Eulenfisch - Limburger Magazin für Religion und Bildung

Daniele Dell’Agli: Aufruhr im Zwischenreich

Daniele Dell’Agli ist ohne Weiteres zuzustimmen: Wir, die Bürgerinnen und Bürger dieses Landes, müssen die Systemfrage stellen und brauchen eine Revolution in unserer Kultur des Alterns und Sterbens: Wir sollten ernsthaft über Menschenrechte im Alter nachdenken, selbstbestimmte Wohn- und Lebensformen am Lebensende ermöglichen, unsere Endlichkeit enttabuisieren, die Medikalisierung der zweiten Lebenshälfte hinterfragen, usf. Im Zuge dessen mag argumentativ über die These des Autors gestritten werden, dass die Individualisierung der Lebensführung und die Einmaligkeit des je eigenen Todes in eine ästhetische Perspektivierung des Sterbens münden müsse, unter der die Abgabe von letalen Substanzen an Suizidwillige letztlich ebenso zu legalisieren ist wie die Tötung auf Verlangen.

Seiner...

Kurt Remele: Die Würde des Tieres ist unantastbar

Ein merkwürdiges Buch. Wer es so ernst nimmt, wie es geschrieben ist, hat sein letztes Schnitzel gegessen. Der Autor legt eine – vornehmlich christliche – chronique scandaleuse menschlichen Umgangs mit Tieren vor. Das gemeinsame Band der Lebendigkeit mit den Tieren lässt nicht zu, dass Tiere anders behandelt werden, als man selbst behandelt werden möchte. Selbst die Zoohaltung von Tieren ist nicht erlaubt, weil Zoohaltung per se nicht artgerecht ist; Nutztierhaltung schon gar nicht und sie muss langfristig überwunden werden. Vegetarische bzw. vegane Ernährung wird nicht angeraten, sondern soll zur Pflicht erhoben werden. Jegliche Anthropozentrik ist zu überwinden und alles Lebendige ist einzufügen in eine terrestrische Balance fühlender Wesen; der Mensch als Verantwortlicher hat ein...

Konrad Ott: Zuwanderung und Moral

Müssen wir alle Flüchtlinge aus Krisengebieten und alle Migranten, die ein besseres Leben bei uns suchen, in Deutschland aufnehmen? Diese Frage beschäftigt viele Menschen seit der massenhaften Zuwanderung im letzten Jahr zutiefst. Der Philosoph Konrad Ott nimmt die öffentliche Diskussion zum Anlass für eine ethische Analyse und kritische Prüfung der moralischen Argumente für und wider die Aufnahme von Migranten. Seine eigene, zuwanderungsskeptische Position verbirgt er keineswegs. Sie wird nicht nur in der Einleitung deutlich, sondern bestimmt auch die Anlage des Büchleins. Die Rekonstruktion der migrationsethischen Debatte erfolgt nämlich entlang des Max Weber entnommenen Schemas von Gesinnungs- und Verantwortungsethik. Dabei kommt, wie man weiß, die Gesinnungsethik schlecht weg:...

Andreas Scheib: Philosophie für Theologen

Der Band ist weder eine allgemeine Einführung in die Philosophie mit einem spezifisch theologischen Zugang – einen solchen Zugang zum Handwerk des Philosophierens im Sinne einer Reduktion methodischer Standards kann und darf es, so Andreas Scheib, nicht geben – noch eine Einführung in eine bestimmte philosophische Disziplin, wie etwa in die Religionsphilosophie oder in die Philosophische Gotteslehre – ein Beweis für die Existenz Gottes, so der Verfasser, lässt sich philosophisch nicht führen. Aufgabe dieser Einführung ist es vielmehr, „zunächst an das Philosophische in der Theologie überhaupt heranzuführen, es zu identifizieren und dann, von hier aus, diejenigen Aspekte des Philosophierens sichtbar zu machen, die als Voraussetzung einer wissenschaftlich verfahrenden Theologie relevant...

Bernhard Welte: Das Licht des Nichts

Dieses erstmals 1985 erschienene Buch von Bernhard Welte ist in einer preiswerten und handlichen Fassung außerhalb seiner Gesamtausgabe neu erschienen. Hilfreich ist das Nachwort des Herausgebers Holger Zaborowski, der den Verfasser in seiner philosophie- und theologiegeschichtlichen Bedeutung würdigt. Das schmale Buch hat den Vorzug guter Lesbarkeit, sodass es im Religionsunterricht der Oberstufe als Ganzschrift eingesetzt werden kann. Empfehlenswert ist es, weil es eine Auseinandersetzung mit der Gotteskrise der Moderne auf der Basis einer in sich stimmigen religionsphilosophischen Grundlegung des Theismus enthält.

Es gibt einen Jammer bei vielen hauptamtlichen Kirchenmitarbeitern und verunsicherten Gläubigen über eine (scheinbar) gottlose Welt, gegenüber der man sich nur noch als...

Arnold Angenendt: Ehe, Liebe und Sexualität im Christentum

In der römischen Antike sehen wir den berühmten Marcus Tullius Cicero. Er heiratete sechzigjährig ein sechzehnjähriges Mädchen. Und dies war kein Einzelfall. Die Geschichte der Ehe zeigt es deutlich: Die Männer heirateten in der Regel spät, die Frauen oft sehr jung. Noch zu Beginn der Neuzeit sehen wir die Mutter des Künstlers Albrecht Dürer. Sie heiratete mit fünfzehn, hatte achtzehn Kinder, von denen nur drei die Mutter überlebten.

In der vorliegenden Studie geht es um Liebe, Ehe und Sexualität; und zwar nicht nur, wie es im Titel des Buches heißt, „im Christentum“ speziell, sondern „in der Geschichte der Menschheit“ generell. Der Autor, Arnold Angenendt, ist katholischer Priester und international renommierter Kirchenhistoriker. Trotz seiner achtzig Jahre ist er immer noch aktiv:...

Philippe Pozzo di Borgo: Ich und Du

Wer kennt die französische Filmkomödie „Ziemlich beste Freunde“ aus dem Jahr 2011 nicht? Der enorm erfolgreiche Film, der im Original „Intouchables“ heißt, basiert auf der wahren Geschichte des ehemaligen Pommery-Chefs Philippe Pozzo di Borgo, der sich durch einen Absturz während eines Gleitschirmflugs eine hohe Querschnittlähmung zugezogen hat und seitdem im Rollstuhl sitzt. 2012 erschien dann das Gemeinschaftswerk „Ziemlich verletzlich, ziemlich stark: Wege zu einer solidarischen Gesellschaft“, das er zusammen mit dem legendären Gründer der weltweiten „Arche“-Bewegung, Jean Vanier, und Laurent de Cherisey, dem Gründer der französischen Gesellschaft Simon de Cyrèn, geschrieben hat und in dem er erstmals, ausgehend von seinem persönlichen Schicksal, eine Vision für eine andere Gesellschaft...

Andreas Losch / Frank Vogelsang (Hg.): Wissenschaft und die Frage nach Gott

Mit „Wissenschaft und die Frage nach Gott“ liegt in bereits zweiter Auflage eine Sammlung von Beiträgen vor, die sich aus unterschiedlichen Perspektiven dem Verhältnis von Naturwissenschaften bzw. Naturwissenschaftlern und Glauben, Religion bzw. Theologie widmen. Nach einem Geleitwort des populären Astrophysikers Harald Lesch sowie einem Vorwort und einer Einleitung haben die Herausgeber insgesamt 18 Artikel in fünf Rubriken gebündelt. Diese sind mit „Aus der Geschichte des Dialogs“, „Evolution und Schöpfung im Gespräch“, „Physiker und ihre Gedanken zu Gott“, „Verschiedene Perspektiven auf die eine Welt“ sowie „Anwendung und Ausblick“ überschrieben.

Wie bereits die ersten drei wissenschaftshistorischen Beiträge zu Galileo Galilei, Johannes Kepler und Charles Darwin vor Augen führen, war...