Eulenfisch - Limburger Magazin für Religion und Bildung

Philippe Pozzo di Borgo: Ich und Du

Wer kennt die französische Filmkomödie „Ziemlich beste Freunde“ aus dem Jahr 2011 nicht? Der enorm erfolgreiche Film, der im Original „Intouchables“ heißt, basiert auf der wahren Geschichte des ehemaligen Pommery-Chefs Philippe Pozzo di Borgo, der sich durch einen Absturz während eines Gleitschirmflugs eine hohe Querschnittlähmung zugezogen hat und seitdem im Rollstuhl sitzt. 2012 erschien dann das Gemeinschaftswerk „Ziemlich verletzlich, ziemlich stark: Wege zu einer solidarischen Gesellschaft“, das er zusammen mit dem legendären Gründer der weltweiten „Arche“-Bewegung, Jean Vanier, und Laurent de Cherisey, dem Gründer der französischen Gesellschaft Simon de Cyrèn, geschrieben hat und in dem er erstmals, ausgehend von seinem persönlichen Schicksal, eine Vision für eine andere Gesellschaft...

Andreas Losch / Frank Vogelsang (Hg.): Wissenschaft und die Frage nach Gott

Mit „Wissenschaft und die Frage nach Gott“ liegt in bereits zweiter Auflage eine Sammlung von Beiträgen vor, die sich aus unterschiedlichen Perspektiven dem Verhältnis von Naturwissenschaften bzw. Naturwissenschaftlern und Glauben, Religion bzw. Theologie widmen. Nach einem Geleitwort des populären Astrophysikers Harald Lesch sowie einem Vorwort und einer Einleitung haben die Herausgeber insgesamt 18 Artikel in fünf Rubriken gebündelt. Diese sind mit „Aus der Geschichte des Dialogs“, „Evolution und Schöpfung im Gespräch“, „Physiker und ihre Gedanken zu Gott“, „Verschiedene Perspektiven auf die eine Welt“ sowie „Anwendung und Ausblick“ überschrieben.

Wie bereits die ersten drei wissenschaftshistorischen Beiträge zu Galileo Galilei, Johannes Kepler und Charles Darwin vor Augen führen, war...

Martin W. Ramb / Holger Zaborowski (Hg.): Helden und Legenden

In der zweiten Szene von Brechts „Mutter Courage“ kommt es zu einem kurzen, aber denkwürdigen Dialog zwischen der gleichnamigen Protagonistin und dem Koch. Denn gegenüber der geläufigen Auffassung, Heldentum sei etwas Großes, stellt sie fest: „Überhaupt, wenn es wo so große Tugenden gibt, das beweist, dass da etwas faul ist.“ Und sie begründet diese Auffassung damit, dass nur dort, wo „etwas faul“ sei, menschliche Tugenden als Kompensationsleistung gefordert seien. Denn „in einem guten Land brauchts keine Tugenden“. Auf eine ähnliche Weise dekonstruiert Dr. Rieux, der absurde Held in Camus‘ Erzählung „Die Pest“, sein eigenes Heldentum. Er sieht nämlich, dass seine eigene moralische Größe zu Lasten der Pestopfer erstrahlt, so dass er sich eher den Opfern verbunden weiß als den Helden.

Vor...

Mathias Schickel / Daniel Zöllner: Evolution – Geist – Gott

Es gibt vor Ort immer wieder löbliche Diskussionszirkel, die sich regelmässig treffen, um philosophische oder theologische Fragen zu besprechen. Der Eine liest dies, der Andere jenes und so versucht man gemeinsam, sich auf eine vernünftige Po­sition zu einigen. Solche informellen Zirkel sind für ihre Mit­glieder erfreulich und erhellend.

Anders ist es, wenn aus solchen informellen Gesprächen ein Buch werden soll, das sich anschickt, mit der Fachliteratur zu konkurrieren. Dies ist nun offenbar geschehen aufgrund der Ge­spräche, die Mathias Schickel und Daniel Zöllner miteinander geführt haben. Interessante Themen, die sie durchdiskutierten, wurden zu kurzen Artikeln verarbeitet und dann in Buchform ge­bracht, wobei sich Vieles wiederholt oder an einer ganz fal­schen Stelle untergebracht...

Horst Seidl: Einführung in die Philosophie des Mittelalters

Ein Neoscholastiker, der sich selbst als (thomistisch-aristotelischen) „Realisten” bezeichnet, führt anhand ausgewählter Autoren in die Philosophie des Mittelalters ein. Zu Recht verweist er eingangs darauf, „dass sich aus den Überlegungen verschiedener Denker zu bestimmten Themen zusammenhängende Lehrstücke ergeben, die uns berechtigen, umfassend von einer Philosophie des Mittelalters zu sprechen”. Diese Einsicht in die Eigenständigkeit der Epoche von 500 bis 1500 hat sich allerdings auch außerhalb der scholastischen Traditionen im engeren Sinne schon seit den 1990er Jahren durchgesetzt (z.B. bei De Rijk, Flasch, Heinzmann, Imhof, Libera, Schulthess, die im gesamten Buch alle nicht erwähnt werden).

Gelungen scheint dem Rezensenten vor allem die abgewogene Auswahl der behandelten Autoren....

Holm Tetens: Gott denken

Gott denken? Ein Versuch über rationale Theologie? Und das von einem Professor für theoretische Philosophie, der nach eigener Aussage den Kern des Christentums, die Inkarnation, „nicht wirklich versteht“, vom Scheitern der Gottesbeweise überzeugt ist, dem Wunderglauben eine Absage erteilt und sich lange zum Lager der Naturalisten zählte? Um es gleich vorwegzunehmen: Selten bekommt man eine solche dichte wie erhellende und dennoch verständliche Argumentation auf gut 90 Seiten geboten!

Holm Tentens betreibt rationale Theologie, die sich allein auf die Vernunft beruft und bewusst das Offenbarungswissen außen vor lässt. Sein „Versuch“ ist bescheidener als die klassischen Gottesbeweise: Der Gottesglauben soll als eine vernünftige Möglichkeit – genauer: als „vernünftige Hoffnung“ – rational...

Edward O. Wilson: Der Sinn des menschlichen Lebens

Edward O. Wilson, amerikanischer Biologe und Träger sowohl zahlreicher wissenschaftlicher Auszeichnungen als auch des Pulitzer-Preises, geht in seinem neuesten Buch der Frage nach dem Sinn des menschlichen Lebens aus evolutionsbiologischer Sicht nach; außerdem versucht er Naturwissenschaft und Geisteswissenschaft zu vereinen.

Sein Buch ist essayistisch angelegt, in manchen Kapiteln thematisch etwas sprunghaft, stellenweise durchaus humorvoll und durchweg mit spannenden Fakten aus der Tierwelt untermauert. Es lässt sich gut lesen, was aber auch daran liegt, dass Wilson dem philosophischen Kern der Frage aus dem Weg geht. Er benennt zwei Bedeutungen von Sinn. Erstere ist zweckgerichtet und fragt nach dem Wozu; sie findet sich in der philosophischen Weltsicht der Religionen. Die zweite,...

Hans Goller: Wohnt Gott im Gehirn?

Warum die Neurowissenschaften die Religion nicht erklären

Hans Goller verspricht einen „Einblick in die Untersuchungsergebnisse der Neurotheologie und der Nahtodforschung“. Das wird vor allem angestrebt durch ausführliche Referate einschlägiger Bücher und Artikel. Referiert wird in Konjunktiv, indirekter Rede und Indikativ, ohne dass ersteres Distanzierung und letzteres Zustimmung bedeutete. Das macht es dem Leser schwer, Gollers eigene Position zu identifizieren.

Kapitel I widmet sich Mathew Alper, der erklärt, warum er vom Gläubigen zum Naturalisten wurde. Vor allem seien es die inneren Widersprüchlichkeiten der Weltreligionen und die nachweisliche chemische Beeinflussbarkeit des Gehirns, die für Alper beweisen, dass religiöse Erfahrungen eine Notlüge der Natur, ein palliativer...