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Volker Weiß: Katechon. Zur Wiederkehr der politischen Theologie in der Gegenwart
In diesem kleinen Band geht es um Großes. Um nichts weniger als um das Ende der Welt und wie dieses noch aufgeschoben werden kann. Auf den ersten Blick. Auf den zweiten geht es um knallharte Machtpolitik in Zeiten des neuen Autoritarismus. Um die geschichtstheologische Legitimation eigener politischer Ziele durch die Behauptung, ein von Gott vorherbestimmtes Werkzeug in den bereits angebrochenen Kämpfen der Endzeit dieser Erde zu sein.
Gleich zu Beginn ruft Volker Weiß, Historiker und Autor des Bandes, die biblische Grundlage für dieses apokalyptische Welttheater in Erinnerung, das in unseren Tagen unter rechtspopulistischen wie religiösen Fundamentalisten große Resonanz findet. Es basiert auf 2. Thessalonicher 2, 3-10. Diese wenigen paulinischen Verse aus dem Neuen Testament deuten an, dass der Antichrist am Ende der Zeiten zwar mit falschen Versprechungen sein Reich aufrichten und nach kurzer Zeit vom wiederkehrenden Christus endgültig vernichtet werden wird. Dass aber das Kommen dieses Antichristen, dieses Frevlers wiederum durch die geheimnisvolle Kraft eines „Aufhalters“ (griechisch: Katechon) verzögert werden kann. Die entscheidenden Verse (6-8) lauten:
„Und jetzt wisst ihr, was ihn noch aufhält, bis er offenbar wird zu seiner Zeit. Denn das Geheimnis des Frevels ist bereits wirksam; nur muss der, der es jetzt aufhält, erst hinweggetan werden; und dann wird der Frevler offenbart werden. Ihn wird der Herr Jesus töten mit dem Hauch seines Mundes und wird ihm ein Ende machen durch seine Erscheinung, wenn er kommt.“
Um wen oder was es sich bei diesem aufhaltenden Katechon handelt (die Glaubensstärke, eine Institution oder gar ein einzelner Mensch) und wer der ihm folgende falsche Messias sein könnte, darüber rätseln seit zweitausend Jahren die Theologen. Zeitgenossen wie der Tech-Milliardär Peter Thiel, der russische Ultranationalist Alexander Dugin, identitäre Chefpropagandisten wie Martin Sellner und Martin Lichtmesz oder der AfD-Abgeordnete Maximilian Krah „wissen“ hingegen die Antwort. Und sie verbreiten ihre Erkenntnis jeweils medienwirksam und mit großer politischer Sprengkraft in der Welt.
Reizvoll für die Katechon-Rezeption der äußersten Rechten scheint dabei die Möglichkeit einer radikal antiliberalen und imperialen Ausdeutung dieser theologischen Figur. Explizit und implizit stützen sie sich bei ihren Weltendzeitdeutungen dabei in vielerlei Weise auf den katholisch geprägten Staatsrechtler Carl Schmitt, aus dessen Werk sich die extreme Rechte ja bis heute geistig munitioniert. Für Carl Schmitt ließen sich die Verlockungen des Antichristen (Bedürfnisbefriedigung, Behaglichkeit, Sicherheit) im Sinne einer konservativen Kulturkritik auf die moderne materialistische Welt übertragen, womit wahlweise der Sozialstaat, der Liberalismus oder der Sozialismus als eben dieser falsche Messias herhalten mussten, den es vermittels des Katechon aufzuhalten gelte.
Mit solch biblisch aufgerüsteter Rhetorik ziehen nun auch die genannten rechtspopulistischen und fundamentalistischen Endzeitritter der Gegenwart gegen andere „trügerische“ Sicherheiten moderner Gesellschaften zu Felde: gegen Alters- und Gesundheitsfürsorge, betriebliche Mitbestimmung, Gleichstellungsvorschriften, Umwelt- und Klimaschutz und dergleichen mehr.
Wie auf diesem Weg die uneindeutige Figur des Katechon aus dem schattigen Schlummer theologischer Elfenbeintürme in das helle Licht heutiger machtpolitischer Auseinandersetzungen gezerrt wurde, um diese „falschen Messiasse“ aufzuhalten, und dabei von der paulinischen Andeutung über die Katechon-Phantasien eines Carl Schmitt zum aktuellen Kampfbegriff der illiberalen und autoritären politischen Strömungen avanciert ist, entwickelt Volker Weiß in seinem lesenswerten Essay, der nicht nur geschichtstheologischen Feinschmeckern, sondern allen Verteidigern unserer Demokratie zur Lektüre empfohlen sei.
Stuttgart: Cotta Verlag. 2026
127 Seiten
18,00 €
ISBN 978-3-7681-9860-8
