Eulenfisch - Limburger Magazin für Religion und Bildung
Katja Ludwig: Innerlich bin ich aus Lakritze. Woow Books / Mareike Krügel: Almuth und der Hühnersommer. Beltz&Gelberg / Davin Grossmann: Opa, warum hast du Falten? Hanser Verlag / Nikola Huppertz: Fürs Leben zu lang. Tulipan

Zwischen Opa und Enkel

Jung und Alt in der Kinder- und Jugendliteratur

Laut Angaben des Statistischen Bundesamtes
gab es zum Ende des Jahres 2023 rund 18,7
Millionen Personen in Deutschland, die 65
Jahre oder älter waren. Ca. 14 Millionen Einwohner
waren zum gleichen Zeitpunkt noch minderjährig
(Gesamtbevölkerungszahl: 83,3 Mio). Es ist zudem
seit langem bekannt, dass die Zahl der älteren Menschen
wächst, während der Anteil der jüngeren Generationen
schrumpft, bedingt durch eine geringere
Geburtenzahl und eine steigende Lebenserwartung.
Dass die Gruppe der Älteren zunehmend auch in Kinder-
und Jugendbüchern Beachtung findet und damit
einhergehend die Veränderung in der Agilität der
Großelterngeneration wahrgenommen und literarisch
umgesetzt wird, ist nicht nur nachvollziehbar, sondern
auch notwendig, um glaubwürdige Beziehungskonstellationen
den jungen Leserinnen und Lesern zu
beschreiben. Susanne Drogi und Nadine Naugk sind
in dem Band »Begegnungen von Jung und Alt in der
Kinder- und Jugendliteratur« diesem Aspekt mit unterschiedlichen
Zugängen nachgegangen. Anhand verschiedener
Beispiele aus Kinder- und Jugendliteratur
und -filmen zeigen sie auf, wie intergenerationelle Begegnungen
dargeboten und erklärt, gedeutet und verstanden
werden können.

Auch im Religionsunterricht kann das Verhältnis
und die Beziehung von Jung und Alt in den Blick genommen
werden, indem Kinder- und Jugendbücher
als Ausgangspunkt genutzt werden. So kann Aufmerksamkeit
für generationenübergreifende Themen
entstehen und Raum geschaffen werden, um Stereotypen
und Vorurteilen zu hinterfragen. Ein derartiger
Austausch kann durch die Besprechung von Buchauszügen
initiiert werden, die das Zusammentreffen
von Jung und Alt in den unterschiedlichsten Konstellationen
und Kontexten und mit den verschiedensten
Hintergründen und Handlungsräumen beschreiben.
Wenn die Zeit und die Möglichkeit bestehen, eine
Ganzschrift im Religionsunterricht zu lesen, liegt der
Mehrwert darin, dass die literarischen Figuren mit ihren
jeweiligen Themen und in ihrer Entwicklung noch
intensiver begleitet, hinterfragt und diskutiert werden
können. Dem möglichen Vorwurf, der Religionsunterricht
könne zum verkappten Deutschunterricht
mutieren, ist entgegenzuhalten, dass aufgrund klarer
methodisch-didaktischer Vorarbeit, die die Lehrkraft
zu leisten hat, die religionspädagogische Relevanz
der Lektüre fokussiert wird und dementsprechend
ein wertvoller mehrperspektivischer und diskursiver
Beitrag zur Sinnstiftung und eine Orientierungshilfe in schülerorientierter und die Lebenswelt der Adressaten
im Blick habenden Weise gelingt. Diese vermag
es, den üblichen Modus der Impulse durch Kurztexte
oder Textauszüge zu durchbrechen und für Schülerinnen
und Schüler ein weiteres Angebot darzubieten,
das sie neugierig macht und das für den Religionsunterricht
ein interessantes, vom Üblichen abweichendes
Lern- und Denkangebot bereitstellt.

Die im Folgenden beispielhaft vorgestellten Bücher
zeigen in unterschiedlicher Weise, wie die jungen und
alten Protagonisten sich gegenseitig wahr- und ernst
nehmen, gemeinsam agieren und sich einander Wertschätzung
zollen. Dabei sind es nicht vorrangig Enkel-
Großeltern-Konstellationen, sondern auch die außerfamiliären
Beziehungsarrangements, die zwischen
Jungen und Alten beschrieben werden, für gegenseitigen
Erkenntnis- und Erfahrungszuwachs sorgen und
somit für die jungen Leserinnen und Leser ein interessantes
Denkangebot mit Entwicklungspotential liefern.

David Grossman: Opa, warum hast du Falten?

David Grossman lässt in dem Kinderbuch »Opa, warum
hast du Falten?« den Enkel Jotam in respektvoll
neugieriger Weise das faltige Gesicht des Großvaters
erkunden. Berührend und kindgerecht erklärt der
Großvater, dass Erlebnisse seines Lebens sich in seinem
Gesicht durch die Falten ausdrücken – negative
wie positive Ereignisse. Er nimmt seinen Enkel mit in
seine Erklärungen hinein, indem er darauf hinweist,
dass eine besondere Falte Jotam gehöre, da er sie vor
Freude über seine Geburt bekommen habe. Andächtig
bestaunt und berührt Jotam das Gesicht seines Großvaters
und drückt seine Gedanken und Empfindungen
in eigenen Bildern aus.

Einen einfühlsamen Gesprächsimpuls bietet das
Kinderbuch, das mit kurzen Textpassagen zum Vorlesen
und selber Lesen geeignet ist und durch die ansprechenden
und eindrucksvollen Illustrationen den
Austausch über die Beobachtungen Jotams und die
Erklärungen seines Großvaters vertiefen kann. Im Religionsunterricht
vermag das Bilderbuch als Türöffner
zum Einsatz kommen, wenn es um Beziehungen
zwischen Jung und Alt geht. Da das Zusammenleben
verschiedener Generationen in einem Haushalt zumeist
der Vergangenheit angehört, bietet das Buch
im Unterricht die Möglichkeit, ins Gespräch über die
Großelterngeneration zu kommen und somit deren
Verhalten in besonderen Situationen und ihre Wertvorstellungen
zu ergründen, um Orientierung für das
eigene Handeln zu bekommen. Dass sich daran auch
der Diskurs über christliche Glaubensvorstellungen
von Jung und Alt anschließen kann, mag je nach Lerngruppe
in Erwägung gezogen werden.

Katja Ludwig: Innerlich bin ich aus Lakritze

Mit der ungewöhnlichen Eigenschaft ausgestattet,
dass sie aufgrund ihres Geruchssinns und Geschmackssinns
auch Personen und Gefühlen Düfte
und Geschmäcker zuordnen kann und sich Farben in
besonderer Weise für sie erschließen (Synästhesie),
bereitet dieses »Mischimaschi im Kopf« (S. 17) der elfjährigen
Lilou vor allem in der Schule und im sozialen
Kontext Schwierigkeiten. Als nach einem Unfall der
ihr unbekannte Großvater in die kleine Wohnung, die
sie mit ihrer alleinstehenden Mutter bewohnt, einziehen
muss, gerät das bescheidene und bisher ganz gut
organisierte Leben aller Beteiligten durcheinander,
da sie nun plötzlich auf kleinstem Raum miteinander
auskommen müssen, was nicht einfach ist, da sich Vater
und Tochter bereits vor Jahren zerstritten haben.

Dass sich Enkelin und Großvater nach und nach
annähern und sich durch das Zusammenleben mit
seiner Enkelin der Großvater ändert, zeigt, wie sich
generationenübergreifend Beziehungen beeinflussen
können, was der Roman in äußerst nachvollziehbarer
Weise und nicht klischeehaft und mitnichten kitschig
darbietet.

Das Kinderbuch weist sympathische Charaktere
auf, deren Sorgen und Probleme
die Schülerinnen und Schüler nachvollziehen
können. Die Themen des Kinderbuches
wie »Familienkonflikte«, »anders sein«, aber
auch »Mobbing« und »Erwartungshaltungen
von Eltern und Lehrkräften« sowie das Eigenengagement
der Kinder, ihre Pläne umzusetzen,
bilden diverse Ausgangspunkte, um
im Religionsunterricht dazu entsprechende
Weiterführungen und Bezüge herzustellen
und einen Beitrag zur Persönlichkeitsentwicklung
der Kinder zu leisten.

Mareike Krügel: Almuth und der Hühnersommer

In besonderer Weise vermag das Kinderbuch
»Almuth und der Hühnersommer« von Mareike
Krügel für den Religionsunterricht Gesprächspotential
bieten. Das witzig-ernsthafte
Kinderbuch zielt in besonderer Weise
auf verschiedenen Ebenen genau darauf ab,
was der Religionsunterricht auch tun soll:
Kinder zu befähigen, Situationen kennenzulernen,
zu deuten und ins Handeln zu kommen.
Dabei werden ganz konkrete Fragen nach dem Sinn des Lebens und nach dem Umgang
mit dem Tod gestellt (»Der Tod und ich, wir konnten
uns immer noch nicht leiden.« S. 189). Almuth möchte
»Retterin« werden. Da ihr kleiner Bruder Jonathan
schwer krank ist, musste die Familie von der Stadt
aufs Land ziehen. Dort freundet sich Almuth mit Joy
und Said und dem Nachbarn, dem sie liebevoll den
Namen »Öhi« gibt, an. Sie ist oft alleine, auch weil ihre
Eltern mit ihrem Bruder viel Zeit bei Ärzten und im
Krankenhaus verbringen – ständig in Sorge, dass er
stirbt. Der Nachbar und seine Hühnerschar sind für
Almuth eine willkommene und hilfreiche Ablenkung;
es besteht keine familiäre Bindung, die dem Verhältnis
der beiden zugrunde liegt, sondern ihr Zusammensein
kann als Zweckgemeinschaft beschrieben
werden. Als es dem Nachbarn nicht gut geht, unternimmt
Almuth mit ihren neuen Freunden und ihrem
Bruder eine Rettungsaktion, wobei sie und Jonathan
über sich hinauswachsen.

Empathie, gegenseitiger Respekt und der Umgang
mit herausfordernden Situationen, in die man nicht
selbstbestimmt gekommen ist, sind Motive, die für einen
intensiven Austausch im Religionsunterricht sorgen
können. Nahe an der Lebenswelt der Schülerinnen
und Schüler wird die Frage nach Empowerment in
den Fokus gerückt. Zwischen Angst vor dem Sterben eines geliebten Menschen und der Hoffnung,
dass alles gut wird und die geliebte Person
gerettet werden kann, werden existentielle
Fragen, die Kinder und Jugendliche beschäftigen,
angestoßen. Besonders herauszustellen
ist, dass nicht nur die Kinder vom alten
Herren lernen, sondern auch umgekehrt. Seit
sich die Kinder mit dem Öhi und seinen Hühnern
beschäftigen, hat er seine Meinung zur
vorherigen Verhaltensweise geändert: »Ich
habe eingesehen, dass ich mich geirrt habe.
Man muss Hilfe annehmen, wenn man sie
braucht. […] Etwas Besseres als den Tod findest
du überall.« (S. 176)

Eine Leseempfehlung im Religionsunterricht
ist deshalb zu geben, weil vielfach
religiöse Zugänge zu den gestellten Fragen
möglich sind. So könnten beispielsweise die
angstvollen Momente, die die Protagonistin
erlebt, thematisiert und mit Verweis auf die
Inhalte des christlichen Glaubens ein hilfreiches
Angebot für Kinder, die vielleicht
in einer ähnlichen Situation sind, gemacht
werden.

Nikola Huppertz: Fürs Leben zu lang

Wie geht das Leben? So fragen Kieran und
Magali und wenden sich schließlich sogar
an einen Philosophen. Im Jugendroman
»Fürs Leben zu lang« begleiten die beiden
Jugendlichen den alten Herrn Krekeler in
seinen letzten Tagen, denn er hat beschlossen,
dass 98 Jahre Leben genug sind. Langsam
und bedächtig nimmt er Abschied,
wobei er noch sehr genau die beiden Dreizehnjährigen
im Blick behält und sie in
unaufdringlicher Weise in seinen ruhigen,
unaufgeregten Abschied miteinbindet. Die
Eltern der beiden haben eine völlig andere
Wahrnehmung bezüglich des Sterbens von
Herrn Krekeler als die Jugendlichen, die
trotz ihrer Trauer um den alten Mann gestärkt
aus dieser Zeit der Sterbebegleitung
hervorgehen; sie sind ein Stück erwachsener
und auch selbstbestimmter geworden. Deutlich
wird im Roman herausgestellt, dass die
Verhaltensmuster ihrer Eltern nicht zu dem
passen, was die Situation für sie erfordert
und für ihre emotionalen Befindlichkeiten
hilfreich wäre: Das, was die Zwischengeneration
anzubieten hat, läuft bei Magali und
Kieran ins Leere und es erweist sich, dass
es ihre Eltern sind, die ihre Einstellung zu
revidieren haben.

Es ist ein in besonderer Jugendroman,
der eine Ahnung davon vermittelt, was Jung
von Alt lernen kann, wenn das Angebot zugelassen
und respektvoll sowie vorurteilsfrei
wahrgenommen wird. Er zeigt, dass das
Lernen von der Großelterngeneration ein
anderes ist als von den Eltern. »Und wenn
er euch zeigen kann, wie Sterben geht, zeigt
er euch auch, wie Leben geht.« (S. 153) Der
Roman ist reich an Impulsen für den Austausch
und das Weiterdenken im Religionsunterricht.
Neben grundlegenden, existentiellen
Fragen (Wie geht Leben?) bietet der
Roman viele Aspekte, die Jugendliche in
ihrer Lebensphase betreffen, an: Bin ich gut
so, wie ich bin? Werde ich angenommen und
geliebt? Welche Entscheidungen kann, welche
darf und welche muss ich selbst treffen?
Was will ich wirklich und wann werde
ich beeinflusst oder fremdbestimmt? Was
macht mich aus? Was erwarte ich vom Leben und von den Menschen? Was prägt mich und
was gibt mir Orientierung? Dass sich Herr
Krekelers Tod am Osterfest ereignet, lässt
ungezwungen anknüpfen an die christliche
Botschaft des Osterfestes und über den Tod
hinausschauen.

Die agilen Alten

Ein ergänzender Aspekt bezüglich der Darstellungen
von Jung und Alt in Kinder- und
Jugendbüchern soll nicht unerwähnt bleiben:
Dass die agilen Alten immer mehr Einzug
halten in die Kinder- und Jugendbücher,
ist nicht verwunderlich, denn wer heute 65
ist, gehört längst nicht zum alten Eisen. Viel
mehr ältere Personen als früher sind sehr
aktiv im Berufsleben oder im Privatleben,
sie sind eine rührige, die Gesellschaft gestaltende
und anteilsmäßig herausragende
Personengruppe. Während in älteren Darstellungen
die Großeltern zum Aufpassen
und Geschichtenvorlesen gut waren, sind
sie es, die mit den Kleinen Unternehmungen
starten, und die Eltern bei der Rundumbetreuung
unterstützen und beraten. Diese
agilen und bisweilen eigenwilligen Alten,
die sich klar positionieren, werden so auch
zunehmend in der Kinder- und Jugendliteratur
beschrieben und in Erzählungen eingebunden,
die mitnichten lediglich die netten
Alten mit Aufpasserrolle beinhalten. In »Ist
Oma noch zu retten?« von Marie Hütter hat
die Großmutter ihrer Enkelin viele hilfreiche
Tipps für verschiedene Lebenslagen mitgegeben,
die sich nun, als die Großmutter in
einen Kriminalfall verwickelt ist, als äußerst
hilfreich erweisen. In den verschiedenen
Bänden von »Max und die wilde 7« sind die
Alten ebenfalls äußerst findig und nehmen
den Jungen Max unter ihre Fittiche, als es
Kriminalfälle im Altenheim zu lösen gibt.
Auch hier wird die Lebenserfahrung der Alten
zum Nutzen des Jungen eingespielt und
führt zur Charakterstärkung und zur Selbstermächtigung,
weil die Mutter aufgrund der
Situation im Seniorenheim eben nicht so
agieren kann, wie sie möchte und wie es für
Max letztlich hilfreich wäre.

Die vier Sommerby-Bände von Kirsten Boie zeigen,
wie generationenübergreifend Jung und Alt mit
ihrer jeweiligen Erfahrung oder Unerfahrenheit, mit
ihrer Sprachfähigkeit oder auch Sprachlosigkeit gemeinsam
die nicht nur familiären Herausforderungen
angehen und meistern. Die knorrige Großmutter und
die drei Enkelkinder nähern sich auf Umwegen an,
und Freundschaften zwischen den Alten im Dorf und
den Kindern werden geschlossen. Aber auch die Prägungen
durch die jeweilige Lebensumwelt und -erfahrung
durchdringen die Beziehungskonstellationen
und bieten umfangreich Anregungen fürs Diskutieren
und Weiterdenken, fürs Hinterfragen und Positionieren.
Gerade der kindliche Blick auf manche Ereignisse,
der von der jugendlichen Protagonistin hinterfragt
und von der Großmutter aus ihrem Blickwinkel
der langen Unabhängigkeit und Selbständigkeit kontrastiert
wird, macht es spannend zu erleben, wie
Kompromisse und Lösungen gefunden werden.

Bilder des Lebens entwickeln

Der kürzlich verstorbene Papst Franziskus hat in seinem
Brief Ȇber die Bedeutung der Literatur in der
Bildung« geschrieben: »... Es [das Lesen] bereitet
uns darauf vor, die verschiedenen Situationen, die
im Leben auftreten können, zu verstehen und damit
umzugehen. Beim Lesen tauchen wir in die Charaktere,
die Sorgen, die Dramen, die Gefahren, die Ängste
von Menschen ein, die die Herausforderungen des
Lebens letztlich gemeistert haben. […] Sie [die Literatur]
dient, kurz gesagt, dazu, das Leben wirklich zu
erfahren.« Somit ist zur Beantwortung der im Titel gestellten
Frage, wer bzw. was uns zeigt, wie Leben geht,
ein Vorschlag gegeben: Innehalten und Bücher lesen
(auch im Religionsunterricht).