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Wilfried Härle: Ja, aber! Ein Streitgespräch zwischen Glauben und Zweifel
Wie kann der christliche Glaube in der Gegenwart intellektuell verantwortet werden? Wie sind seine zentralen Lehren von ihren biblischen Ursprüngen sowie auch von der lutherischen Tradition her zu verstehen? Diesen elementaren Fragen geht der emeritierte Theologe Wilfried Härle im vorliegenden, auch für Nichtfachleute verständlichen Buch nach.
Zunächst wird fundamentaltheologisch auf Kritikpunkte der Aufklärungsphilosophie am Glauben eingegangen – allerdings streng existenziell gewendet, wie es für protestantisch profilierte Überlegungen erwartbar ist. Anschließend kommt es zu einer eingehenden Beleuchtung systematisch-theologischer Aspekte. Härle lässt dazu zwei Personen auftreten, die er, anders als beispielsweise Platon oder Pascal, als innere Stimmen einführt. „A“ vertritt die Position eines vernunftbasierten Vertrauens in eine gütige Macht, welche die Schöpfung trägt und sich im Wort der jesuanischen und kirchlichen Verkündigung artikuliert. „B“ ist Skeptiker, der das weltanschauliche Konstrukt christliche Religion grundsätzlich in Frage stellt, sich jedoch für hermeneutische Detailprobleme der Überlieferung interessiert und darüber hinaus überhaupt sehr informiert zeigt. Der Dialog ist im Kern als ein Stück Theologiegeschichte der Neuzeit zu lesen, deren Adressatenkreis man sich im Wesentlichen als Studierende, Lehrkräfte an weiterführenden Schulen sowie Akademiebesuchende vorstellen kann.
Gegliedert ist das Buch formal in sieben Kapitel, die jeweils mit sachbezogenen Fragen überschrieben werden. Nach einer Einführung in den Gottesbegriff, die eine starke biblisch-hermeneutische Akzentuierung erfährt und den methodischen Zweifel als Instrument der Theologie rechtfertigt, steht das Thema des Schöpfungsglaubens in allen seinen Facetten im Zentrum der Reflexion. Interessant ist, dass bei der Frage des Verhältnisses von Glaube und Naturwissenschaften eine „Beweislastumkehr“ stattfindet und „B“ in die Rolle des Angefragten hineingestellt wird. „A“ vertritt eine im Ganzen panentheistische Position, die sich abgrenzt von einem personal-theistischen Gottesbegriff einerseits sowie pantheistischen oder deistischen Ansätzen andererseits. Gleichwohl bleiben die Theodizeeproblematik oder die Frage nach dem Sinn des christlichen Bittgebets nicht ausgeklammert. Härle folgt im Ganzen der neueren Theologie, die sich von einem supranaturalistischen Wunderglauben distanziert und christliche Existenz als Einschwingen in den Willen Gottes definiert.
Die zweite Hälfte des Buches nimmt neben Aspekten der Sakramentenlehre, also Abendmahls- und Taufverständnis, auch religionskritische Triggerpunkte des zwanzigsten Jahrhunderts in den Blick: Sühnetodtheologie, Auferweckung Jesu, Jungfrauengeburt, Gottessohnschaft. Härle gelingt es, die diesbezüglichen theologischen Diskurse zu elementarisieren und dabei die Dialogform durchzuhalten. Einen Schwerpunkt bildet, nicht überraschend, eine Klärung der Versöhnungslehre. Ausgeklammert bleiben hingegen ekklesiologische, ökumenische und kirchenpolitische Problemstellungen, aber auch Fragen der Politik sowie des interreligiösen Dialogs. Die Ethik wird im Kontext der von Härle skizzierten Auseinandersetzung um die neuzeitliche Begründung von Menschenwürde eher gestreift. Damit macht Härle unmissverständlich deutlich, was seiner Ansicht nach in der Gegenwart Priorität für eine theologische Bildung in lutherischer Tradition haben muss und was nachrangig sein kann.
In den letzten Jahren hat sich mit Blick auf die drei Ausbildungsphasen von Religionslehrkräften konfessionsübergreifend ein Nachdenken darüber eingestellt, wie theologische Inhalte elementarisiert und persönlich gewendet werden können, so dass sie Grundlage einer didaktischen Professionalität werden können. Das vorliegende, auch für katholische Leserinnen und Leser empfehlenswerte Buch von Härle kann durchaus als Beitrag zu diesem wichtigen Anliegen gelesen werden.
Berlin/Bosten: Walter de Gruyter Verlag. 2025
186 Seiten
29,95 €
ISBN 978-3-11-157382-3
