Jenseits von Haben und Kriegen
In der Traumwerkstatt von Franz von Assisi
Franziskus’ Vision: Armut, Schöpfung und Frieden
»Herr, wenn wir irgendwelche Besitztümer hätten,
wären uns auch Waffen nötig zu ihrem Schutz. Weil
dann Rechtsstreite und sehr viele Zänkereien entstehen,
und weil die Gottes- und Nächstenliebe dadurch
gewöhnlich verhindert wird, deshalb wollen wir in
dieser Welt kein zeitliches Gut besitzen.« So die hellsichtige
Antwort des 25-jährigen Aussteigers auf die
Frage des Bischofs von Assisi: Der hatte ihn wohlgesonnen
gefragt, warum denn eine so rigorose Lebensweise
als Büßer mit radikalem Besitzverzicht sein
müsse. In präziser Analyse kommt hier authentisch
zum Ausdruck, wovon dieser faszinierende Extremist
träumte: »in der Form des Evangeliums leben«. Ganz
auf der Spur des »wilden Träumers« aus Nazareth
(Jean Paul) und unbedingt in dessen Fußstapfen will
Franziskus den Traum von der Weltherrschaft Gottes
leben, also von der Erneuerung und Bewahrung der
(ständigen) Schöpfung. Die radikale Distanz zur Welt,
wie sie faktisch jenseits von Eden ist, ist für Franz
von Assisi die Kehrseite einer unglaublichen Freude
an dem, ohne den nichts wäre und der überall und
ständig in allen Dingen begegnet, und zwar hier und
jetzt schon. »Die Armut des heiligen Franziskus war
das Verlangen, in reiner Weise die Schöpfung zu genießen
«, formulierte in gewohnter Präzision Simone
Weil. Wohl keiner unter den unzähligen Franz-Verehrern
hat das intuitiv so genau beschrieben wie Gilbert
K. Chesterton: Rund tausend Jahre habe sich
das Christentum von der (Um-)Welt abgrenzen müssen,
denn die war »heidnisches« Objekt der Anbetung
und Vergöttlichung (und zudem als Ort aller Fruchtbarkeit
hoch sexualisiert) – erst in Franz von Assisi
habe der typisch biblische Impuls und besonders der
jesuanische Geist der Bergpredigt unbefangen Gestalt
gefunden: das Ja zur Erde, die Liebe zur Welt
als Gottes ständiger Schöpfung – dies freilich im typischen
Doppelschritt von radikaler Weltdistanz und
gleichursprünglicher Schöpfungszustimmung, und
beides im Namen desselben Gottes und der Durchkreuzungskraft
Jesu. Franz von Assisi war extremster
Büßer und Asket, zugleich aber hingerissener Minnesänger
des Schöpfers in und durch seine Geschöpfe,
deshalb »ihnen allen untertan«. Selbst der Sonnengesang
des Troubadours endet mit der Möglichkeit
der Welt- und Selbstverfehlung, mit dem Ernst von
Gottes Gericht. Glaubensgeschichtlich gilt, »dass die
gesamte Philosophie des heiligen Franziskus sich um
die Idee eines neuen, übernatürlichen Lichtes dreht,
das die natürlichen Dinge erhellt und das die endgültige
Wiedererlangung, nicht die endgültige Zurückweisung
der natürlichen Dinge bedeutet«. Ohne das
Schema »natürlich-übernatürlich« gesagt: hingerissenes
Lob der endlichen Schöpfung bei härtester Kritik
an ihrem faktischen Zustand unter der schrecklichen
Macht der (Erb-)Sünde, also angstgejagten Habsucht
und Gier. »Jenseits von Haben und Kriegen« wirklich
das Licht der Welt zu erblicken und sich darin als erwähltes
Mitgeschöpf zu begreifen, ist die Vision von
Bruder Franz, und das bedeutet konkret Traumarbeit.
Es ist kein Zufall, dass im Leben von Franz Träume
eine große Rolle spielen; es ist kein Zufall, dass sich
derart viele traumhafte Geschichten um ihn ranken,
dass die historische Gestalt darunter fast verschwindet.
Franz ist nicht nur selbst ein großer Träumer, an
ihm artikulieren sich auch die Lebensträume vieler anderer bis hin zur jüngsten Entscheidung,
gerade ihn zum Patron Europas und der Bewahrung
der Schöpfung zu wählen. Diese
Vielfachbelichtung der einen Geschichte
in den vielen Geschichten will mitbedacht
sein – sowohl im Blick auf die historische
Rekonstruktion seiner Biografie wie auf den
ständigen Projektionsverdacht und auch auf
den Unterschied von story und history, von
Fakten und Fiktion. »Belegt man heute, dass
eine Episode erfunden wurde, bleibt doch
zugleich bestehen, dass die entsprechende
Erzählung für die Zeitgenossen selbstverständlich
plausibel war«.
»Jenseits von Haben und Kriegen
wirklich das Licht der Welt zu
erblicken und sich darin als
erwähltes Mitgeschöpf zu begreifen,
ist die Vision von Bruder Franz«
Traum, Wirklichkeit und die Umbruchszeit
Bevor einiges aus Leben und Wirken dieses
Gottesnarren aus Assisi erinnert werden
kann, sind also in aller Kürze noch einige
methodische und hermeneutische Grundsatzüberlegungen
fällig. Wenn unsereiner
heute nach Freuds »Traumdeutung« von
1900 und dem Vormarsch wissenschaftsorientierter
Psychologie von Träumen spricht,
folgt er oder sie einer anderen Konstruktion
von Wirklichkeit als der Mensch um 1200.
Die heutige Differenzierung
zwischen Traum und Vision
beziehungsweise Audition,
zwischen Reflexion und Intuition,
zwischen Bewusst und
Unbewusst, überhaupt zwischen
Innen und Außen lässt
sich nicht kurzschlüssig mit
den Selbst- und Fremdzeugnissen
von damaligen »Traumgeschichten
« verknüpfen. Dies
gilt umso mehr, »wenn Gott einfällt« und
der Grund von Wirklichkeit im Ganzen zur
Sprache drängt (Traum und Offenbarung).
Ohne hier ins Einzelne gehen zu können,
seien Träume im Folgenden in einem weiten
Sinne als mentale Prozesse und Phänomene
der Unterbrechung und Überschreitung des
vermeintlich »Normalen« verstanden, damit
oft auch als Initiationen. Sie haben mit jener
»Transzendenz nach innen« zu tun, die
dem Prozess der Menschwerdung wesentlich
ist. Träume haben also immer auch einen
biographischen Kontext, kommen aber
in ihrer »archetypischen« Gestaltung von
weither, phylo- wie ontogenetisch. Schon die schwierige Unterscheidbarkeit von Tag- und
Nacht-, von Wach- und Schlafträumen erinnert
an deren historische und soziale Kontexte,
in denen sie sich artikulieren und zur
Deutung auffordern. Träume sind nie nur
innerlich, sie prägen Entscheidungen und
Haltungen mit, bis hin zur ausdrücklichen
Inszenierung und konkreten Realisierung:
»Wer keinen Mut zum Träumen hat, hat keine
Kraft zum Kämpfen!«
Auch die Traumwerkstatt des Kundschafters
aus Assisi ist vielfarbig in die
Umbruchssituationen um 1200 eingebettet,
sonst wäre die explosive Ausbreitung dieser
alternativen Armutsbewegung gar nicht
zu verstehen: innerhalb kürzester Zeit an
die 20.000 Mitglieder in Europa. Deshalb
sei kurz auch die Großwetterlage damals
skizziert. Der Sohn des erfolgreichen Tuchhändlers
Bernardone kommt aus dem aufstrebenden
Bürgertum und lebt in einer der
sich rasant verändernden Städte (und ihrer
Kriege), oben noch die Burg der Staufer und
unten der entstehende Geldadel; ein früher
Initiationstraum des Franz zielt darüber hinaus
ins adlige Rittertum. Sein freilich dann
prägender Lebenstraum richtet sich mit radikaler
Besitzlosigkeit auf Solidarität mit
den Opfern des allseitigen Fortschritts, den
Armen. Sein Traum, die Kirche aufzubauen,
erfolgt auf dem Höhepunkt päpstlicher
Macht und imperialer Kirchengestalt(ung)
unter Innozenz III (4. Laterankonzil). Bezeichnend
ist deshalb die konsequente Einbindung
von Franz und seinen Gefährten
in die hierarchische Kirche, um als Laien
predigen zu können und nicht verketzert zu
werden. Es ist ja auch die Zeit der brutalen
Katharervernichtung und der Kreuzzüge.
Einen davon nutzt Franz bekanntlich zur
Friedensmission sogar beim Sultan. Zudem
ist es die Zeit noch des Minnegesangs, dessentwegen
er wohl den Spitznamen »Franzose
« erhielt – Geburtsname war Johannes –,
und nicht zufällig wird dieser Troubadour
Gottes der erste Dichter italienischer Sprache, mit
Feingefühl zudem für die Gleichberechtigung von
Frauen, für seine Klara und deren Schwestern in San
Damiano. Welche Spannungen in all diesen Kontexten
zu bewältigen waren, zeigt nicht zuletzt die abgründige
Tatsache, dass Franz mit der Verwirklichung seines
Lebenstraumes gescheitert ist. Schon zu seinen Lebzeiten
traten massive Konflikte in seiner Bewegung
zutage; keine vier Jahre nach seinem Tod erklärte
deshalb der Papst das Testament des Franziskus für
nicht verbindlich, und ein Jahrhundert später wurden
»linke« Franziskaner als Ketzer verbrannt. Umso
mehr bestand für Franz selbst schon zu Lebzeiten die
Gefahr, kirchlich verklärt oder gar »domestiziert« zu
werden, gemäß der uralten Dialektik von Charisma
und Institution, von Traum und »Wirklichkeit«.
Vom Kaufmannssohn zum Bruder der Armen
Nun endlich die konkretere biografische Tour d’horizon,
beginnend mit einem der historisch sichersten
Texte, dem Testament, das Franz in seiner letzten Lebenszeit
diktierte – ausdrücklich für die Gemeinschaft
als »Erinnerung, Ermahnung und Aufmunterung«. Mit
ihm unterstreicht der todkranke Anstifter die gültige
Regel von 1223 und warnt kämpferisch vor Aufweichung,
Verfälschung, ja Spaltung. Da kämpft einer im
Abschied für die Zukunft seines Lebenstraumes. »So
hat der Herr mir, dem Bruder Franziskus, gegeben,
das Leben der Buße zu beginnen; denn als ich in Sünden
war, kam es mir sehr bitter vor, Aussätzige zu sehen.
Und der Herr selbst hat mich unter sie geführt,
und ich habe ihnen Barmherzigkeit erwiesen. Und da
ich fortging von ihnen, wurde mir das, was mir bitter
vorkam, in Süßigkeit der Seele und des Leibes verwandelt.
Und danach hielt ich eine Weile inne und
verließ die Welt.« Markant setzt Franziskus also am Lebensende diese Konversion als Gründungsdatum
seines Exodus an den Anfang – und zwar nicht als
eigene Lebensleistung, sondern als Geschenk von woandersher.
Ausdrücklich betont ist gleich zu Beginn,
wer in diesem Geschehen der Gebende und Führende
ist, Gott selbst. Zu ihm besteht eine unmittelbare
Beziehung. Dass das Ganze eine Vorgeschichte hat,
einen Prozess des Umgekehrtwerdens und Umdenkens,
spielt hier keine Rolle mehr; alles kommt auf die
traumhafte Verwandlung selbst an: Bitteres wird süß,
nicht als Stimmung oder Gefühlsduselei, sondern als
reales Geschehen. Franz, so wird erzählt, ließ sich von
einem Aussätzigen küssen und küsste ihn, verkörpertes
Inbild von Versöhnung und Frieden. Die bisherige
Berührungsangst ist dahin. Fortan gehört er zu diesen
Aussätzigen und Ausgesetzten – und ist endgültig
im Frieden und auf der Spur seines Lebens, voller
dulcedo (zu übersetzen mit Zärtlichkeit, wie bei Holl
und Boff vorgeschlagen). Damit war er ausgestiegen
aus der (»normalen«) Welt. Buße und Glück, Askese als
Freiheit, Weltdistanz als Schönheitsgewinn – welch
eine Wegstrecke!
»Die Armut des heiligen
Franziskus war das Verlangen,
in reiner Weise die Schöpfung
zu genießen«
Schon zur Vorgeschichte gehört die verändernde
Macht wahrgenommener Träume. Der lebensgierige
Sohn aus »betuchtem« Elternhaus war mit 20 Jahren
im Krieg mit Perugia in Gefangenschaft geraten. Seitdem
ist bei Franz oft von Krankheit die Rede, er ist
verändert. Immerhin träumt er weiter vom Rittertum:
sein ganzes Vaterhaus sieht er voll mit Rüstungsgütern.
Die Stimme im Traum aber sagt: Franz verändert
sein Verhalten und auch Aussehen immer mehr,
durchaus verhaltensauffällig und alternativ – hin zu
den Aussätzigen. In San Damiano hört er Christus
vom Kreuz zu sich sprechen: »Franziskus, siehst du
nicht, dass mein Haus zerfällt? Mache dich also auf
und stelle es für mich wieder her.« Wie derlei Audiovisionen
in unser heutiges Weltbild einordnen?
Traum oder »Wirklichkeit«? Was heißt: Gott spricht,
Gott gibt, Gott ist das? Bloß eingebildet in jedem Fall
nicht, dazu sind die lebenspraktischen Konsequenzen
von Franz zu konkret und kantig – bis hin zum
berühmten Bruch mit dem Vater, der Enterbung und
dem endgültigen Ausstieg. Entscheidend ist stets die
Bestätigung durch Bibel und Predigt, besonders der
Sendungsrede Jesu nach Mt 10,7-13 und Lk 10,1-9.
Dass Franz bei alldem den Bischof und dann
auch die päpstliche Kurie als wohlwollend
und unterstützend erfährt, begründet und
vertieft sein entschiedenes Vertrauen in die
verfasste Kirche und Priesterschaft, wie das
Testament als Vermächtnis an alle unterstreicht.
Schon 1209 zieht er mit seinen Brüdern
nach Rom und erhält nach einigem Zögern
päpstlicherseits doch die Bestätigung
für seinen neuen Weg. Dabei spielen der späteren
Überlieferung nach Träume von Papst
und Franziskus vom Aufbau einer bzw. der
Kirche eine besondere Rolle.
Offenbarung, Brüderlichkeit und der Weg des Friedens
»Nachdem mir der Herr Brüder gegeben hatte,
zeigte mir niemand, was ich tun sollte,
sondern der Höchste selbst hat geoffenbart,
dass ich nach der Form des heiligen Evangeliums
leben sollte«. So kommt Franz auf
den zweiten großen Einschnitt in seinem
Wüsten- und Wandlungsweg zurück. Er
kann nichts kopieren und hat kein Vorbild.
Welch eine Not, welch ein Mut, ein Einzelner
zu werden: »ich, der ganz kleine Bruder
Franz«, zu dem Gott unmittelbar spricht und
dem er spürbar gibt. Nicht Traum, schon gar
nicht Träumerei, nein: Offenbarung als Wegvorgabe
zur Bruderschaft und für sie, als
Sendung zum Frieden. »Als Gruß, so hat mir
der Herr offenbart, sollten wir sagen: ›Der
Herr gebe dir Frieden‹.« Solche Formulierungen
immerhin im Testament lassen an
biblische Traumgeschichten denken, zum
Beispiel an den zweiten Pfingstbericht, den
Durchbruch zur Welt-Kirche: Durch dreimal
denselben Traum »hat Gott mir geoffenbart,
dass man keinen Menschen Unrecht nennen
darf« (Apg 10-11,14). Über den Zusammenhang
von Traum und Offenbarung, von
Selbst- und Gotteserfahrung wäre weiter
nachzudenken, aber auch über den Prozess
ihrer Deutung(en) im Sinne der schon biblischen
Unterscheidung der Geister.
Wie zentral die Sendung zum Frieden für
Franz ist, zeigt nicht nur die ausdrückliche
Erwähnung im Testament. Schon der lange
Weg »vom Büßer zum Bruder« lässt sich ja
als Befriedungsgeschehen lesen, als Konversion
zur Versöhnung mit sich selbst, mit
Gott und allem. Früh verbindet sich damit
das Bewusstsein, im Sinne Jesu einen Friedensauftrag
für andere zu haben. Schon
1212, drei Jahre nach der ersten Bestätigung,
will Franziskus nach Syrien aufbrechen, was
dann Krankheit verhindert. Ein Jahr später
kommt er auf dem Weg nach Marokko wenigstens
bis Spanien. Knapp vierzigjährig
dann, zieht er 1219/20 – paradoxerweise mit
den Kreuzfahrern und deren Niederlage vor
Damiette am 29.8.1219 miterlebend – zum
Sultan: eine Zeichenhandlung der besonderen
Art und nicht ohne Traumkraft. Geschwächt
und gezeichnet gibt Franziskus
dann die Leitung seiner Bruderschaft ab. Die
hatte er nie gesucht und immer als Dienst
verstanden, vom letzten Platz her. Das Bemühen,
die Gemeinschaft der »Minderbrüder
« anders zu gestalten als in bisherigen
Orden üblich – zum Beispiel ohne Abt –, gehört
auch in die Traumarbeit des Poverello.
Zeichenhandlungen, Stigmata und die radikale Nachfolge Christi
Von Anfang an fällt bei Franziskus das Talent
zum Performen auf, und diese kontrastierende
Verhaltensauffälligkeit hat durchaus mit
seiner Traumkraft zu tun. Diese exzentrische
Begabung zeigt sich schon in den wilden
Junggesellenparties noch vor der Lebenswende,
erst recht dann in dem Mut, »die Form des
Evangeliums« eins zu eins auszugestalten, ja
zu (er-)finden. Da geht der stadtbekannte Bürgersohn
als bettelnder Einsiedler durch die
Stadt, natürlich verspottet und umstritten;
da wird der Bruch mit dem Vater öffentlich
in Szene gesetzt. Immer wieder kommt es zu
solch wirksamen Zeichenhandlungen, die irritieren
und anstiften. Berühmt ist natürlich die Inszenierung des Weihnachtsfestes im Jahre 1223
und dann die Art seines Sterbens. Nackt auf dem Erdboden
will er in Portiunkula liegen, wo alles anfing:
»nackt dem nackten Christus folgen« war ja das Lebensmotto
der zweiten Lebenshälfte im Ganzen. Damit
ist beides gemeint: die mitkreatürliche Sensibilität und
Verletzbarkeit, zugleich die faktische Passion der Umkehr
und das solidarische Mit-Leiden mit den Ärmsten
der Armen. Nirgends kommt diese Dünnhäutigkeit für
Schönheit und Unglück der Welt und Gottes Gegenwart
in ihr so konkret zum Ausdruck wie in der Geschichte
von der Vision des kreuzgestaltigen Seraph und dem
Erleiden der Stigmata Christi: Franziskus wird das
Geheimnis Christi wortwörtlich auf den Leib geschrieben
und ins Fleisch geschnitten. Das historisch älteste
Zeugnis dafür, der Rundbrief von Elias von Cortona,
schildert den Tod von Franziskus und seine körperliche
Aus-Zeichnung im Stil des Weihnachtsevangeliums
als wunderbare Erscheinung: »Ich verkünde euch eine
große Freude und eine wundersame Neuheit.« Alle erklärenden
Deutungsversuche des Ereignisses bleiben
angesichts der Quellenlage unbefriedigend und führen
zwingend in jene Schwebe, die zur Intimität persönlicher
Stellungnahme drängt und mit dem Geheimnis
zu tun hat, das wir Gott nennen. Es nötigt zur Frage
Watzlawicks: Wie wirklich ist die Wirklichkeit – und
worin besteht die faszinierende Wirkung eines Franz
von Assisi?
Die bleibende Aktualität des franziskanischen Traums
»Die Armut und die Einfachheit des heiligen Franziskus
waren keine bloß äußerliche Askese, sondern
etwas viel Radikaleres: ein Verzicht darauf, die Wirklichkeit
in einen bloßen Gebrauchsgegenstand und
ein Objekt der Herrschaft zu verwandeln.« Solche
Sätze aus der Jahrhundert-Enzyklika »Laudato si«
von Papst Franziskus lassen ahnen, worin die Strahlkraft
des großen Träumers aus Assisi seit 800 Jahren
liegt. Als würde er traumwandlerisch sicher für jenen
geschwisterlichen Solidarzusammenhang alles Geschöpflichen
eintreten, den man heute zum Beispiel
Konvivenz nennt. Die Würde des Menschen ist es demnach,
»allen Kreaturen untertan« zu sein, also zugewandt
und hingebend – befreit von allem Herrschafts- und Ausbeutungsgebaren. Jenseits von Haben und
Kriegen geht es um das Sein – vor Gott und sich selbst
und »unserer Schwester, der Mutter Erde, die uns erhält
und lenkt«10. Ein Schlüsselwort dieser Haltung lautet Demut, also Geerdetsein und auf dem Boden
der Tatsachen – und das nicht erst als menschliche
Tugend, sondern zuvor als Gottesprädikat. Irdischsein
ist Anteilhabe am ständigen Welterschaffen Gottes
selbst. Der geht ständig aus sich heraus und lässt
das Andere seiner selbst sein und werden: Erde und
Mensch und Welt. Das staunend zu würdigen und also
daran mitzuwirken, macht die Würde des endlichen
Daseins als Schöpfung aus. Die gilt es dank Christus
freizusetzen. Wir – als Christen zumal – sind ja
»Anverlobte, Brüder und Mütter unseres Herrn Jesus
Christus ... Wir gebären ihn durch ein heiliges Wirken,
das anderen als Vorbild dienen soll«11. Es gilt, die
Schöpfung zu loben und zu genießen und durch sie ihren
unermüdlichen Schöpfer. Konkret heißt das auch,
sie zu bewahren dank Seines ständigen kreatorischen
Zuvorkommens und an ihrem Seufzen und Stöhnen
ebenso hoffnungsstark wie widerständig Anteil zu
nehmen – also jenen Traum von der fortwährenden
Erneuerung und Vollendung im Herzen, den Christen
im Vermissten aus Nazaret begründet sehen und den
Franziskus leben wollte wie keinen.
»Franz ist nicht nur selbst ein
großer Träumer, an ihm
artikulieren sich auch die
Lebensträume vieler anderer«
Statt vieler anderer Franziskus-Fans komme hier
Rainer Maria Rilke mit seinem Alterstext »Der Brief
des jungen Arbeiters« zu Wort: Tief verletzt durch die
Leib- und Weltfeindlichkeit des gelernten kirchlichen
Christentum fand er in Franziskus wie im Kontrast
den über-zeugenden Glaubensbruder: »Das Hiesige
recht in die Hand nehmen, herrlich, liebevoll, erstaunend,
als unser vorläufig Einziges: das ist zugleich, es gewöhnlich zu sagen, die große Gebrauchsanweisung
Gottes, die meinte der heilige Franz von Assisi aufzuschreiben
in seinem Lied an die Sonne.«
Zur Person
Gotthard Fuchs
ist seit 1963 Priester des Erzbistums
Paderborn. Er ist seelsorglich und publizistisch in der
Vermittlung von Theologie, Spiritualität und Kultur tätig.
2024 erschien im Verlag Herder »Gottvorkommen: Mystik
im Alltag«.
