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Zentralrat der Juden in Deutschland / Schweizerischer Israelitischer Gemeindebund (Hg.): „Lehre mich, Ewiger, Deinen Weg“
In den vergangenen 50 Jahren hat sich die Haltung der katholischen Kirche zum Judentum deutlich verändert. Antijüdische Stereotype und Vorurteile in Verkündigung und Religionsunterricht wurden weitgehend überwunden. Vor allem aber hat die Kirche anerkannt, dass der Bund, den Gott am Berge Sinai mit Israel geschlossen hat, niemals aufgehoben wurde. Um es mit den Worten von Papst Franziskus zu sagen: „Gott wirkt weiterhin im Volk des Alten Bundes und lässt einen Wahrheitsschatz entstehen, der aus der Begegnung mit dem göttlichen Wort entspringt. Darum ist es auch eine Bereicherung für die Kirche, wenn sie die Werte des Judentums aufnimmt.“ (Evangelii gaudium, Nr. 249)
Schaut man hingegen in unsere Religionsbücher, so erfährt man zwar einiges über jüdische Feste, Speise- und Schabbatgebote, über die Shoah und vielleicht noch den Staat Israel. Aber in den Kapiteln zu aktuellen moralischen Fragen sucht man meist vergeblich einen Hinweis auf jüdische Positionen und Argumentationen. Genau diesen Mangel kann das Buch zur jüdischen Ethik beheben. Es ist primär für den jüdischen Religionsunterricht geschrieben, kann aber auch im katholischen und evangelischen Religionsunterricht gewinnbringend eingesetzt werden.
Es ist das erste und bislang einzige Werk in deutscher Sprache, das einen Einblick in eine Vielzahl ethischer Themen von Umweltethik über Bioethik und Sozialethik bis hin zu Fragen der Sexualmoral gibt. Jedes Kapitel ist von einem ausgewiesenen Experten, meist einem Rabbiner, verfasst. Inhaltlich folgen die meisten Autoren einem modern-orthodoxen Judentum, das jüdische Tradition und modernes Leben miteinander verbindet. Wo das liberale Judentum zu anderen Überzeugungen gelangt, etwa in Bezug auf die Stellung der Frau im Gemeindeleben (Stichwort: Frauenordination), wird diese Position gesondert – in diesem Fall von einer liberalen Rabbinerin – dargestellt.
Durchgängig wird dabei deutlich, dass das Judentum eine höchst lebendige Religion ist, die auf der Grundlage einer dreitausendjährigen Tradition Antworten auf aktuelle Fragen sucht. Besonders spannend zu lesen sind die Kapitel über Abtreibung, die Stellung der Frau im orthodoxen Judentum oder Homosexualität, in denen man spürt, wie die Autoren um überzeugende Antworten ringen und unterschiedliche halachische (religionsgesetzliche) Argumentationen miteinander ins Gespräch bringen.
Was das Buch für den Unterricht wertvoll macht, ist sein klarer, an didaktischen Prinzipien orientierter Aufbau. Der systematischen und allgemein verständlichen Einführung in ein ethisches Thema folgen kürzere Quellentexte mit Fragen und Arbeitsanweisungen, die die Schülerinnen und Schüler zur eigenen Meinungsbildung in Auseinandersetzung mit der jüdischen Tradition herausfordern. Literaturangaben und Linktipps regen dazu an, sich intensiver mit einzelnen Fragen zu beschäftigen. Wichtige Fachbegriffe jüdischer Ethik und kurze biographische Angaben zu den halachischen Autoritäten der Vergangenheit und Gegenwart machen das Werk auch für Schülerinnen und Schüler verständlich, die mit der jüdischen Tradition nicht vertraut sind.
Und worin liegt der Mehrwert für einen christlichen Religionsunterricht? Jüdische Ethik begnügt sich nicht mit moralischen Appellen oder der Verkündigung moralischer Ideale. Sie versucht vielmehr, in den oft schwierigen und nicht eindeutigen Situationen unseres Lebens einen Weg zu zeigen, wie wir den Geboten Gottes folgen können. Das ist nicht nur moralisch bedeutsam, sondern hat auch eine theologisch-spirituelle Dimension. Denn die Nähe und die Liebe Gottes zeigen sich nicht zuletzt darin, dass seine Gebote uns in unserer begrenzten, unerlösten und mehrdeutigen Welt Orientierung geben. Es ist daher auch für christliche Schülerinnen und Schüler eine Bereicherung, wenn sie die Werte des Judentums aufnehmen.
Berlin: Hentrich & Hentrich Verlag. 2015
327 Seiten m. Abb.
24,90 €
ISBN 978-3-95565-106-0
