und Buße bildet. Dies allein wäre weder eine Entdeckung noch ein Fortschritt für die Reformationsgeschichtsschreibung. Bemerkenswert aber ist, wie konsequent Leppin – hierin nicht minder konsequent Luther folgend – aus den mystischen Grundlagen die Theologie Luthers entwickelt.
Der Verfasser zeigt dabei überzeugend, wie der Weg Luthers von der Mystik über die Ablassthesen von 1517 zur Abgrenzung von der scholastischen Theologie und zur Kritik an der Kirchenstruktur führte. Dabei sind Abgrenzungsprozesse benannt, die – bei aller Konzentration des Verfassers auf Luther – nicht von diesem allein betrieben wurden, sondern auch von seinen Kontrahenten. Dabei zeigte sich keineswegs der Beginn der Moderne, sondern der „Zwiespalt zwischen dem einen und dem anderen Mittelalter“ (S. 63), zwischen aristotelisch orientierter Scholastik und augustinisch geprägter Mystik, zwischen Betonung der päpstlichen Autorität und der Akzentuierung der Schrift als Norm, zwischen zentraler und dezentraler Regierung von Reich und Kirche.
Spannend und teilweise herausfordernd wird die Lektüre, wo Leppin die Transformationen der Mystik bei Luther behandelt und aufzuzeigen versucht, wie der Reformator aus mystischen Positionen seine Sakramentenlehre und Positionen zu den politischen Konsequenzen aus seiner Theologie entwickelt. Im Kontext dieser Transformationen der Mystik in reformatorische Theologie und Praxis werden interessante Fallstudien (Zürich, Nürnberg) präsentiert, aber auch die intellektuellen Wege von Zeitgenossen bekommen ihren Platz: Karlstadt, Müntzer, die Täufer, die allesamt die mystischen Wege des Mittelalters radikaler ausdeuteten als Luther.
Zugegeben: Mancher Abschnitt ist keine ganz leichte Kost, zumal Leppin oftmals auf die Quellen und die Forschungsgeschichte nur anspielt und der Belegapparat stark reduziert ist. Richtig Spaß macht das Buch daher wohl nur denjenigen Lesern, die mit der Reformationsgeschichte und mit Luthers Theologie bereits in Grundzügen vertraut sind. Dann aber lohnt sich die Lektüre, denn der Verfasser bricht nicht nur bis in die Vorbereitungen des Reformationsjubiläums hinein tradierte Geschichtsbilder auf, sondern zeigt damit auch, welche gedanklichen Grenzen es zwischen den Konfessionen noch zu überwinden gibt.
In der äußeren Form des Buches und im beinahe fehlerfreien Text zeigen sich die große Sorgfalt, mit der der Verlag C.H.Beck Bücher produziert und der Respekt, den man hier offensichtlich dem Publikum entgegenbringt – keine Selbstverständlichkeit in unseren Tagen. Ein Lapsus ist dem Verlag freilich auf dem Umschlag passiert: Dort wird der Verfasser mit biographischen Daten vorgestellt, das beigegebene Foto jedoch zeigt seinen Bruder, den renommierten Frankfurter Althistoriker Hartmut Leppin.
Ein wissenschaftlicher Kontrahent Leppins hat in seiner Besprechung des Buches moniert, nach dessen Lektüre gebe es 2017 nichts mehr zu feiern. In der Tat: Eine Heldengeschichte, wie sie mancherorts mit kaum verstecktem Konfessionalismus vertreten wird, lässt sich auf der Basis dieses Buches nicht rechtfertigen und feiern. Ökumenisch tragfähige Zugänge zum Theologen Luther und zum Ereigniskomplex Reformation jedoch könnten die Grundlage für ein gemeinsames Feiern der großen Konfessionen bereiten. Volker Leppin hat dazu ohne Zweifel ein wichtiges Buch vorgelegt, dem man eine seriöse und engagierte Diskussion sowie zahlreiche Leser nur wünschen kann.
München: C.H. Beck Verlag. 2016
247 Seiten m. s-w Abb.
21,95 €
ISBN 978-3-406-69081-5
