Eulenfisch - Limburger Magazin für Religion und Bildung
Filmszene aus »Der junge Messias« (2016), Entertainment Pictures / Alamy Stock Foto

Warum die Bibel Alte und Junge gleich wichtig nimmt

Leben ist dem biblischen Menschen kostbar – das irdische und das ewige Leben. Beides verdankt er Gott, seinem Schöpfer. Dieser zentrale Leitsatz zieht sich wie ein roter Faden durch alle Schriften des Alten und Neuen Testaments.

Alt und Jung im Alten Testament

Das Alter wird realistisch und ohne jede Beschönigung
beschrieben. Kohelet, der Weisheitslehrer beschließt
sein Buch eindrücklich mit einer ausführlichen Allegorie
der Altersbeschwerden: Das schwächer werdende
Sehvermögen wird mit den sich verdunkelnden Gestirnen,
depressive Verstimmungen mit aufziehenden
Wolken (12,2), ausfallende Zähne mit den nicht mehr
mahlenden Müllerinnen (12,3) und das nachlassende
Gehör mit den leiser werdenden Geräuschen bildreich
beschrieben (12,4). Ein alter Mensch leidet unter dem
Verlust an Kraft (12,5) und sorgt sich um jede Steigung
eines Weges. Auch der Tod wird mit Bildern ausgedrückt:
Der Mensch geht zu seinem ewigen Haus
(12,5), der silberne Strick zerreißt, die goldene Schale
zerbricht, der Krug zerschellt an der Quelle, das Rad
fällt zerbrochen in den Brunnen (12,6f). Die Wirklichkeit
wird nicht idealisiert, die Wahrheit kommt zum
Vorschein. Zahlreiche Texte des Alten Testaments beschreiben
die Mühsal des Alters (2 Sam 19,36; Sach
8,4). Trotz aller Mühsal ist ein hohes Alter nach dem
Tun-Ergehen-Zusammenhang ein Lohn für die Frommen.
Ein Frommer stirbt »satt« an Tagen (Ijob 42,17).

Prominente Hochbetagte gibt es im Alten Testament
reichlich: So alt wie Metuschelach zu sein, ist
zu einem beflügelten Wort geworden, denn er wurde
969 Jahre. Doch die Patriarchen nach ihm, die vor der
Sintflut leben, sterben immer jünger. Ursache ist ihre
Sündhaftigkeit.

Alte Menschen spielen in der Heilsgeschichte Gottes
eine zentrale Rolle. So werden Abraham und Sara
in hohem Alter und trotz Unfruchtbarkeit Saras (Gen
11,30) aus ihren bisherigen Lebenszusammenhängen
gerissen. Abraham erhält den Aufbruchbefehl von
Gott, Land, Verwandtschaft und Vaterhaus zu verlassen,
um in das Land zu ziehen, das Gott für ihn vorgesehen
hat (Gen 12). Und er geht, er wird aufgebrochen
und bricht auf, gemeinsam mit seiner Frau Sara und
seinem Neffen Lot.

Vielleicht muss es gerade ein alter Mensch sein, der
von Gott aus allen Sicherheiten herausgerufen wird,
weil er schon eine gute Weile an der Hand Gottes gegangen
ist, darin eingeübt und daher fest in seinem
Gottvertrauen ist. Und dennoch zeichnet das Buch
Genesis einen Menschen, der immer wieder aus der
Verheißung Gottes ausbricht und eigenmächtig seinen
Willen durchzusetzen versucht. Was er tut, ist
aus menschlicher Sicht nur allzu vernünftig: Er rettet
sein Leben aus Hungersnot, er sorgt für Nachkommenschaft
und Absicherung. Aber Gottes Ruf verlangt nur selten vernünftiges Handeln,
er will mehr von Abraham, er will ihn ganz
an sich binden, wie die Forderung der Opferung
– besser der Bindung – seines Sohnes
Isaak zeigt (Gen 22). Und so scheitert Abraham
jedes Mal kläglich, wenn er macht, was
er will. Am Ende seines langen Lebens sieht
er die Erfüllung der göttlichen Verheißung
nur anfanghaft, er kann sie nicht mehr auskosten.
Er stirbt mit 175 Jahren, betagt und
lebenssatt; sein Grab liegt im gelobten Land,
das er nicht mehr in Besitz nehmen konnte
(Gen 25,7-11). Als alter Mann hat er jedoch
die Geschichte von drei Weltreligionen geprägt
wie kein anderer. Es ist sein Glaube,
der beeindruckt. Seine Nachkommen bekennen
sich zum Gott Abrahams, Isaaks und
Jakobs. Hätte ein alter Mensch nicht den
Aufbruch an der Hand Gottes gewagt … Ein
alter Mann, eine alte Frau, sind Glaubensvorbilder.

»Denke an deinen Schöpfer in
den Tagen deiner Jugend, ehe
die bösen Tage kommen und die
Jahre sich nahen, von denen du
sagen wirst: Sie gefallen mir
nicht!« Koh 12,1

Beate Kowalski

Zwei großartige Erzählungen des Alten
Testaments nehmen zentrale Motive dieser
Abrahamserzählung wieder auf und entfalten
sie an weiteren zentralen Personen der
Geschichte Israels. Da ist zum einen der
alte Tobit, der mit seiner Frau Hanna und
seinem Sohn Tobias ein frommes, vorbildliches
Leben geführt hat, aber erblindet. Die
teils märchenhafte, weisheitliche Erzählung
entfaltet eine Familiengeschichte, in der die
junge Generation für die ältere sorgt. Tobias wird auf den Weg nach Ekbatana geschickt,
wo er durch göttliche Fügung seine spätere
Ehefrau Sara kennenlernt. Auch sie ist
in einer Notlage, die sie wie Tobit in einem
Gebet ausdrückt. Beide Gebete werden von
Gott erhört, indem er die beiden Familien
mit Hilfe seines Boten Rafael – verborgen
in der Gestalt eines Reisegefährten – zusammenführt.
Er wirkt wie ein Spiegel, in
dem die Menschen klar ihre Wege erkennen
können, und wie ein bergender Schatten, der
vorauseilt. Das Buch Tobit ist ein Beispiel
dafür, wie die junge Generation
für die ältere sorgt. Die im vierten
Gebot des Dekalogs geforderte Versorgungspflicht
für die Eltern wird
hier in vorbildlicher Weise und mit
der Hilfe Gottes entfaltet.

Auch die Rut-Novelle zeigt die Sorge
der Jungen für die Älteren auf. In
diesem Fall ist es sogar eine Schwiegertochter,
die wie Abraham für Ihre
Schwiegermutter ihre Heimat und
ihren Glauben aufgibt, um mit ihr
zurück nach Betlehem zu gehen. Die außergewöhnliche
Sorge, die weit über das vom
jüdischen Gesetz geforderte Maß hinausgeht,
wird durch Gottes Vorsehung reichlich
belohnt.

Abraham und Sara, Tobit mit seiner Familie
sowie Noomi und Rut sind Beispiele aus
dem Alten Testament, die die große Wertschätzung
für das Alter ausdrücken. Gott
traut gerade den alten Menschen etwas zu,
sie werden nicht abgeschrieben. Ihre Lebens-
und Glaubenserfahrung, ihre Weisheit
und Klugheit bringen die Heilsgeschichte
Gottes weiter. Deutlich wird auch, dass gerade
auf diesen Menschen der Segen Gottes
ruht und sie begleitet. Diesen geben sie in
ihrer Sterbestunde der nächsten Generation als Vermächtnis weiter (vgl. besonders den Sterbesegen
des Jakob in Gen 49), damit der Glaube weiterlebt.

Alte Menschen sind wichtig für die Glaubensweitergabe.
Sie erzählen von ihrem Leben mit Gott. Daher
beginnt das Neue Testament mit einem langen Stammbaum
Jesu zu Beginn des Matthäusevangeliums, in
dem die großen Heilsgestalten des Alten Testaments
aufgeführt werden. Er ist die Brücke zwischen beiden
Teilen der Bibel.

Alt und Jung im Neuen Testament

Damit sind wir im Neuen Testament angelangt. Wie
schon im Alten Testament spielen alte Menschen eine
zentrale Rolle in der Heilsgeschichte Gottes. Elisabeth
und Zacharias, Hanna und Simeon sind die ntl.
Erzeltern, die in hohem Alter Gottes Gegenwart erfahren
und damit zum Vorbild werden.

Elisabet und Zacharias sind die Ersten, die im Lukasevangelium
erwähnt werden. Wie Abraham und
Sara sind sie fromm, gerecht vor Gott, alt und unfruchtbar
(Lk 1,5f). Ihnen mutet Gott gerade aufgrund
ihres Alters einen Neuanfang zu. Aufgrund ihres Alters
wird deutlich, dass die Geburt des Täufers Johannes
allein Gott zu danken ist. An Elisabet und Zacharias
zeigt Lk auf, dass Gott gerade an den Menschen
handelt, die ohnmächtig und handlungsunfähig sind.

»Gott traut gerade den alten
Menschen etwas zu, sie
werden nicht abgeschrieben«

Beate Kowalski

Und so geschieht es auch den nächsten beiden alten
Menschen in der lk Kindheitserzählung: Simeon
war ein alter Mann, der von Lk als gerecht und gottesfürchtig
beschrieben wird (2,25). Sein Alter gibt ihm
die Gelassenheit, zu warten und nicht aufzugeben. Zudem
war er geisterfüllt und dadurch in der Lage, den
Moment der Begegnung mit dem Messias zu erspüren
und im richtigen Moment in den Tempel zu gehen. Seine
Augen sehen aufgrund seiner Altersweisheit tiefer
und erkennen daher in dem Kind das Heil Gottes, das Licht für die Heiden und das Volk Israel (2,30f). Ihm
wird die Gnade zuteil, Gott in der Gestalt des Kindes
Jesus in die Arme schließen zu dürfen und wie einst
Jakob vor seinem Tod die Mutter Jesu zu segnen. Auch
die Prophetin und Witwe Hanna, die Frau an seiner
Seite, ist im rechten Moment zur Stelle, um Gott zu
preisen und über das Kind zu sprechen. Beide, Simeon
und Hanna, sind Vorbilder der Treue, des geduldigen
Warten-Könnens und der Glaubensweitergabe.

Alten Menschen gilt die Wertschätzung Gottes und
der frühen Gemeinde. Sie werden zu Gemeindeleitern
– Ältesten (πρεσβύτεροι) – gemacht (1 Tim 5,17-22).
Neben ihnen gibt es Witwen, die den Gebetsdienst in
der Gemeinde übernehmen und dafür von ihr versorgt
werden (1 Tim 5,3-16). Wie wichtig der Zusammenhalt
der Generationen für die frühe Kirche gewesen ist,
zeigt sich besonders auch an Timotheus, der seinen
Glauben der Großmutter Loïs und seiner Mutter Eunike
verdankt (2 Tim 1,5). Für die Glaubensweitergabe
ist eine funktionierende Familie, die aus mehreren Generationen
besteht, unerlässlich.

Junge Menschen bedeuten Zukunft; dies ist besonders
an der Botschaft Jesu und seinem Umgang mit
Kindern und Jugendlichen zu erkennen. Jesus stellt
nicht nur Kinder als vorbildlich vor (Lk 18,14-17), sondern
heilt sie bzw. erweckt sie von den Toten – jedoch
nicht nur um ihrer selbst willen, denn kein Mensch
lebt für sich allein (Röm 14,7). Der Jüngling von Naïn
kann wieder für seine Mutter, eine Witwe, sorgen (Lk
7,11-17); die Tochter des Jaïrus darf wieder leben. Von
den Kindern Johannes und Jesus wird ausführlich in
der Kindheitserzählung des Lk (1-2) erzählt. Auf ihnen
ruhen die Hoffnungen vieler, die sich die Erlösung Israels
ersehnen. Es sind keine normalen Kinder, denn
an ihnen zeigt sich sehr früh das Wirken Gottes.

Die Haustafeln sind das Beispiel par excellence für
das Zusammenspiel der Familienmitglieder eines antiken
christlichen Hauses (Eph 5,21-6,9; Kol 3,18-4,1).
Die schwächeren Familienmitglieder werden jeweils
zuerst genannt; sie werden zur Unterordnung aufgefordert,
die als christusgemäß gewertet wird. Wichtig
ist zu betonen, dass es sich um antike Maßstäbe und
Rollenzuweisungen handelt, die bibelhermeneutisch
verantwortet nicht dogmatisiert werden dürfen.

Zusammenfassung

Das Verhältnis von Alt und Jung in der Bibel ist anders
definiert als in unseren modernen Gesellschaften
Europas, in denen Familien zu häufig scheitern
und auseinanderbrechen. Das Abschieben der älteren
Generation wird verurteilt (Spr 19,26; 23,22; 30,17),
ist aber auch Realität. Vor allem Witwen und Waisen
leben oft am Rande der Gesellschaft, wenn sie nicht
versorgt werden. Idealisiert werden weder Lebensstand,
noch Alter, auch nicht das oftmals mühsame
Zusammenleben der Generationen. Und doch gibt es
einen zentralen Unterschied zu unserer Gegenwart:
Menschen rechnen mit Gott in ihrem Leben – in jedem
Lebensalter. Entscheidend ist, wie jede Lebensetappe
gelebt wird. Der Psalm 90 gibt gute Hilfestellungen
dafür, wie man mit der Lebenszeit klug umgehen
kann; dabei spielt die göttliche Zeitrechnung ebenso
eine Rolle wie die Qualität der geschenkten Zeit.

»Denn tausend Jahre sind vor dir wie der gestrige
Tag, der verging, nur einer Nachtwache gleich.«
(Ps 90,4) Für Gott gibt es kein Gestern und kein Morgen,
sondern nur das Heute, die Gegenwart. Für ihn
zählt nicht, wie lange ein menschliches Leben währt,
sondern welche Bedeutung es hatte und welche Spuren
ein Mensch hinterlässt. Der Psalm macht unsere
menschlichen Kalender und Uhren ganz klein, aber
das Leben eines Menschen groß. »Lehre uns zählen
unsere Tage, auf dass wir gelangen zur Weisheit des
Herzens.« (Ps 90,12) – diesen Rat gibt der Beter des
Psalms. Zur Weisheit des Herzens gehört es, für jeden
Tag dankbar zu sein und mit der unberechenbaren
Gegenwart Gottes zu rechnen – ob alt oder jung.