Die Wahrheit ist konkret
Der Schauspieler Jens Harzer und der katholische Pfarrer Rainer Hepler kennen sich seit vielen Jahren... Ein Gespräch über Mystagogie, das Drama »Saul« von Botho Strauß und die Suche nach einem gelingenden Leben
Die Frage stellte Clemens Hermann Wagner
Vielleicht ist in der Gegenwart des 21. Jahrhunderts nicht mehr erklärungsbedürftig, was ein Schauspieler
tut, aber doch nicht allgemein bekannt, welchen Tätigkeiten ein Kunstpfarrer nachkommt.
Was sind Ihre Aufgaben, Rainer Hepler?
Rainer Hepler: Die Kunstpastoral, für die ich in München tätig bin, versteht sich als eine
Schnittstelle zwischen Kirche und Kunst. Für mich ist zunehmend deutlich geworden, dass
die Kirche die Kunst ungleich dringender braucht als umgekehrt die Kunst die Kirche. Früher
nannten wir unsere Arbeit Künstlerseelsorge, aber der Begriff behagte mir nie, weil er
sehr einseitig und karitativ wirkt. Im Dialog von Kunst und Kirche begegnen sich zwei autonome
Sphären, die einander viel zu sagen haben und voneinander lernen können. Es setzt
sich eine unverhoffte, neue Energie frei und so verstehe ich die Kunstpastoral als einen
eigenen Weg kirchlichen Handelns.
Sie bezeichneten in einem Beitrag für die Zeitschrift Publik-Forum Jens Harzer als einen der großen
Mystagogen des deutschsprachigen Theaters. Worin mag das Geheimnisvolle Ihrer Arbeit liegen,
Jens Harzer?
Jens Harzer: Ich bin immer sehr vorsichtig und zurückhaltend, Theaterarbeiten oder mein
Spiel zu beschreiben. Wahrscheinlich ist es gar nicht möglich, schlüssig darzulegen, was
das Geheimnis von – wenn man diesen hohen Begriff verwenden will – Schauspielkunst
ausmacht. Mich interessiert im Spiel neben dem Sichtbaren all das, was mit dem Sichtbaren
nichts zu tun hat, was auf der Seite des Unverfügbaren einer Figur steht und auf den ersten
Blick nicht mitteilbar ist. Was macht eine Figur gerade dann aus, wenn sie schweigt, wenn
sie hört oder einfach nachdenkt? Auch wenn meine Figuren bisweilen sehr viel Text haben,
gilt mein Interesse gerade dem, was nicht in der Sprache liegt.
Erstmals im Rahmen der Salzburger Festspiele, dann in der Freien Akademie der Künste in Hamburg
und zuletzt am Berliner Ensemble haben Sie gemeinsam mit Marina Galic in einer szenischen
Lesung »Saul« von Botho Strauß auf die Bühne gebracht. Was interessiert Sie an dieser alttestamentarischen
Figur?
Jens Harzer: Zunächst wusste ich so gut wie nichts von Saul. Als Botho Strauß mir seinen
Text schickte, brauchte ich also eine gewisse Zeit, mich dieser Figur und dem ganzen
Stoff anzunähern und alles zu verstehen. Aber dann begann mich dieses eigenwillige Theaterstück
wirklich zu interessieren und ich begriff mehr und mehr, worin der Reiz liegen
könnte. Strauß macht ja deutlich, dass es sich bei der
Geschichte von Saul um eine Tragödie handelt, die der
Dramatik antiker Stoffe oder der von Shakespeare nicht
unähnlich ist. »Ich bin der Falsche«, sagt Saul über sich
selbst und wird damit vor allem als ein unfertiger Charakter
verstehbar. Mir scheint es geradezu eine Notwendigkeit
von Theater zu sein, eine so gebrochene Figur
wie Saul zum Protagonisten eines Dramas zu machen.
In dieser einzigartigen Disproportion von Talent und Berufung
und in der Mischung aus Naivität und Jähzorn,
vermischt mit der eifersüchtig-tiefen Liebe zu seinem
Sohn Jonathan, konfrontiert er uns ja auch mit einer
allgemein nachvollziehbaren Ausweglosigkeit. Vielleicht
liegt darin auch die ungemeine Weite dieses ja eigentlich
sehr kleinen Stückes von Botho Strauß.
Gleichzeitig verdichtet sich mit der Geschichte von Saul in der
Gestaltung von Botho Strauß auch das Verhältnis von Gotteswort
und Menschenwort. Über Saul wird irgendwann geurteilt
werden: Gott hat dich verworfen.
Rainer Hepler: Es ist sehr bemerkenswert an diesem
Stück von Botho Strauß, dass Gott nur an einer Stelle
als »Das Licht« spricht. Samuel ist es, der schließlich behaupten
wird, dass Gott Saul verworfen habe, und immer
wieder für sich in Anspruch nimmt, zu wissen, was
Gott gesagt haben soll. Jede/r kann und muss sich daher
selbst ein Urteil bilden, ob das glaubwürdig ist und ob Saul wirklich Gottes falsche Wahl
ist. Die geläufige Lesart der biblischen Erzählung von Saul ist ja eigentlich, dass diese unglückliche
Figur nur der unwichtige Vorgänger des großen und legendären Anführers von
Israel, David, ist. Saul ist am Anfang sogar auch noch ein Held, der vom Volk legitimiert
wurde, aber er wird schließlich scheitern. Das ist im Übrigen auch theologisch von Interesse:
Biblisch gibt es keine ungebrochenen Figuren, denn gerade diese unfertigen, zwielichtigen
Charaktere laden ja zur Identifikation ein.
»Eines tue ich lieber als glauben, und das ist zu zweifeln«, heißt es in dem Drama. Welcher Wert
kommt dem Zweifel im Leben eines Kunstpfarrers zu?
Rainer Hepler: Ich bin davon überzeugt, dass wir den Glauben nicht für uns in Besitz
nehmen oder festhalten können und wir daher zwangsläufig zweifeln müssen. Glauben geht
ja nicht mit einem zweifelsfreien Überprüfen im Reagenzglas einher, sondern Glaube erweist
sich darin, dass er ein tragender Grund des Lebens werden kann. Vielleicht hat Glaube
dann auch das Potenzial, die Wahrnehmung der Wirklichkeit und schließlich sogar die Wirklichkeit an sich zu verändern. Für mich bedeutet mein Glaube, das Leben von innen
her anzuschauen und dabei den Zweifel nicht aussparen zu müssen. In diesem Sinn ist mir
auch Papst Franziskus ein Vorbild, der von sich selbst immer wieder sagt, dass er ein großer
Zweifler ist.
Was bedeutete es für Sie als Schauspieler, die Wahrnehmung von Wirklichkeit oder gar die Wirklichkeit
selbst zu verändern?
Jens Harzer: Oh, was eine Frage … Wenn ich an meine Zeit an der Schauspielschule denke,
dann erinnere ich mich gerne an einen Lehrer, der mich sehr beeindruckt hat. Zugegeben,
er war etwas metaphysisch angehaucht, mir gefiel das. Nun gut, eines Tages jedenfalls trat
er vor unsere Klasse und stellte uns folgende Aufgabe: »Jeder erzählt bitte in der nächsten
Stunde sein Lieblingsmärchen in zehn Sätzen.« Die Aufgabe war gar nicht mal so einfach,
aber doch irgendwie machbar. Also erzählte man sein Märchen beim nächsten Mal in zehn
Sätzen, aber als alle fertig erzählt hatten, kam schließlich die entscheidende Aufforderung:
»Schildert mir bitte in der nächsten Woche zehn Dinge oder Merkmale oder Beweise, die
das Märchen für euch wahr machen.« Das ist eine eigentlich unlösbare Aufgabe: Was macht
ein Märchen wahr? Und doch zielte sie gerade dadurch in die Mitte eines künstlerischen
Suchprozesses, der die reine Wirklichkeit zu überwinden versucht. Denn jede Phantasie
kann dein Märchen wahr oder auch unwahr machen. Vielleicht liegt der Wahrnehmung oder
Veränderung von Wirklichkeit vor allem erst einmal ein mitunter auch anstrengendes oder
vergebliches Ringen um die eigene Wahrheit zugrunde.
Sie schildern einen hochindividuellen Zugang zur Frage von Wahrheit. Wie steht es um eine ausgeprägte
Individualität in Fragen von Religion und Theologie?
Rainer Hepler: Für mich ist die Literatur von Thomas Bernhard sehr wichtig. Dieser Autor
konnte mit der Kirche ja bekanntlich nicht viel anfangen und ist schließlich auch ausgetreten.
Und doch finde ich im Werk von Bernhard immer wieder persönliche Glaubensbekenntnisse,
in denen er zum Beispiel deutlich macht, dass alles mit allem verbunden ist. Als gläubiger
Mensch oder Theologe würde ich vielleicht unmittelbar interpretieren wollen, dass
es der Heilige Geist ist, von dem hier die Rede ist. Aber ich kann zwischen dieser religiösen
oder theologischen Aussage und der in Literatur gefassten Erfahrung keinen Unterschied
erkennen. Bisweilen scheint es mir sogar so, dass theologische Begriffe das Leben sehr
schwer machen, weil sie nicht auf ihre Inhalte und Alltagstauglichkeit hin überprüft worden
sind. Es ist ja das Vermögen von Kunst, Literatur und Theater, ein sehr konkretes Bild,
eine konkrete Szene oder einen konkreten Augenblick zum Ausdruck zu bringen. Wahrheit
kann eben nicht abstrakt verhandelt werden, sondern ist immer konkret.
Ist auch für Sie das Theater und Schauspiel eine Arbeit an der Konkretion?
Jens Harzer: Ja, unbedingt. Der Wunsch nach Konkretion ist ja im Theater sehr präsent
und bestimmt sehr viele Prozesse. Zugleich bin ich davon überzeugt, dass eine Figur oder
Szene immer einen offenen Punkt braucht, der über den einzelnen und konkreten Moment
hinaus reicht. »Behalte einen großen Rest für dich«, schreibe ich mir mitunter in meine
Textbücher. Gerade angesichts der enormen und herausfordernden Entäußerungen von Figuren
gibt es doch manchmal einen stillen Augenblick, der weiterweist und das Konkrete in
gewisser Hinsicht transzendiert.
Sie beide führen den gemeinsamen Interessen am Menschsein zum Trotz doch sehr unterschiedliche
Leben. Was bedeutet ein gelingendes Leben für Sie?
Rainer Hepler: Es ist fast vermessen, darauf eine eindeutige Antwort geben zu wollen.
Aber vielleicht ist es einfach ein bewusstes Da-Sein. Schon im Alten Testament sagte Gott ja diesen geheimnisvollen Satz zu Moses: »Ich bin da« (Ex 3, 14). Gott spricht diesen Satz
zum Menschen und im Menschen. Wenn es mir also gelingt, einen Augenblick aufmerksam
wahrnehmen zu können, was ist, dann ist für mich schon sehr viel geglückt. Da gibt es
diese Momente, ganz gleich, ob sie in der Musik, in der bildenden Kunst oder im Theater
sind, in denen ich spüre, dass ich ganz da bin. Das kann sich ebenso ereignen, wenn ich unter
Menschen bin, in der Natur unterwegs bin oder von einem Berg herunterschaue. Diese
mystische Ebene des Lebens, die nicht herbeigeführt oder gemacht werden kann, sondern
geschenkt wird, gehört für mich untrennbar mit einem gelingenden Leben zusammen.
Jens Harzer: Zunächst will ich betonen, was es doch für ein ungeheures Privileg ist, überhaupt
darüber nachdenken zu können, was ein gelingendes Leben bedeuten mag. Mir fällt
eine Aufführung ein, die ich über zehn Jahre gespielt habe, Anton Tschechows »Onkel Wanja
« am Deutschen Theater in Berlin in der Regie von Jürgen Gosch. Ich spielte die Figur des
Astrow, ein Arzt, der viele Konflikte des Dramas auslöst und verschärft, sich aber vor seiner
Verantwortung davonstiehlt, in seine Einsamkeit verschwindet und die übrigen Personen
schließlich alleine zurücklässt. Am Ende bleiben Wanja und Sonja verlassen zurück und
Sonja versucht, ihren traurigen Onkel zu trösten: »Wir müssen leben, wir werden leben.
Einen Tag und noch einen Tag und immer weiter, eine lange Reihe von Tagen, von langen
Abenden …Und wenn unsere Stunde kommt, dann werden wir einfach sterben … Und Gott
wird dann vielleicht Mitleid mit uns haben. Hab Geduld, Onkel, hab Geduld, eines Tages
ruhen wir uns aus, wir ruhen uns aus …« Diese lakonische Wärme und die Einsicht in den
Lauf der Welt, die von Sonja ausgedrückt wird, der so vieles in ihrem Leben missglückte
und deren Liebe zu Astrow unerwidert blieb, – das hat mich immer wieder tief berührt. Die
Inszenierung von Gosch hat diesen Moment sehr ernst genommen, nicht banalisiert oder
ironisiert; er kam in großer Einfachheit zum Vorschein, dann rief der Nachtwächter zur
Nacht und das Stück war vorbei. Was heißt schon ein gelingendes Leben? Vielleicht ist es
bereits sehr viel, weitermachen zu können, einen Tag nach dem anderen – hoffnungsvoll,
unaufgeregt und immer wieder von Neuem.
Zur Person
Jens Harzer und Rainer Hepler
Jens Harzer arbeitet an Theatern in Hamburg,
Bochum und Berlin und ist immer wieder in großen
Film- und Fernsehproduktionen zu sehen. Neben
zahlreichen Auszeichnungen ist er Träger des Iffland-
Rings, einer der höchsten Auszeichnungen für
Theaterschauspieler im deutschsprachigen Raum.
Rainer Hepler ist Theologe und Priester der Erzdiözese
München und Freising und verantwortet dort
den Fachbereich Kunstpastoral.

