Altern – Oberstufe der Lebensschule
Altwerden ist mehr als biologischer Verfall – es ist ein Kapitel voller Chancen, Reifung und Menschlichkeit. Alter ist kein Defizit, sondern die letzte Bildungsstufe des Lebens
Wir wollen ein wenig über das Alter nachdenken,
wobei einzugestehen ist, dass ich
als Endvierziger nicht aus eigener unmittelbarer
Erfahrung schreibe. Warum tue ich es trotzdem?
Weil uns erstens bei vielen Dingen gar nichts
anderes übrig bleibt, als darüber nachzudenken, bevor
wir ihnen unmittelbar begegnen; sonst träfen sie
uns völlig unvorbereitet. Zweitens hilft uns dabei,
dass wir mit Menschen in Kontakt und Austausch stehen,
die schon Erfahrungen machen, die uns noch bevorstehen
– Womit wir schon bei einem ersten Dienst
der Alten sind: Sie leben uns unsere Zukunft vor.
Und wenn die Jungen bei den Alten erfahren können,
dass Altwerden seinen eigenen Sinn und seine eigene
Schönheit und Würde hat, haben sie weniger Angst vor
dem Leben. Diesen Dienst haben mir viele erwiesen,
so dass ich mich in Berufung auf diese, wenn auch
nicht ohne Respekt, jetzt schon traue, philosophisch
vom Alter zu handeln. Ein Vorbild sei eigens benannt,
weil ich ihm nicht bloß das Zeugnis der
Würde des Alterns, sondern auch die
philosophische Grundlegung seines Verständnisses
verdanke: Jörg Splett. Das
Folgende verdankt sich im Wesentlichen
seiner Anthropologie.
Die harten Tatsachen
Wenn ich im Folgenden davon rede, welche
Chancen und Möglichkeiten im Altern
liegen, möchte ich eines auf keinen
Fall: idealisieren. Sprechen wir deshalb zunächst von
der Last des Alters: Ein Nachlassen, ein Wenigerwerden
der Kräfte, Fähigkeiten und Möglichkeiten. Manches
nimmt auch zu: zum Beispiel die Anzahl der im
Haus geführten Medikamente und die körperlichen
Hilfsmittel. Man wird zum Cyborg: Brille, Hörgerät,
Herzschrittmacher, künstliche Hüfte, falsche Zähne,
Toupet, Glasauge, Holzbein, Rollator. Wenn es so weit
ist, stellt sich die Menschmaschine als wesentlich
weniger reizvoll heraus, als die kindliche Faszination
für »Transformers« und der kindische Technik-Glaube
der Transhumanisten nahelegten. Die natürlichen
Bordmittel fühlten sich irgendwie besser an. Andererseits
stehen wir hier, wie im Folgenden immer wieder,
vor der Frage, mit welcher Einstellung wir den unabwendbaren
Tatsachen begegnen wollen: Man kann
primär bedauern, ein Hörgerät zu brauchen, oder sich
primär dankbar darüber freuen, dass es so etwas gibt.
Perspektivenwahl
Mit dem Nachlassen unserer Kräfte und
Fähigkeiten nimmt unsere Angewiesenheit
zu, während gleichzeitig die Menschen, die
einem lieb sind, weniger werden; man wird
einsamer. Der Tod kommt näher. Jeder Sommer
könnte der letzte sein, aber in jedem
Sommer, den wir erleben, steigt die Wahrscheinlichkeit,
dass es der letzte ist.
So die Fakten. Und die entscheidende Frage,
der wir gerade schon mit Blick auf die
Hörgeräte begegneten, lautet: Wie mit den
Fakten umgehen? Man kann das Nachlassen
der Kräfte und Möglichkeiten für einen bloßen
Verfallsprozess halten, und es spricht
einiges dafür, dass viele Menschen nicht
mehr darin sehen. Deswegen der laute Ruf
danach, ihn abbrechen zu können, wann
immer der Saldo an Lebensqualität nicht
mehr stimmt. Wenn das plumpe Lebensmotto
»Hauptsache, gesund!« wahr wäre, dann
verfehlten wir die Hauptsache, je älter wir
werden. Und wer meint, die Sache abzumildern,
durch die vermeintliche Relativierung:
»Gesundheit ist nicht alles, aber ohne
Gesundheit ist alles nichts«, macht es nur
schlimmer. Denn dann ist in der letzten Phase
des Lebens eben »alles nichts«. Wenn sich
der Sinn des Lebens daran misst, wie wenig
Schmerz und Leid uns betrifft, dann wird
der Lebenssinn immer weniger, je länger es
dauert. Und wenn der Sinn des Lebens vor
allem darin liegt, unabhängig zu sein, dann
fängt es sinnlos an und hört sinnlos auf.
Klage, Bitterkeit, schließlich Abbruch sind
dann die Haltungen, die sich nahelegen.
»Wenn wir sagen: ›Ich will niemandem
zur Last fallen‹, wissen wir
dann, was wir sagen? [...] Wer
empfängt, der gibt. Er gibt anderen,
geben zu dürfen«
Dass unsere Zeit mit dem Alter zumindest
fremdelt, dürfte keine übertriebene Behauptung
sein: Verdrängung statt Ehrung, Ghettoisierung statt gesellschaftlichen und familiären
Einbezugs sind häufig die traurige Realität. Kein
Wunder, wenn man dann nichts als sinnlosen Zerfall
und Abgesang in der letzten Phase des Lebens zu sehen
vermag. Es gibt aber einen anderen Weg und auf
den gelangen wir, wenn wir einen radikalen Perspektievenwechsel
vollziehen: Alter als letzter Reifungsschritt,
Oberstufe der Lebensschule, Abiturjahrgang
statt Abstellgleis. Etwas, das zu schwänzen ein erheblicher
Selbstbetrug wäre; man brächte sich und die Seinen
um die Pointe und die Rundung des ganzen Lebens.
Gehen wir ein wenig und ohne Anspruch auf Vollständigkeit
durch das Curriculum der Sekundarstufe
II der Lebensschule. Was lässt sich in ihr lernen?
Freigeistigkeit
Der alte Mensch hat mehr gelebt und erlebt. Er hat
mehr Kontext, und das macht gelassener gegenüber
den Tageswinden der Gegenwart. Der junge Mensch
hält die Sau, die gerade durch das Dorf getrieben
wird, für einen festen Bewohner. Je älter man wird,
desto mehr weiß man, dass jeder Sau eine neue Sau
folgt und dass man gar nicht so sehr auf die aktuellen
Säue achten muss, als auf das, was immer gilt.
Gelassenheit
Der alte Mensch muss nicht mehr so um Ansehen
kämpfen. Die Lebensleistung, insofern sie in dem
liegt, was man an Kompetenzen, Stellungen, Positionen,
Vernetzung und Einfluss erobern kann, ist vollbracht.
In Sachen Statusaufwertung ist das Rennen
gelaufen. Man kann endlich anfangen, der zu sein, der
man ist. Sehen wir, wie die Beschwer des Alters zugleich
Geschenk ist? Weil wir nicht mehr »so können«,
können wir Ambitionen lassen, die uns, solange wir
konnten, im Griff hatten. Das Alter nimmt uns manches
aus der Hand, das wir nie freiwillig hergegeben
hätten, und für so manches gilt, dass es bei näherem
Hinsehen eine Wohltat ist, es endlich los zu sein. Was
uns genommen wird, macht Platz für eine neue Freiheit.
Natürlich ist das kein Automatismus. Man kann
mit der letzten Kraft der schwächer werdenden Hände
versuchen, festzuhalten, was uns doch verlassen
wird, und dann ist Altern Katastrophe. Aber wenn wir
dankbar freigeben können, dann kann in dem neuen
Raum Neues werden. Entweder wir sind kostbar und
wertvoll »vor aller Leistung und trotz aller Schuld«
oder wir können es durch all unsere Mühen nie werden.
Alle Leistung ist endlich, Würde aber ist etwas
Unendliches. Weil alten Menschen diese Wahrheit näher ist, können sie ein gütiges Gewährenlassen
und Raumgeben ausstrahlen, das sie
zu den natürlichen Verbündeten der Kinder
macht, die ihrerseits in dem Maße hinreißend
sind, wie sie nichts darstellen.
Angenommene Angewiesenheit
Kommen wir zurück zur Angewiesenheit,
die im Alter zunimmt. Ein ungewohnter Zustand,
aber kein neuer. Denn so hilflos und
angewiesen, wie wir das Leben verlassen,
haben wir es begonnen. Aus der Angewiesenheit
der Kindheit in die (freilich immer
nur relative) Selbständigkeit des Erwachsenen
und aus dieser Selbstständigkeit in die
Angewiesenheit des Alters. Wenn wir uns
darauf keinen Reim machen können, dann
können wir uns keinen Reim auf unser Leben
machen.
Es dürfte keine allzu gewagte Behauptung
sein, dass unsere Zeit mit der Angewiesenheit
ihre »liebe Müh« hat. Ihr Leitstern ist
die Autarkie, die Emanzipation und Selbstverwirklichung,
der Selfmademan.
Und natürlich (wir bleiben dabei, nicht
idealisieren zu wollen): Leicht ist es nicht,
auf Hilfe angewiesen zu sein. Gar nicht
leicht. Aber vielleicht trotzdem schön?
Wenn wir sagen: »Ich will niemandem zur
Last fallen«, wissen wir dann, was wir sagen?
Haben wir dann nicht etwas Wesentliches
vergessen? Wir sind doch immer schon
anderen zur Last gefallen. Es gäbe uns doch
gar nicht, wenn andere Menschen nicht unsere
Last getragen hätten. Wir sind seltsame
Wesen. Da laufen wir durchs Leben und
halten uns für selbständig und haben ganz
vergessen, dass es andere sind, die uns diese
Selbständigkeit ermöglicht haben, dass also
unsere Selbständigkeit in einer totalen Angewiesenheit
wurzelt, der andere Menschen
gerecht geworden sind. Natürlich nur mehr
oder weniger gerecht. Aber keiner von uns
wäre noch hier und könnte einigermaßen geradeaus
gucken, wenn er nicht zumindest so
viel Hilfe, Zuwendung und Liebe erlebt hätte,
dass das Selbstbild des Selfmademans
eine Illusion ist und es immer mehr Grund
zur Dankbarkeit gibt als Zeit zu danken.
Daher macht es einen tiefen Sinn, dass
wir uns nach und nach in der Angewiesenheit
wiederfinden, die unsere Herkunft ist.
Unsere Herkunft ist unsere Zukunft. Das
Kind hält es für selbstverständlich, geschuckelt
und durch die Gegend getragen zu
werden, und dass immer jemand da ist, der
ihm den Allerwertesten sauber macht – mit
der Grazie einer Königin, die sich ob ihrer
Diener und Verehrer nicht verwundert. Dass
wir vielleicht selbst in das Alter kommen,
wo uns jemand sauber machen muss, ermöglicht
uns, das, was immer schon hinter uns
liegt, noch einmal bewusst anzunehmen als
die Wahrheit unseres zutiefst angewiesenen
Lebens. Wenn das Leben so anfängt und so
aufhört, ist es dann nicht so, dass unsere
Angewiesenheit, unsere Empfänglichkeit
uns mindestens ebenso ausmacht wie unsere
Selbständigkeit?
Empfangen fällt uns schwer. Nehmen weniger.
Es gibt viele Leute, die lieber nehmen
als geben. Keine Frage, dass das ein Schmarotzertum
ist. Es gibt aber auch viele Menschen,
die lieber geben als zu empfangen.
Und das sind oft die Besten. Die, die sich
wirklich für andere ins Zeug legen. Denen
es ganz viel bedeutet, für andere da zu sein.
Aber wenn sie selbst einmal angewiesen
sind, dann wollen sie niemanden fragen,
dann wollen sie niemandem zur Last fallen.
Aber, was sich als Edelmut missversteht,
ist näher betrachtet auch ein Schmarotzertum.
Über Jahre hat man es geliebt – und zu
Recht geliebt! – andere durch die Gegend zu
schieben, zu geben und zu helfen. Und jetzt,
wo es an mir wäre, anderen diese Freude zu
ermöglichen, will ich nicht mitmachen. Ich
habe etwas empfangen (nämlich geben zu
dürfen), was ich nicht weitergeben will. Wer
empfängt, der gibt. Er gibt anderen, geben
zu dürfen. Wenn Geben seliger ist als Nehmen,
dann gibt der, der empfängt, mehr als
der, der gibt, denn er gibt anderen die Möglichkeit
zu geben. Deshalb liegt in der Angewiesenheit
des Alters (sowie in jeder Angewiesenheit)
ein Dienst an den Menschen.
Angewiesenheit ist eines der größten Einfallstore
der Menschlichkeit, die wir haben.
Die Kranken und Alten schenken den Gesunden
und Jungen, bessere Menschen werden
zu können. Ohne das Gesetz der Angewiesenheit
würden wir in unseren Egoismen
seelisch vor uns hin faulen. Wer empfängt,
der dient. Und es ist eine ganz große Verantwortung
des Alters, diesen Dienst der Angewiesenheit
anzunehmen. Das verwandelt
alles. Man muss sich dann seiner Angewiesenheit
nicht mehr schämen oder sie vertuschen
oder über ihr verbittern, weil man
weiß, dass sie ein Geschenk an die anderen
ist. Es ist dieser Kreislauf der Angewiesenheit
und der Hilfe, der den Tanz der Menschlichkeit
in Bewegung hält.
Abschiedlichkeit
Kommen wir zur Abschiedlichkeit des Alters.
Wieder in der Hoffnung, nicht zu idealisieren
und doch offen zu sein für die Chancen
in der schmerzlichen Herausforderung.
Wenn das Altern die Oberstufe ist, dann
ist der Tod das Abitur. Zunächst erfährt ihn
der Mensch am Abschied von geliebten Menschen.
Und je älter wir werden, desto häufiger
werden diese Abschiede. Glücklich, wer
alt wird, ohne am Grab seiner Kinder stehen
zu müssen. Aber in Bezug auf die engen
Freunde oder gar den Lebenspartner ist es
gar nicht ausgemacht, was wünschenswerter
ist: zuerst zu gehen oder zuletzt.
Man kann sich wünschen, zuerst zu sterben;
an der Hand des Anderen. Andererseits
hat das auch seine Herausforderung, denn
dann gilt es, dem Anderen zu gönnen, was
mir nicht mehr möglich ist: noch ein wenig
zu leben. Umgekehrt kann es auch sein, dass
man des Lebens so satt und müde ist und –
wer weiß? – sich so auf ein Jenseits freut,
dass der Zurückbleibende dem, der geht,
mehr zu gönnen hat als dieser jenem. Oder
man kann mit Reiner Kunze diesen »Bittgedanken
Dir zu Füßen« im Herzen tragen:
»Stirb früher als ich, / um ein weniges früher
/ Damit nicht du den weg zum haus allein
zurückgehn mußt«.
Kündigt sich in diesen Variationen des
Umganges mit dem Abschied nicht etwas
hoch Erstaunliches an? Dass nämlich der
Tod gar nicht der Beziehungsabbruch ist,
für den er landauf, landab gehalten wird,
sondern die letzte Tat und Kulmination von
Beziehung; »not a breaker but a renewer of
ties«. Wer geht, sagt sein letztes Wort, und
er kann es so sagen, dass er »das Zeitliche
segnet«. Was etwas ist, entscheidet sich an
seinen Grenzen, in seinem Enden, denn das
Ende ist die Kontur – und ohne Kontur keine
Gestalt. So gibt das Ende des Lebens diesem
seine abschließende Bedeutung.
»Alter als letzter Reifungsschritt,
Oberstufe der Lebensschule,
Abiturjahrgang statt Abstellgleis«
Die Physiognomie des Todes dürfte ein
zentraler Stoff im Curriculum der Lebensoberstufe
sein. Es gilt, seine Zweigesichtigkeit
zu verstehen: Der alte Feind, der uns
gewaltsam aus dem Leben nimmt und voneinander
trennt; vielfach beklagt, betrauert
und verflucht. Und dann, ungleich seltener
besungen, auch nicht im Christentum, das es
besser hätte wissen können, aber dann eben
doch von einem seiner Größten; dem Poverello,
dessen unsterblicher Sonnengesang
uns einen neuen Blick auf die Sterblichkeit
geschenkt hat: »Laudato si’, mi’ signore,
per sora nostra morte corporale«. Unsere
Schwester Tod, in der deutschen Fassung,
die sich wie Franziskus am grammatischen
Geschlecht orientiert: unser Bruder.
Unser Bruder und Freund, weil, wie Simone
de Beauvoir, der man ja nun wirklich
nicht weltflüchtige Religiosität vorwerfen kann, in ihrem Roman »Alle Menschen« sind sterblich
gezeigt hat, ein Leben, das nicht endet, eine Art Hölle
wäre. So wie ein Witz, der nicht zur Pointe käme, niemals
ein Witz wäre; oder eine Statue, die nicht an den
richtigen Enden aufhört, niemals schön sein könnte:
Nur was endet, kann sich vollenden. Der Tod bringt
die Endgültigkeit, aber eben auch die Endgültigkeit.
So kann dieser letzte Weg zur großen, alles besiegelnden
Geste der Güte werden. Denen, die man zurücklässt,
das Leben gönnen und übergeben, was man
nun nicht mitnehmen kann. (Erstaunliche Pointe der
Güte. Was nie möglich war, ganz zuletzt glückt es: alles
verschenken.) Und seine letzten Worte so sagen,
dass Dankbarkeit, Vergebungsbitte, Verzeihung und
Liebe alles, was vorher vielleicht ambivalent war, in
die Versöhnung eines die Dissonanzen aufhebenden
Schlussakkordes bringen kann.
Ist das nicht nun doch idealisiert? Ich glaube nicht.
Je mehr man sich mit dem Sterben befasst, desto
mehr wird man solchen letzten Wegen begegnen, an
deren Ende die Liebe für immer die Oberhand gewonnen
hat. – Sicher: Dass wir im Tod bella figura machen,
entzieht sich unserer Kontrolle; ist er doch gerade
die Abgabe der Kontrolle. Aber ist nicht genau
das ein Hauptfach der ganzen Lebensschule gewesen?
Die Kontrolle abgeben, wenn das, was uns überwältigen
darf, kommt? Der Schlaf, die Liebe, die Trauer,
das Schöne, das Gute, das Wahre, das Erbarmen. Es
ergreift uns, wenn wir uns ergreifen lassen.
Wenn der Tod gekommen ist, sind wir weg. Aber
wie war das im Leben? Nie war der Mensch so da, wie
wenn er von etwas oder jemandem »ganz weg« war.
Wenn wir also einmal wirklich und total weg sind,
dann vielleicht auch wirklich und total und für immer
da? Anders gefragt: Was folgt auf das Abitur?
Und nach der Schule?
Grenze ist immer die Grenze von mindestens zweien.
Woran endet unser Leben? Auf welchem Strand läuft
die Welle des Lebens aus? Nur auf der des Verfalls und
der Verwesung? Oder ist es nicht vielleicht so, dass,
wenn unsere Zeit um ist, alles, was einmal Gegenwart
war, nun zwar vorbei ist, aber nicht weg. Denn was
war, ist ja auch noch: Es ist gewesen, und aus allem
Gewesenen bildet sich unser Wesen. – Vollendet sich diese Geschichte im Tod, um zu verschwinden oder
um für immer erzählt zu werden? Wurde dieses Lied
geschrieben, um zu verstummen oder um nun für eine
Ewigkeit sich selbst zu singen, was dann gemeinsam
mit all den anderen ewig gewordenen Lebensliedern
eine ungeheure, sich immer weiter entfaltende Symphonie
ergibt?
Wir wissen es nicht. – Aber wir wissen, was die
Liebe sagt. Sie sagt: Ich will, dass Du bist. Die Liebe
kann nicht die Vernichtung des Geliebten akzeptieren.
Wenn aber die Liebe die Wahrheit ist (und Wahreres
ist mir nie begegnet), dann ist das Ende der Zeit zugleich
der Aufgang der Ewigkeit, der ewigen Liebe,
die alles umgibt und hält. Dann ist der letzte Sonnenuntergang
der Zeit zugleich der Sonnenaufgang der
Ewigkeit. Dann liegt hinter allem, was es gibt, nicht
das Nichts, sondern der große Geber all dessen, was
es gibt. In dessen Liebe wir dann endlich vollendet
und zuhause sind. »Die Schule ist aus. Die Ferien haben
begonnen.«
Zur Person
Franziskus von Heereman
hat an der Vinzenz Pallotti
University Vallendar seit 2016 die Professur für Philosophie
sozial-caritativen Handelns inne. Seit 1995 engagiert
er sich ehrenamtlich in der Krankenpflege und Betreuung
behinderter Menschen bei den Maltesern. Für sein
soziales Engagement wurde er 2020 mit dem Bundesverdienstkreuz
am Bande ausgezeichnet.

