Wenn Kinder ihre Welt neu denken
Wie der Einsatz von Kinderbüchern im (Religions-)Unterricht einen Beitrag zur Demokratiebildung und Gesellschaftsgestaltung leistet. In diesen vier Büchern bewegt sich die Kinderliteratur zwischen Sehnsucht und Vision
So unterschiedlich und herausfordernd, wie die
Lebenssituationen von Kindern sind, so mannigfaltig
sind die Erzählungen und Geschichten,
die in Bilder- und Kinderbüchern dargeboten werden.
In den vier vorzustellenden aktuellen Büchern ist
allen kindlichen Protagonistinnen und Protagonisten
gemeinsam, dass sie sich aus völlig unterschiedlichen
Gründen eine Änderung ihrer Lebenssituation wünschen.
Es wird beleuchtet, welche Strategien sie zur
Erfüllung ihrer Träume nutzen, auf welche Ressourcen
sie zurückgreifen können und wie diese Inhalte
in den (Religions-)Unterricht einfließen können. Die
Bücher zeigen, in welcher Weise die Kompetenzen
des kritischen Nachdenkens, des In-Kontext- und Beziehung-
Setzens und des lösungsorientierten sowie
des Miteinander-Handelns förderlich im jeweiligen
Lebenskontext sind, und ermutigen dadurch, sie im
(Religions-)Unterricht als Gesprächsanlass und zur
Demokratiebildung zu nutzen.
»In meiner Welt«
Das Bilderbuch »In meiner Welt« von Sabine Bohlmann
und Simona Ceccarelli zeichnet sich durch
wunderbar liebevolle Bilder in warmen Tönen und
mit Blick fürs charmante Detail aus. Der kleine Bruno
verlässt mit seinem Großvater die Wohnung, um das
Grab der Großmutter zu besuchen. Sie fahren im Bus,
kaufen am Kiosk eine Zeitung, erwerben im Blumenladen
einen Strauß Blumen und eine kleine Windmühle
Wie der Einsatz von Kinderbüchern im (Religions-)Unterricht einen Beitrag
zur Demokratiebildung und Gesellschaftsgestaltung leistet. In diesen vier
Büchern bewegt sich die Kinderliteratur zwischen Sehnsucht und Vision
PRAXIS
und gehen schließlich über den Friedhof. Dabei eröffnet
Bruno seinem Großvater, dass er einmal »Welterfinder
« werden wird. In seiner Welt wird alles anders,
so ist seine Vision. Dazu gehört, dass niemand mehr
stirbt, die Zeit stehenbleibt und die Bäume bis in den
Himmel wachsen.
Welche Konsequenzen seine Ideen haben, wird ihm
freundlich und sehr konkret auf Brunos Lebenssituation
bezogen von seinem Großvater vor Augen geführt.
Vor allem scheint Bruno von dem Hinweis beeindruckt
zu sein, dass seine kleine Schwester immer
zwei Jahre alt sein und in die Windeln machen und
er beim Schreibenlernen nie über das U hinauskommen
würde; das wäre wohl doch nicht so gut, und
Bruno muss neu überlegen. All seine Visionen, wie es
in seiner Welt anders sein würde, werden vom Großvater
infrage gestellt. Bruno kann die Einwände sehr
gut nachvollziehen und muss zugeben, dass es sehr
anstrengend ist, sich alles gut zu überlegen und zu
durchdenken. Das Grab schmückend möchte Bruno
von seinem Großvater wissen, ob er nicht böse sei auf
den, der die Welt erfunden hat, weil die Großmutter
nicht mehr da ist. Der Großvater gibt ihm zur Antwort,
dass er froh sei, dass er sie kennenlernen und
viel Zeit mit ihr verbringen durfte. Er ergänzt: »Und
ich bin dankbar, dass ich dich habe.« So scheint es
der Welterfinder doch gut gemacht zu haben, schlussfolgert
Bruno, was der Großvater bestätigt.
Wenn Bruno in seiner kindlichen Fantasie überlegt,
wie auf Erlebnisse und Gegebenheiten anders
reagiert werden könnte, wenn man die Macht der Veränderung
hätte, wird offenbar, dass er die Vision hat,
dass das, was traurig machend oder belastend sein
kann, nicht mehr vorhanden sein sollte. Der Großvater
bildet den Gegenpart, dessen Logik Bruno annehmen
kann; es ist bemerkenswert, wie der Großvater
die Ideen des Jungen aufnimmt und nicht abwertet,
sondern mit einem Einwand versieht, den Bruno sogleich
aufgrund seiner bereits gemachten Erfahrung
in seiner Lebenswelt verstehen kann. Der Großvater
nimmt den Enkel ernst, und weil dieser dadurch Wertschätzung
für seine Visionen erhält, ist er auch bereit,
sie zu überdenken.
»Bist du denn nicht böse auf den,
der die Welt erfunden hat?«
»Warum sollte ich?«
»Weil Oma jetzt nicht mehr da ist«
Wenn Kinder in der Kita oder in der Grundschule
überlegen, was sie tun würden, wenn sie »Welterfinder
« sein könnten, sind es oftmals die Grundbedürfnisse,
die zuerst genannt werden: Frieden für
alle in der Welt, keiner soll mehr krank werden
und sterben, die Menschen sollen nicht hungern,
in der Familie soll es keinen Streit geben.
Auf vielfältige Weise lässt sich mit dem Bilderbuch
theologisieren: Es kann darüber nachgedacht
werden, was der Schöpfergott der Bibel
sich wohl bei allem gedacht hat? Warum und
wie hat er das alles geschaffen und was ist infolgedessen
geschehen? Was hat er sich zum
Menschen gedacht und welchen Auftrag hat
er diesem gegeben? Viele weitere Denkanstöße
bietet das Bilderbuch, das auch mit älteren
Kindern sehr gut sowohl in Bezug auf den Inhalt
als auch die Gestaltung zu analysieren ist.
Ihre Argumentationsfähigkeit zu stärken, den
produktiven Austausch zu ermöglichen und
dabei in den Blick zu nehmen, wie die Kinder
über Gott und die Welt denken und was sie sich
erhoffen, was sie stört oder was sie verängstigt,
und auf dies zu reagieren – was nicht heißen
soll, auf alles eine endgültige Antwort zu haben,
sondern Denk- und Glaubenswege zu eröffnen –
vermag ein großer Beitrag dazu zu sein, auszubilden
und einzuüben, wie sich junge Menschen
in einer freiheitlich-demokratischen Gesellschaft
einbringen können.
»Frieda, Nikki und die Grenzkuh«
Frieda und Nikki haben die Vision von einem friedlichen
und respektvollen Zusammenleben. Wie kann
diese jedoch umgesetzt werden, fragen sie sich immer
wieder völlig angenervt von den sinnlosen, nicht enden
wollenden Streitereien der Erwachsenen. Anders
als Bruno agieren die eigentlichen Visionäre in dieser
Geschichte im Hintergrund und brauchen jedoch dafür,
dass sich etwas ändern kann, nicht nur eine Kuh,
sondern auch ein Einhorn.
Frieda lebt in »Elend« - genauer in »Süd-Elend«, das
durch eine Grenze von »Nord-Elend« getrennt ist. Die
Bewohner beider Ortsteile liegen im Streit miteinander
– wegen vielerlei Vorkommnissen und konträren
Meinungen. Der einzige gemeinsame Begegnungsraum
ist die auf der Grenze befindliche Gaststätte von
Rita, deren Theke in Norden und Süden eingeteilt ist
und an der es häufig richtig zur Sache geht.
Als eines Tages die Kuh Alberta genau auf der Grenze
zwischen Süd- und Nord-Elend kalbt, entbrennt ein
großer Streit, wem das Kalb nun gehört. Frieda geht
das – genauso wie ihrem Freund Nikki – mächtig auf
die Nerven. Da kann nur noch ein »Einhorn«, das »die
Macht hat« (vgl. S. 165), helfen. Nikki hat einen Plan,
der dazu führt, dass alle Elender zusammenarbeiten
und ein gemeinsames Ziel verfolgen. Tatsächlich
schafft er es, dass Frieda erkennt, dass sie diejenige
ist, die die Macht hat, wie ein Einhorn für Ordnung
und Frieden zu sorgen.
»Die Erleichterung und das Glück
spülen sämtliche Angst weg, die ihr
so einen Knoten in alles gemacht
hat. Und dann kommt die Wut.
Eine heißglühende, wilde Wut«
Frieda und Nikki sind beide, obwohl sie erst elf
Jahre alt sind, in der Lage, Situationen klar zu durchdenken
und lösungsorientiert zu agieren. Vor allem
Frieda ist äußerst verantwortungsvoll im Umgang mit
Nikki, da sie von seiner schweren Vergangenheit weiß.
Die Erwachsenen hingegen benötigen Nachhilfe darin,
was angemessene Streitkultur ist, wie zielgerichtetes
und sachliches Argumentieren funktioniert und wie
eigene Bedürfnisse hinter denen der Gemeinschaft
auch zurückgestellt werden können, um schließlich
zu einem guten, für alle zufriedenstellenden
Kompromiss zu gelangen. Als der Streit wegen
des Kalbs Elsa zu eskalieren droht, sind
diejenigen, die für Frieden sorgen wollen,
gefragt. Dass vom Lädchenbesitzer Hans
und Kneipenwirtin Rita nicht ganz legale
Methoden zur Friedenssicherung genutzt
werden und diese bei Nikkis Plan mächtig
mitmischen, mag gerne verziehen werden,
da ihre Absicht der Vision folgt, das Gute
in Nord- und Südelend zum Wohle aller zu
sichern und im passenden Moment (der im
Kalben der Kuh Alberta gekommen war) den
Weg für einen dauerhaften Frieden zu bereiten.
Das kann im Unterricht kritisch besprochen
werden: Welche Motive leiten das Handeln?
Was braucht es dazu, um zielführend
aktiv zu werden?
Besonders interessant gestaltet sich ein
Austausch darüber, wie es dazu kommt,
dass sich am Ende sogar die Kinder –
JADIBO (Jella, Adil und Bo) –, mit denen
Nikki und Frieda im Clinch liegen und deren
Hänseleien und Vorurteilen sie ausgesetzt
sind, ins Gespräch und schließlich sogar ins
gemeinsame Handeln kommen. Daran wird
in bemerkenswerter Weise deutlich, dass es
hilft, dem Gegenüber einfach mal zuzuhören
und sich auf es einzulassen – eine Fähigkeit,
die zunehmend zu schwinden scheint
bei Alt und Jung. Somit dient dieses äußerst
unterhaltsame Kinderbuch, ausgezeichnet
mit dem Kirsten-Boie-Preis, sowohl der
Betrachtung, welche Bedingungen für ein
friedliches Zusammenleben geschaffen werden
können, als auch der Klarstellung, dass
junge Menschen in der Lage sind, sich eine
Meinung zu bilden, sie zu diskutieren, verantwortungsvoll
zu handeln und den Blick
auf die Gesellschaft zu richten.
»Keine Party ist auch keine Lösung«
Das Umfeld, in dem sich die neunjährige Jagoda
bewegt, ist ein gänzlich anderes und
von besonderen Herausforderungen gekennzeichnet.
Sie lebt mit ihrer Mutter in einem
Frauenhaus. Niemandem darf sie ihren Aufenthaltsort
verraten, weil der gewalttätige
Vater sie und ihre Mutter sonst finden und
bedrohen würde.
Sie träumt von einer fröhlichen und unbeschwerten
Feier zu ihrem zehnten Geburtstag;
die Verwirklichung liegt für Jagoda allerdings
in weiter Ferne. Dabei ist doch der
zehnte Geburtstag etwas ganz Besonderes,
und so gibt sie nicht auf, dass dieser Traum
für sie in Erfüllung geht. Sie setzt viele Hebel
in Bewegung, um Unterstützung zu bekommen,
denn es fehlt an Geld, an passender
Feierräumlichkeit, an Musik, am Motto, an
Freunden, die sie einladen könnte – einfach
an allem.
Wie schnell aus einem Traum eine konkrete
Vision wird, die sich dann aber – ohne
dass Jagoda selbst etwas dafür kann – in
Luft aufzulösen scheint, um schließlich
doch wirklich zu werden, ist in diesem ansprechenden
Kinderbuch vor ernsthaftem
Hintergrund fesselnd und eindrücklich dargestellt.
Dabei ist Jagodas Wunsch, eine
fröhliche Geburtstagsparty zum zehnten
Geburtstag, nicht überzogen und ihre Vision
davon nicht utopisch. Das Kinderbuch,
nominiert für den Deutschen Jugendliteraturpreis
2026 und den Evangelischen Buchpreis
2026 sowie ausgezeichnet mit dem
LesePeter September 2025, zeigt, wie Jagoda
mit den Gegebenheiten umzugehen versucht,
wie sie sich immer wieder anstrengt,
ungeheuer kreativ ist und viele Rückschläge
wegsteckt. Auch wenn es fast traumhaft erscheint,
dass am Ende alles gut und die Party
noch viel besser als in ihrer Vision wird,
so trägt diese Geschichte zur Erkenntnis bei,
dass Aufgeben keine Option ist und dass es
aller Unbill zum Trotz so sein kann, dass der
gute Geist, für den es manchmal nicht viel
braucht, durch Mitmenschen wirkt.
»Jagoda, … Ich glaube, es
gibt keinen Menschen auf der
Welt, der sich eine richtig coole,
große Party mehr verdient
hat als du«
Viele Aspekte aus diesem sensibel erzählten
und mit ansprechenden Bildern ausgestatteten
Kinderbuch können zum Anlass
für den Austausch in der Lerngruppe werden.
Dass Kinder sich gerade Besonderes
zum Geburtstag wünschen, knüpft an ihre
Lebenswelt an, und die Umstände, die zum
Gelingen von Jagodas Geburtstagsfeier beitragen,
sind gewiss andere als sonst üblich.
Dass man sich mit wenig zufriedengeben
kann, dass um Hilfe fragen und annehmen
völlig in Ordnung ist und kein Zeichen von
Schwäche darstellt, wird in besonderer Weise
dargeboten. Jagoda ist ein sehr reflektiertes,
abgeklärtes Mädchen, das deutlich
macht, was es bedeutet, sich einschränken
zu müssen und unablässig für seine Träume
zu kämpfen. Eine Gegenüberstellung, was
Jagoda sich wünscht und welche Träume
und Visionen die Kinder in der Lerngruppe
haben, ist interessant und herausfordernd
zugleich. Zu bedenken ist, dass Jagoda in
einer prekären Situation lebt. Sensibel und
nicht überfordernd vermag das Kinderbuch
die Umstände, warum Mutter und Kind im
Frauenhaus leben, darzubieten; wenn dies
in der Gruppe thematisiert wird, ist eine besonnene
Vorbereitung unabdingbar.
»Die Verknöpften«
Die »Verknöpften« – das sind die vier kindlichen
Hauptfiguren der Geschichte, die im Bochum von
1938/1939 spielt; drei von ihnen gehören der jüdischen
Religion an. Sie sind befreundet, möchten
Zeit miteinander verbringen und einfach glücklich
sein. Doch das wird ihnen unmöglich gemacht – die
Vision des Deutschlands der Nationalsozialisten
steht diesem Miteinander im Wege. Sie müssen erleben,
wie ihre Handlungsspielräume immer weiter
eingeschränkt werden, die Eltern ihre Angst vor dem
zunehmenden Antisemitismus nicht mehr verbergen
können und Lösungswege aus der zunehmenden Gefahr,
die nach dem 9. November 1938 für Jüdinnen
und Juden besteht, suchen. Dieses Kinderbuch zeigt
sehr eindrücklich, wie die Kinder mit dieser bedrohlichen
Situation umgehen, was sie bewegt und dass
sie Träume begraben müssen, aber doch die Hoffnung
geschenkt bekommen, dass sie nicht alleine sind. Das
zu lesen, ist sehr bewegend und passt leider in die
heutige Zeit, in der wieder Visionen laut werden, die
die Menschlichkeit außer Acht lassen und die Würde,
die jedem Menschen zukommt, mit Füßen treten.
»Jede macht bei einer von uns den
Knopf zu. So sind wir für immer
verknöpft«
Dem Kinderbuch, das eindringlich, erschütternd
und dabei für Kinder in angemessener und doch klarer
Sprache beschreibt, was im Bochum des Jahres
1938 geschieht, liegt die Biografie von Else Hirsch zugrunde.
Sie wurde 1889 geboren und kam 1927 nach
Bochum. Dort unterrichtete sie an der jüdischen Schule;
nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten
half sie vielen Menschen der jüdischen Gemeinde, aus
Deutschland auswandern zu können. Sie organisierte
Kindertransporte nach England, besorgte die dafür
notwendigen Papiere und gab Sprachunterricht.
Nachdem diese Möglichkeit, Deutschland zu verlassen,
nicht mehr gegeben war, blieb sie in Bochum, bis
sie und die Mitglieder der jüdischen Gemeinde ins
Ghetto Riga deportiert wurden. Vor dem Haus Huestraße
28, dem damaligen Standort der jüdischen
Schule in Bochum, wurde ein Stolperstein zum Gedenken
an Else Hirsch verlegt (S. 140).
Auch wenn die vier Kinder Lieselotte, Leon, Minna
und Hildegard erfundene Figuren sind, so hat »ihre
Geschichte einen wahren Kern« (Nachwort). Es ist die
Darstellung davon, was Kinder in der Zeit vor dem
Zweiten Weltkrieg erlebt haben, wie sich die Ausgrenzung
von Juden in der Gesellschaft verdichtete und
was dies für die Familien bedeutete. Das, was die
Kinder in der Geschichte für sich erhoffen, versuchen
sie in den »Freundschaftsbändern«, die sie zu »Verknöpften
« (S. 27) macht, auszudrücken – sie wollen für
immer verbunden bleiben, egal, was kommt. Dass sie
sich schon so bald trennen werden, erahnen sie zwar,
erträumen jedoch ein gemeinsames Leben in Frieden.
Im Religionsunterricht lässt sich das Kinderbuch
sehr gut ab der vierten Klasse einsetzen. Es ist ein
herausforderndes, aktuelles und wichtiges Thema;
durch die kindgerechte Sprache und die nachvollziehbaren
Beschreibungen vor allem der Gefühle der
Kinder wird es ermöglicht, dass in den Lerngruppen
verstanden werden kann, was dazu führte, dass die
Freiheit der Kinder und ihrer Familien derart eingeschränkt
wurde, und welche Konsequenzen dies – beispielhaft
in dieser Geschichte für Lieselotte, Minna,
Leon und Hildegard – hatte. Ein Übertrag auf die eigene
Lebenswelt gelingt dann, wenn verdeutlicht wird,
dass Freiheit in der Gesellschaft ein hohes Gut ist, für
das sich der Einsatz – auch bereits in jungen Jahren –
lohnt, da dieser Zustand nicht selbstverständlich ist.
»Der Schlüssel zu großen Taten«
Damit sich die düstere Vergangenheit nicht wiederholt,
ist es notwendig, sie zu kennen, sie zu bedenken
und aufmerksam auf die gesellschaftlichen Entwicklungen
zu schauen. Aufgrund der häufig ungefilterten
Beeinflussung, der Kinder und Jugendliche bisweilen
sehr intensiv durch Social Media ausgesetzt sind,
müssen zielführende Medienbildung verstärkt und
ein kritisches Geschichtsbewusstsein befördert werden
– beispielsweise durch Kinder- und Jugendliteratur,
die einen Beitrag Wider das Vergessen leistet.
Es sind alle Akteure gefragt, denen die Zukunft der
Kinder und Jugendlichen in Freiheit und Demokratie
wichtig ist. Es gehört zum Auftrag gerade von Religionslehrkräften,
Stellung zu beziehen, sich zu positionieren
und mit den Schülerinnen und Schülern in den
Diskurs zu gehen. Der in letzter Zeit viel zitierte »Beutelsbacher
Konsens«, der in diesem Jahr 50 Jahre alt
wird, fordert das Angebot des Diskurses und mitnichten
Werteneutralität von Lehrkräften. Insbesondere
Religionslehrkräfte sind es, die oft von Kindern und Jugendlichen angefragt werden, wenn es um
Themen geht, die grundsätzliche Lebens-,
Glaubens- und Haltungsfragen betreffen.
Der Einsatz von Bilder-, Kinder- und Jugendbüchern
im Religionsunterricht kann
einen wertvollen Beitrag zur Diskursfähigkeit
und Demokratiebildung leisten, da
sowohl in der gewissenhaften Auswahl,
Vorbereitung und Durchführung der Unterrichtseinheiten
mithilfe von Ganzschriften
deutlich wird, welcher inhaltliche Lernzuwachs
und welcher Kompetenzzuwachs beabsichtigt
werden. »Wer ein Buch liest, wird
nicht automatisch zum besseren Menschen.
Deshalb ist es ja so wichtig, über das Lesen
nachzudenken und darüber reflektieren zu
können, wozu Literatur und Sprache eingesetzt
werden können.«
Mithilfe der Ganzschriften werden ein
facettenreicher und umfangreicher Zugang
zum jeweiligen Kernthema angestrebt, die
Vielfältigkeit der Zugänge bewahrt und ein
offener Diskurs ermöglicht. Dazu R. Merkel:
»Lebensfernes Christentum-Wissen und
konstruierte Religion sind der Tod des Religionsunterrichts.
Was helfen gewissenhaft
abgehakte Lehrplaninhalte, Bibeltexte, Traditionen
und Grundbegriffe, wenn sie ohne
Bedeutung für die Person bleiben? Gute
Ganzschriften bewirken das Gegenteil!«
Traumhaft wäre, wenn aktueller Kinderund
Jugendbuchliteratur in den Schulen
– und auch im Religionsunterricht – noch
mehr Beachtung dahingehend geschenkt
würde, welchen Anteil diese zur Demokratiebildung
leisten können; eine umfangreiche
Publikationsliste ist von der Deutschen Akademie
für Kinder- und Jugendliteratur und
dem Sankt Michaelsbund unter Mitwirkung
von Dr. Jana Mikota, Universität Siegen,
im Rahmen der 66. Münchner Bücherschau
veröffentlicht worden. Dies zu beachten
und aktiv zu nutzen, würde der düsteren
Vision von einer weiteren Abnahme der Lesekompetenz,
des Leseverständnisses und
der Fähigkeit, diskursiv und kritisch selbstständig
nachzudenken, Inhalte zu reflektieren,
in die richtigen Kontexte zu setzen und
Sachverhalte nachhaltig auch verstehen zu
wollen, entgegenstehen. Wenn in vermeintlich neutralen Lesezirkeln ein Lektürekanon dargeboten,
Buchempfehlungen für junge Leserinnen und
Leser ausgesprochen und dabei Umdeutungen der
Inhalte hin zu völkisch-nationalem Blickwinkel vorgenommen
werden, ist Obacht geboten, denn: »Wer
das politische System umbauen möchte, so die Grundüberzeugung,
muss zunächst die Deutungshoheit im
kulturellen Raum gewinnen. Literatur wird deshalb
in Rezensionen und Essays, in Literaturbeilagen,
Podcasts und Sendungen als Hebel genutzt, um den
öffentlichen Diskurs nach rechts zu verschieben.«
Wenn dem Zitat folgend: »Wer zu lesen versteht, besitzt
den Schlüssel zu großen Taten, zu unerträumten
Möglichkeiten.« bei der Auswahl der Bücher für den
Unterricht auch eine der Gesellschaft dienliche und
die Würde des Menschen beachtende Ausrichtung gegeben
sein soll, kommt denjenigen, die diese Aufgabe
haben, eine große Verantwortung zu, derer sie sich bewusst
sein sollten.
Die vier gezielt ausgesuchten und vorgestellten Bücher
bieten alle auf ihre ganz eigene Weise Kindern an,
sich damit auseinanderzusetzen, wie die eigene Lebenswelt
verstanden und gestaltet werden kann. Dabei
befindet sich niemand im luftleeren Raum, sondern es
gilt, den jeweiligen realen Kontext und die Lebensbedingungen
wahrzunehmen. Anders als die Kinder, die
im Jahr 1938 – wie in »Die Verknöpften« beschrieben –
lebten, sind Freiheit, Demokratie und der Respekt vor
der Würde jedes Menschen elementare Bestandteile
unserer Gesellschaft. Diese zu bewahren und Kinder
zu sensibilisieren, dass diese keine Selbstläufer sind,
ist eine Aufgabe, die mithilfe von sorgfältig und in lauterer
Weise ausgesuchter Kinder- und Jugendliteratur
im Unterricht erfüllt werden kann.
Zur Person
Ivonne Schweitzer
ist Oberstudienrätin mit den Fächern
Kath. Religion und Deutsch, ist Leiterin des Amts für
katholische Religionspädagogik für die Region »An der
Lahn« mit Sitz in Weilburg.
