Eulenfisch - Limburger Magazin für Religion und Bildung
Barbara Honigmann, Foto: ©Hassiepen

»Das Alter ist eine sehr merkwürdige Angelegenheit«

Barbara Honigmann ist eine der feinsinnigsten Literatinnen unserer Zeit. In ihrem vielfach ausgezeichneten Werk beschreibt die Autorin Facetten eines deutsch-jüdischen Lebens im spannungsreichen Verlauf des 20. und beginnenden 21. Jahrhunderts.

Die Frage stellte Clemens Hermann Wagner

Hannah Arendt schreibt in ihrem Essay »Die Freiheit, frei zu sein«: »Und diese geheimnisvolle Gabe,
die Fähigkeit, etwas Neues anzufangen, hat offenkundig etwas damit zu tun, dass jeder von uns
durch die Geburt als Neuankömmling in die Welt trat. Wir können etwas beginnen, weil wir Anfänge
und damit Anfänger sind.« Welche Bedeutung kommt dem Anfang in ihrem Leben zu, Frau
Honigmann?

Vielleicht wird man wirklich irgendwie in diese Welt hineingeworfen, muss anfangen und
seinen eigenen Weg finden. So jedenfalls würde ich das für mich beschreiben wollen. Da gab
es diesen Drehpunkt in meinem Leben, an dem ich mit Mitte zwanzig sehr bestimmte Richtungen
eingeschlagen habe und Anfänge gewagt habe: Ich bekam einen Sohn und wurde
Mutter, ich habe mich existenziell auf das Judentum eingelassen und habe schließlich begonnen,
zu schreiben. Diese drei Anfänge habe ich gewählt und sie sind für mich bis heute
sehr lebendig.

In welchem Verhältnis stehen diese drei Wege, Familie, Judentum und Literatur?

Die drei Sphären haben sich ja mit der Zeit gleichsam ausgedehnt und miteinander verwoben.
Mein Mutter-Sein von zwei Söhnen hat sich zum Oma-Sein von sieben Enkelkindern
ausgeweitet. Mittlerweile habe ich über ein Dutzend Bücher, mehrere Hörspiele und Theaterstücke
geschrieben und wurde mit unterschiedlichen Preisen ausgezeichnet. Und das Judentum
hat schließlich so einen großen Platz als Lebensform und Studienobjekt gewonnen,
dass es den Alltag von mir und der Familie entscheidend prägt.

Sie haben als ersten Anfang die Gründung ihrer Familie benannt. Wird die Literatin Barbara Honigmann
also vor allem als Familienmensch verstehbar?

Die Beschäftigung mit meiner Familiengeschichte prägt mein Schreiben sehr maßgeblich.
Das hängt sicher auch mit meinem Vater zusammen, der ein sehr poetischer Mensch war,
während des Krieges als Journalist arbeitete und sein literarisches Inneres nicht wirklich
ausleben konnte. Er hat mich schon sehr früh in meinem Zugang zur Literatur und Kunst
beeinflusst. Darüber schreibe ich ja in dem Buch »Georg«. Heute, viele Jahrzehnte später,
ist es für mich immer wieder gleichermaßen schön wie erstaunlich, wenn ich ganz selbstverständlich
von meinen Enkelkindern mit Oma angesprochen werde. Ich bin keine Oma,
die sich tagtäglich um die Kinder kümmert, aber doch sind sie mir in meiner Gefühls- und
Gedankenwelt präsent und prägen auch mein heutiges Schreiben.

Wie blicken Sie auf die Generation ihrer Enkelkinder?

Häufig scheint das Reden einer älteren Generation über eine jüngere Generation ja vor
allem ein Selbstgespräch zu sein. Das ist ja nur bedingt ergiebig und ich kenne die jüngeren
Generationen wahrscheinlich viel zu wenig, um deren Anliegen richtig einordnen zu können.
Natürlich ist die Gegenwart, in der meine Enkelkinder aufwachsen, mit der Zeit, in der
ich sozialisiert wurde, in keiner Weise mehr vergleichbar. Es ist eine andere Welt, allein mit
Blick auf die digitalen Medien und die rasanten gesellschaftlichen Entwicklungen. Zugleich
kann ich fundamental andere Wertvorstellungen bei meinen Enkeln auch nicht erkennen.
Mit meinen älteren Enkeln, die viel lesen und an vielen aktuellen Entwicklungen sehr interessiert
sind, diskutiere ich leidenschaftlich gerne über Politik und gesellschaftliche Veränderungen.
Das macht Freude.

Wie würden Sie Ihr Verhältnis zum Judentum beschreiben?

Mein Zugang zum Judentum war und ist zunächst einmal eine Auseinandersetzung mit
poetischen Texten, mit den biblischen Schriften, dem Midrasch als deren Auslegung oder
der Mischna als Kommentar der Schriften. Eigentlich sind das ja vielfach sehr technisch angelegte
Texte, die sich mit Vorschriften, Riten und Abläufen befassen. Aber doch scheint in all dem immer wieder auch ein andere Ebene auf. Als
ein Beispiel: Inmitten einer Textpassage der Mischna,
die ich kürzlich in meiner Studiengruppe las und in
der die wohlriechenden Gewürze beschrieben werden,
die für eine Opferung im Tempel zu gebrauchen sind,
wird ausgeführt, dass sich ein Rabbi erinnert, wie ihm
sein Vater einst erzählte, dass seine grasenden Ziegen
von den duftenden Gewürzen immerzu niesen mussten.
Das kommt in dem Text überraschend und sehr
humorvoll daher und ist eine völlig unverhoffte Ergänzung
inmitten dieser talmudischen Literatur. Hier
berühren sich unerwartet die Ebene des Profanen mit
der Ebene des Heiligen. Diese poetische Form des Judentums
fasziniert mich unaufhörlich und regt mich
immer wieder an.

»Schreiben ist für
mich kein therapeutischer
Akt von Heilung.
Ich empfinde
das Schreiben vielmehr
als eine Form,
bei mir zu sein«

Barbara Honigmann

Das ist in der Tat ein schönes Bild für die Verbindung zwischen
Säkularem und Sakralem. Doch wie steht es für Sie
in all dem mit der einen großen Frage, mit der nach Gott?

Nach Gott zu fragen, scheint mir wirklich zu groß zu sein. Man sieht ihn nicht, man hört
ihn nicht. Man soll seinen Namen nicht aussprechen und sich ihn nicht vorstellen. Also
spreche ich auch seinen Namen nicht aus und stelle ihn mir nicht vor. Zugleich verbindet
sich mit der Rede von Gott doch vor allem diese eine Grundidee, dass ich mich als Mensch
nicht zum Mittelpunkt der Welt erkläre. Der Mensch hat nicht die Welt erschaffen und er ist
nicht in der Lage, sie anzuhalten. Da ist noch etwas, was wichtiger, größer und tiefer ist. Das
ist ja letztlich auch der Gedanke des Schabbat: Einen Tag soll alles abgeschaltet sein – und
siehe: Die Welt dreht sich weiter.

Im Buch Deuteronomium bereitet sich Moses auf einem Berggipfel auf den Abschied von seinem
Volk vor. Im biblischen Text spricht Gott zu Moses: »Du darfst das Land von der anderen Talseite aus
sehen. Aber du darfst das Land, das ich den Israeliten geben werde, nicht betreten.« (5. Moses 32,
52). Was bedeutet ihnen diese biblische Stelle?

Das ist schon eine sehr gute Pointe: Moses Aufgabe, das Volk Israel aus der Gefangenschaft
zu führen, war erfüllt. Aber ein Leben im Gelobten Land, das erlebt Moses dann
selbst nicht mehr. Bemerkenswert am Buch Deuteronomium ist ja bereits der Beginn dieses
biblischen Buches: »Dies sind die Worte, die Moses zu ganz Israel redete…« (5. Moses, 1),
heißt es da. Da steht eben nicht, Gott hat Mose gesagt, er soll dieses oder jenes sprechen,
sondern es sind die Reden, die Moses selbst gehalten hat. Vielleicht könnte man sagen, dass
er sich in diesem letzten Buch des Pentateuch gleichsam emanzipiert hat, nicht mehr einfach
Befehlsempfänger ist, sondern selbst spricht. Und dann versucht Moses schließlich,
noch ein wenig auszuhandeln, ob er nicht doch das versprochene Land betreten könnte.
Aber sein Lebenswerk ist abgeschlossen und so zieht er Bilanz.

Sie haben viele herausragende Preise erhalten, darunter den Goethe-Preis der Stadt Frankfurt, den
Schiller-Preis des Landes Baden-Württemberg und den Jean-Paul-Preis für Ihr Lebenswerk. Ziehen
auch Sie bisweilen Bilanz?

Der Gedanke ist mir grundsätzlich eher fern, Bilanz ziehen zu wollen. Vielmehr sind ja
mehrere Lebenswelten gleichzeitig da. Marcel Proust beschreibt das in »Auf der Suche nach
der verlorenen Zeit« so schön: Die Lebenszeiten, Kindheit, Jugend und die erwachsenen Jahre,
sie alle legen sich übereinander und sind immer wieder neu präsent. Dabei sind diese Zeiten nicht einfach Erinnerungen, sondern eine echte Gegenwart. Das Phänomen der Zeit
ist ja ganz offensichtlich nicht völlig zu erfassen oder zu erfühlen. Bei Proust wird beschrieben,
wie er auf unebene Steine tritt und plötzlich eine sehr bestimmte Situation wieder
präsent ist. Mit dem Altern ist es wirklich eine ganz merkwürdige Angelegenheit.

Moses richtet schließlich die ermutigenden Worte an das Volk Israel: »Seid getrost und unverzagt!«
(5. Moses 31, 5). Das klingt nach einem Wunsch, wie er vor allem mit einem gewissen Alter verbunden
zu sein scheint.

Ich würde mir wünschen, dass diese Aussage für viele Menschen eine allgemeine Lebenseinstellung,
unabhängig vom Alter, sein kann. Es gibt so zahlreiche Momente im Leben, in
denen man den Mut braucht, unverzagt zu sein. Mitunter bedeutet das Leben eben auch,
dass eine Krise die nächste ablöst. Im Deuteronomium heißt es ja zuvor auch so schön: »Leben
und Tod lege ich Dir vor, Segen und Fluch. Wähle also das Leben, damit du lebst, Du und
Deine Nachkommen.« (5. Moses 30, 19) Ich finde diese Aufforderung, angesichts so vieler Herausforderungen
doch immer wieder das Leben zu wählen, sehr berührend und ermutigend.

Hilft Ihnen die Literatur dabei, das Leben zu wählen?

Schreiben ist für mich kein therapeutischer Akt von Heilung. Ich empfinde das Schreiben
vielmehr als eine Form, bei mir zu sein. Es ist ja ein sehr einsamer und stiller Prozess, in
dem ich mich auszudrücken versuche. In diesem Sinn habe ich auch lange Zeit gemalt und
so wurden diese Bilder zu einem weiteren Versuch, meiner Welt einen Ausdruck zu geben.
Doch die Form, die ich letztlich für mich gefunden habe, ist die Literatur. So sehr ich mich
mit Worten und Poesie beschäftige, so faszinierend finde ich gleichermaßen auch die Kunstformen,
in denen ohne Worte gearbeitet wird. Etwa im Tanz oder im Theater wird etwas mit
dem Körper geschaffen, was ich sehr bewunderswert finde.

Das Gemeinsame an diesen unterschiedlichen Kunstformen ist ja, dass sie auf je ihre Weise versuchen,
menschliches Leben zu transzendieren.

Ja unbedingt. Und dieser Prozess ist wohl nie abgeschlossen. Wenn ich etwa die Arbeit
an einem Buch beendet habe und das Buch dann in die Welt geht, entsteht so etwas wie ein
lebendiger Kreislauf und ein Echo. Auch diesen Vorgang der Rezeption nehme ich als etwas
Unverfügbares und damit Transzendentes wahr.