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Wolfgang Kemp: Irgendwie so total spannend. Unser schöner neuer Sprachgebrauch
Der Kunsthistoriker Wolfgang Kemp, der, inspiriert durch zahlreiche Beobachtungen zum Sprachgebrauch, an seine schon 2022 in der FAZ vorgetragene Sprachkritik (12) anschließt, legt mit diesem kleinen Buch einen Essay vor: In drei Teilen konstatiert, kommentiert und kritisiert er folgende Phänomene heutiger v.a. gesprochener Sprache an Beispielen: die neue Nutzung von Partikeln, Sprachräson und Adjektiven.
Unter den Partikeln, deren Nutzung der Autor v.a. in Podcasts (des DLFs) untersucht, würden Worte wie „irgendwie“, „ein Stück“, „sozusagen“, gepaart mit „Wohlfühl- und Wertschätzungssignalen“ („Ich bin ganz bei Dir“) als „Streicheleinheit“ für den Gesprächspartner neben ihren Gegenteilen „absolut“, „total“ (8) genannt – „Umgehungsdeutsch“ (31) neben „Ultra-Deutsch“ (29) als „Jargon der Uneigentlichkeit“ (9). Des Weiteren sei die Sprache durchzogen von Wiederholungen und Redundanzen, Dehnungsphrasen wie „oder so“ oder vagen Schlussformeln wie „je nachdem, ich sag mal“ (31) zur „Hörerorientierung und Pausenmarkierung“ (35) gegen deren Überforderung und schwächten die Aussagen wieder ab.
Die neuen Sprachregelungen der Gendergerechtigkeit, die übrigens nicht von unten, sondern von oben in Behörden, Universitäten und Kultusinstitutionen in „hoheitlichem Sprachhandeln“ (52) hervorgegangen seien, sollten eine „neue Schreib- und Denkweise“ (16) schaffen. Die Vermeidung von Nennungen des Geschlechts erzeuge eine neue – z.T. fehlerhafte – Sprache mit „Substantivierung, Neutralisierung, Entpersönlichung, Versachlichung und Passivform“ (55); Personenbezeichnungen erhielten die Anhängsel „-kraft, -hilfe, -person oder -ung“ (56), Neutrum und Gerundium eliminierten Persönlichkeit. Diese Entwicklung gipfele in einer noch weitergehenden Entpersonalisierung durch die Abkürzungsmanie (2SLGBT*Q+) (59) mit aus dem ASCII-Code hervorgegangenen Zeichen (;, _, *, I, /), die das Geschlecht tilgen solle, und es würden neue Pronomina erfunden (they/them). Mit Gaps (Glottisschlägen) versuche man, Unaussprechbares auszusprechen. Diese Praxis habe jedoch keinen großen Rückhalt im Großteil der Bevölkerung, Schriftstellerinnen und Schriftsteller machten nicht mit, es gebe kein einheitliches Regelwerk, Menschen mit Einschränkungen verständen sie nicht. Im Schriftlichen verdränge das Visuelle das Textuelle, Emotionen drücke man mit Emojis aus.
Es gebe eine Inflation von Adjektiven wie „vulnerabel“ (86), „toxisch“ (89), „schwierig“ und „spannend“ (90), welche die „Dominanz der Gefühle“ (88) dokumentierten, die dann noch durch Partikel wie „absolut“, „total“ oder „brutal“ (92) gesteigert würden. Emojis in sozialen Netzwerken würden mittlerweile Pflicht und das „Like“ (110) habe einen Siegeszug angetreten, das Bedürfnis nach Gefühlsausdruck werde durch die Erweiterung der Tabulatur etwa mit Tieremojis ausgedrückt.
Als Fazit benennt Kemp die „Invasion der Marker“ (117) in die gesprochene Sprache:
Pausen als Moment der Sprache, die normalerweise ohne Folgen für Grammatik und Aussageinhalt weggelassen werden können, würden hier gefüllt mit Markern in Form von Diskursmarkern (sozusagen), soziolinguistischen Markern (*) und Emotionsmarkern (Emojis). „Die Tonspur der Marker, die permanent mitläuft, dient nicht der Explikation des Gesagten (Partizip II), sondern der Fortsetzung des zu Sagenden (Partizip I, vulgo Gerundium).“ (123)
Eloquent, zuweilen (allzu) ausschweifend und Schleifen ziehend, ironisch, launisch und amüsant führt Kemp den Leser durch die Welt der Sprache. Sein Essay ist nicht bloße Sprach-, sondern Zeitgeistkritik und Kritik der Exzesse, die zu Recht in ihrer Absurdität benannt werden.
Eine geschliffene Sprache ohne unnötige Partikel und übertriebene Adjektive ist eine hehre, aber höchst anspruchsvolle Zielsetzung, die heute in einer veränderten Welt mit veränderten Hörgewohnheiten und Ansprüchen nicht mehr massentauglich ist.
Im allgemeinen Bemühen des Autors um eine korrekte Sprache korrekter Sachverhalte irritieren zum einen Verallgemeinerungen und Kategorisierungen, mit denen dieser die für die unerwünschte Entwicklung Verantwortlichen benennt: „die Reformerinnen“ (56), „die Aktivistinnen der Genderisierung“ (59), aber auch „die Grünen“ (86), zum anderen die Fokussierung auf Frauen und die Emotionalität: „die Humboldt-Feministinnen“ (55). Gerade im zweiten Kapitel hat man angesichts der Auswahl der Beispiele den Eindruck, als wären fast ausschließlich Frauen für die negativ zu bewertende Zerstörung einer im Grunde positiven Sprachkultur verantwortlich, die Männer seit Jahrhunderten geschaffen und gepflegt haben – das ist unglaubwürdig. Zu kurz kommen berechtigte Anliegen, die Rolle von Männern und die Tatsache, dass auch feministisch orientierte Frauen sprachliche Radikallösungen ablehnen, wenn der Beitrag mehr als eine Polemik sein möchte. Zudem ist die Bandbreite des Genderns zwischen der Doppelnennung (m/f), wie der Autor sie ebenfalls in der Anrede an die Leser benutzt (53, 54), und den beschriebenen Eingriffen in die Sprache wirklich groß.
Das Buch ist in Teilen für Nicht-Linguisten nicht einfach zu lesen; eine Erklärung der wichtigsten Fachwörter wäre hilfreich gewesen. Nichtsdestotrotz regt es zum Nachdenken an und ist geeignet, den eigenen Sprachgebrauch zu überprüfen.
Springe: zu Klampen Verlag. 2025
137 Seiten
16,00 €
ISBN 978-3-98737-034-2
