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Wilhelm Schmidt-Biggemann: Vom Glanz des göttlichen Wortes. Dimensionen spekulativer Bibelauslegung
Vernimmt man den Ausdruck „Glanz des göttlichen Wortes“, kommt einem vielleicht Hebr 1,2 (der Sohn Gottes als „Abglanz der göttlichen Herrlichkeit“) oder Weish 2,26 (Gottes Weisheit als „Abglanz des ewigen Lichtes“) in den Sinn. Vielleicht denkt man auch an die alle Zeiten und Religionsauseinandersetzungen überdauernden Worte Jesu wie etwa in der Bergpredigt, die heute noch unmittelbar das Herz berühren können. Der Berliner Wissenschaftshistoriker und Experte für Barock- und Aufklärungsphilosophie Wilhelm Schmidt-Biggemann beginnt bei Ersterem, endet dann aber nicht bei Letzterem, sondern recht nüchtern in einer aufklärerisch fundierten Entzauberung allzu spekulativer, von „intellektueller Phantasie“ beflügelten Schriftdeutungen über die Grenzen des „strikt wissenschaftlich Vertretbaren“ hinaus. Dort scheint der Glanz oder besser Lack ab zu sein, wenn von der „Katastrophe der Offenbarungstheologie“ oder ihrem fälligen Absturz die Rede ist.
Dabei lässt der Autor eine Vielzahl abendländischer Geistesgrößen auftreten. Neben dem hellenistisch-jüdischen Philosophen Philon von Alexandrien sind dies kabbalistische Schriften, dann der Katalane Raimundus Lullus und sein deutscher Leser Nikolaus von Kues, der Pforzheimer Hebraist Johannes Reuchlin, der französische Philologe Guillaume Postel, der italienische Renaissancegelehrte und Dominikaner Tommaso Campanella und der britische Kabbalist Robert Fludd, zum Abschluss dann der Hamburger Orientalist Hermann Samuel Reimarus und sein Editor Gottfried E. Lessing. Sie treten in fünf größeren thematischen Blöcken auf: jüdische Kabbala, „Sprache Adams“, womit aber weniger die Frage nach der Ursprache als dem Urwissen des Begründers des Menschengeschlechtes gemeint ist, dann Entwürfe zu einer Universalreligion aller Menschen, Lösungen für die Historizität der Sintfluterzählung und die Destruktion der Offenbarungsreligion durch die rationalistische Aufklärungsphilologie. Diese „spekulative“, also mit viel Philosophie und vormoderner Philologie kreativ ans Werk gehende Schriftauslegung wird dabei meist überblickshaft und gerafft präsentiert, zum Glück aber immer wieder mit ausführlicheren Beispielen wie bei Reuchlins Deutung des Namens Jesus als lesbarer und verstehbarer Form des Gottesnamens JHWH. Die teilweise abenteuerlichen oder gar tragischen Lebensgeschichten wie die Postels oder Campanellas erleichtern es, am Ball zu bleiben, wenn einem manche Schriftauslegung dann doch zu verstiegen vorkommt. Fast alle lateinischen oder anderssprachigen Fremdzitate sind übersetzt, was angesichts der Materialfülle die Lektüre etwas erleichtert.
Natürlich ist der Autor der Experte für diese Materie. Dennoch beschleicht den Leser das Gefühl, dass hier vor allem Merkwürdigkeiten versammelt sind, die zudem nicht alle unter die weite Klammer „spekulative Bibelauslegung“ passen. Raimundus Lullus hat z.B. keinen Bezug zu Bibelexegese, sehr wohl aber zu metaphysisch experimenteller Philosophie. Die Koraninterpretation des Cusanus kann durchaus positiver gedeutet werden und nicht als Bruch mit seiner früheren Vision in „De pace fidei“, ist aber kein rechtes Beispiel für Bibelauslegung. Der Abschluss mit der fundamentalen Kritik des Reimarus an der Heiligen Schrift als Offenbarungszeugnis, untermauert durch die Autorität des Sympathieträgers Lessing, verliert schließlich manches aus dem Blick. Die historisch-kritische Bibelphilologie verdankt sich nicht nur der religionskritischen Aufklärungsphilosophie – der Autor deutet dies an –, sondern durchaus einem seit den Zeiten Reuchlins und Erasmus’ geschärften Sinn für die sprachliche Gestalt des Gotteswortes. Sie brach nach Reimarus nicht einfach in sich zusammen. Vielmehr wusste sie sich innerhalb der kirchlich geprägten Exegese aller Konfessionen trotz unterschiedlicher Widerstände durchzusetzen (z. B. Richard Simon) und macht die Bibelexegese zur heute wohl reflektiertesten Interpretationswissenschaft unter allen Philologien. Insofern wäre zu wünschen, dass der Autor nach diesem Werk der Ernüchterung noch einen neuen Anlauf unternähme, um aus seinem überreichen Fundus auch vom bleibenden „Glanz des göttlichen Wortes“ zu schreiben und nicht nur von den grellen Funken, die in früheren Zeiten mit mehr oder weniger philologischer Gewalt aus dem Buchstaben geschlagen wurden.
Freiburg: Herder Verlag. 2024
221 Seiten
26,00 €
ISBN 978-3-451-39858-2
