Eulenfisch - Limburger Magazin für Religion und Bildung

Hans Goller: Wohnt Gott im Gehirn?

Warum die Neurowissenschaften die Religion nicht erklären

Hans Goller verspricht einen „Einblick in die Untersuchungsergebnisse der Neurotheologie und der Nahtodforschung“. Das wird vor allem angestrebt durch ausführliche Referate einschlägiger Bücher und Artikel. Referiert wird in Konjunktiv, indirekter Rede und Indikativ, ohne dass ersteres Distanzierung und letzteres Zustimmung bedeutete. Das macht es dem Leser schwer, Gollers eigene Position zu identifizieren.

Kapitel I widmet sich Mathew Alper, der erklärt, warum er vom Gläubigen zum Naturalisten wurde. Vor allem seien es die inneren Widersprüchlichkeiten der Weltreligionen und die nachweisliche chemische Beeinflussbarkeit des Gehirns, die für Alper beweisen, dass religiöse Erfahrungen eine Notlüge der Natur, ein palliativer...

Harald Seubert: Zwischen Religion und Vernunft.

Vermessung eines Terrains

Wenn Religionen, in den Begriff gebracht, vollständig rationalisierbar wären, so ginge deren Lebendigkeit verloren. Vieles bleibt dem nötigen und heranführenden Vernunftverständnis im Eigentlichen letztlich doch verborgen und unzugänglich. Daher können Religionen mit ihrer unüberschaubaren Vielfalt nie vollständig, im Ganzen in den Blick gebracht werden, auch wenn dieses Ziel als Blickrichtung und Motivation elementar bleibt. Würde dieses Ziel erreicht, so ginge die Faszination und die Anziehungskraft des letztlich Verborgenen verloren, denn so nötig das Definieren für die Präzisierung ist, so stammt das Wort doch vom lateinischen „definire“ ab, in dem das Grundwort „finis“, dt. „Ende“, verborgen ist! 

Dieser letzten Uneinholbarkeit und der doch nötigen...

Christian Schäfer: Was ist das Böse?

Philosophische Texte von der Antike bis zur Gegenwart

Der Whistleblower hat gut pfeifen, er weiß ganz genau, was böse ist, und schämt sich seiner Offenheit nicht. Der Krieger gegen das evil empire weiß ganz genau, wer böse ist – und greift an. Und wir haben allen Grund, verstehen zu wollen, was denn wirklich böse ist. Da kommt das neue Reclam-Büchlein wie gerufen. 

Der Untertitel „Philosophische Texte von der Antike bis zur Gegenwart“ trifft zu. Ansonsten werden die Fragen so verstanden, wie die Autoren es gern hätten – willkommen im Land der Philosophen. Jedenfalls werden die pragmatischeren Fragen des Klappentextes nicht ernsthaft, bestenfalls en passant, aufgegriffen, etwa diese Dauerangst der Erzieher von Jugendlichen: „Verunstaltet das Zusammensein mit bösen Menschen…?“ 

Peinlichke...

Hans-Dieter Mutschler: Halbierte Wirklichkeit

Warum der Materialismus die Welt nicht erklärt

Die Naturwissenschaft allein bietet verlässliche Wahrheit und ist so zum Maß aller Dinge geworden. Jede Aussage über die Welt, über uns und selbst über Gott muss vor ihren Richtstuhl treten (oder gezerrt werden). Was nicht im Einklang mit ihr ist, wird verworfen. Aber immer weniger kann bestehen: Ihr nüchtern objektiver Blick zeigt die Welt als eine kausal durchgängig geordnete, letztlich rein materielle Wirklichkeit, in der es keinen Raum für Phänomene anderer Art gibt. Der Geist und die Seele des Menschen, unsere Freiheit, aber natürlich auch Gott sind bloße Traumgespinste, die christlichen Glaubensüberzeugungen können keinen berechtigten Wahrheitsanspruch erheben. 

So kann man eine weit verbreitete Überzeugung in der heutigen Kultur...

Volker Gerhardt: Der Sinn des Sinns

Versuch über das Göttliche

Dieses Buch des renommierten Berliner Philosophen Volker Gerhardt (geboren 1944) hat mir von seinen ersten Zeilen an Unbehagen bereitet. Nicht in erster Linie wegen seiner ermüdend mäandernden Geschwätzigkeit. Vielmehr wegen etwas anderem: Es beschwört in Zeiten des Fragmentarischen und des Perspektivischen das eine große Ganze.

In dem Gefühl, das Freud kritisch als das „Ozeanische“ beschrieben hat (Das Unbehagen in der Kultur), findet es seinen Trost. Es versteht darunter etwas, das es in die Begriffe „Entsprechung“, „Korrelation“, „Korrespondenz“, „Ineinander“ oder „Verschränkung“ fasst. In der Verschränkung von Glauben und Wissen, von Selbst und Welt, von Gefühl und Verstand, von Leben und Tod, von Individualität und Universalität vernimmt es den „Sinn des...

Martha C. Nussbaum: Politische Emotionen

Eigentlich wollte ich eine Rezension zu Martha Nussbaums neuem Buch schreiben. Eine ganz normale. Ich hatte vor, sie gegen ihre Kritikerin Eva Illouz zu verteidigen (vgl. Die Zeit Nr. 42/2014, 55), weil Letztere Ersterer kurz nach Erscheinen des Buchs 2014 im Prinzip vorwarf, bei dem Projekt, die soziale Gerechtigkeit durch Liebe zu fördern, Emotionen nicht wie sie selbst als institutionelle, sondern als psychologische Größe zu benutzen. Warum sollte man nicht anders denken dürfen – dachte ich und dabei lag eine Vorentscheidung zu Nussbaums Gunsten in der Luft. Mir kam vor, es sei durchaus legitim, eine gute Gesellschaftsordnung mit guten Gefühlen verbinden zu wollen – genauso, wie sich die Krise der aktuellen Gesellschaft mit Unbehagen breitmacht. 

Und dann kam mir das Leben dazwischen....