Eulenfisch - Limburger Magazin für Religion und Bildung

Laura Swan: Die Weisheit der Beginen

Das gängige Schlagwort vom patriarchalischen Christentum verdeckt völlig, welch emanzipatorische Initiativen und Impulse darin bisher schon am Werk waren – angefangen mit der Übernahme des israelitischen Bekenntnisses zur Gottebenbildlichkeit jedes Menschen und deren christologischer Vertiefung. Dass deshalb Frauen und Männer in Christus gleichwürdig sind, ist eine höchst bedeutsame, ja revolutionäre Perspektive, die sich in der bisherigen Geschichte des Christentums vielfältig konkretisiert hat – in der Würdigung der Witwen z.B. in der alten Kirche, in der Geschichte der Orden, in der kirchenrechtlichen Durchsetzung der Ehe als Vertrag unter Gleichberechtigten und nicht zuletzt in Gestalt jener großen Frauenbewegung, die mit der Lebensform der Beginen verbunden ist. Was da Anfang des 13....

Henrike Lähnemann / Eva Schlotheuber: Unerhörte Frauen

Die beiden Mittelalterforscherinnen Henrike Lähnemann (Lehrstuhlinhaberin an der Faculty of Medieval and Modern Languages der University of Oxford) und Eva Schlotheuber (Professorin für Mittelalterliche Geschichte an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf) geben mit vorliegender Publikation einen spannenden Einblick in das Alltagsleben norddeutscher Frauenklöster (Braunschweig, Lüneburg, Celle) im Spätmittelalter. Die beiden Autorinnen greifen auf Informationen und einmalige Quellen zurück, die bislang unbekannt und in diesem Sinne „unerhört, ungehört“ waren: eine Briefsammlung der Benediktinerinnen aus dem Kloster Lüne, Andachtsbücher, Weltkarten, Wandteppiche sowie die Tagebuchaufzeichnungen einer anonymen Zisterzienserin aus dem Heilig-Kreuz-Kloster bei Braunschweig, datiert auf die...

Daron Acemoglu / Simon Johnson: Macht und Fortschritt. Unser 1000-jähriges Ringen um Technologie und Wohlstand

Das Buch ist eine wirtschaftshistorische Untersuchung. Bei der gegenwärtigen digitalen Technologieorientierung stellen sich die alten Konflikte verschärft neu. Bei der Einführung neuer Technologien gibt es immer die Optionen Beteiligung am Fortschritt versus Ausbau der bestehenden Machtverhältnisse. Eine zentrale Rolle spielen dabei die Vision und die Überzeugungsmacht derer, die eine neue Technik einsetzen. Paradigmatisch steht dafür Ferdinand de Lesseps (1805-1894): Der Erfolg beim Bau des Suezkanals half ihm, Geldgeber zu überzeugen, doch sein Beharren auf einem Kanal ohne Schleusen führte zu seinem Scheitern, weil er die Topographie in Panama und die Kritik anderer Ingenieure ignorierte.

Die Untersuchungen von Daron Acemoglu und Simon Johnson konzentrieren sich auf England und die...

Ben Wilson: Die Weltgeschichte der Menschheit in den Städten

„Anhand der Lichtspuren, die nachts die Erdoberfläche sprenkeln, lässt sich das Ausmaß unserer aktuellen Urbanisierung vom Weltraum aus erkennen“, schreibt Ben Wilson. Der Historiker folgt seiner Profession und geht der Frage nach, inwieweit die Städte im Wandel historischer Epochen und geographischer Räume selbst ein „Schaubild der Conditio humana“ darstellen. Warum leben heute – mit steigender Tendenz – mehr als 50% der Menschheit in Agglomerationen? „Wir werden gerade Zeugen der größten Migrationsbewegung der Geschichte“, schreibt der Verfasser der „Weltgeschichte der Menschheit in den Städten“ über den bisherigen „Höhepunkt eines seit sechstausend Jahren währenden Prozesses, der uns bis zum Ende dieses Jahrhunderts zu einer urbanisierten Spezies gemacht haben wird.“

Wilson wählt eine...

Peter Frankopan: Zwischen Erde und Himmel. Klima – eine Menschheitsgeschichte

Der Oxforder Historiker Peter Frankopan widmete sich über 9 Jahre hinweg der Herkulesaufgabe, eine Globalgeschichte des Zusammenhangs zwischen Klima und Menschheitsentwicklung zu verfassen. Da das Buch bereits im Einband auf die Verbindung von Umweltveränderungen und der Entstehung von Religionen hinweist, verspricht es auch für religionsgeschichtlich Interessierte eine bereichernde Lektüre. Diese Erwartungshaltung wird nicht enttäuscht. Das Werk fordert die Kirchen und Religionen dazu heraus, ihre eigenen historisch gewachsenen Einstellungen und Glaubensüberzeugungen zur belebten wie unbelebten Natur vor dem Hintergrund eines der drängendsten Probleme der Gegenwart, die menschengemachte Klimakatastrophe, neu zu reflektieren.

In 24 Kapiteln spannt Frankopan einen reichen und facettenreich...

Julian Nida-Rümelin / Klaus Zierer: Demokratie in die Köpfe. Warum sich unsere Zukunft in den Schulen entscheidet

Bei der Landtagswahl in Bayern erreichten CSU (37%) und Freie Wähler (15,8%) wieder eine Mehrheit, die AfD gelangte mit 14,6%, die Grünen mit 14,4% und die SPD mit 8,4% in den Landtag. Die Wähler mit hohem Bildungsabschluss hätten die Regierung Söder/Aiwanger hingegen abgewählt (31+11%) und der AfD ein Drittel weniger Stimmen gegeben, dafür den Grünen 27 und der SPD 9 Prozent. Es liegt dem hier anzuzeigenden Werk zwar fern, seine nach separaten Vorworten miteinander verbundenen demokratie- und bildungstheoretischen Texte parteipolitisch oder auf formale Bildungsabschlüsse zu fokussieren, doch den grassierenden Populismus verstehen sie als Gefahr für die Rationalität der liberalen Demokratie. Ihr Haupttitel mag etwas nach „Nürnberger Trichter“ klingen, doch ihr Plädoyer für mehr...

Stanka Hrastelj: Batseba. Roman

Literarische Rezeptionen biblischer Stoffe geraten bisweilen ein wenig gewollt und zäh. Dies kann man von Stanka Hrasteljs kühnem Neuentwurf der Geschichte von Batseba und König David wahrlich nicht behaupten. Zwei Angaben gehen dem zweiten Roman der slowenischen Lyrikerin und Übersetzerin (geb. 1975) voraus, beide haben ihre Berechtigung. Die Widmung „Für die Leser von Poesie“ verweist auf die lyrisch verdichtete Art des Erzählens. In 193 durchnummerierten Miniaturkapiteln mit Überschriften, die ihrerseits interpretatorische Akzente setzen, wirft die Autorin sprachgewaltig Schlaglichter auf eine überzeitlich angelegte Frauengestalt zwischen Macht und Ohnmacht. Die zweite vorausgeschickte Angabe ist eine Triggerwarnung bezüglich selbstverletzender Handlungen und sexueller Gewalt. In der...

Jannie Regnerus: Das Lamm. Roman

Es beginnt damit, dass der fünfjährige Joris Blut pinkelt, „das Zinnoberrot der altniederländischen Maler“. Diagnose: Nierenkrebs. Krebs – das „Fünfbuchstabenwort“. Wie aus diesem Befund und aus dem Alltag mit seinen Selbstverständlichkeiten, der plötzlich seine Sicherheiten verliert und fragwürdig wird, Literatur wird, verdeutlicht Janne Regnerus in ihrem Roman „Das Lamm“.

Es schaut den Betrachter bereits auf dem Titelbild mit dem intensiven Blick eines seiner Augen an, ein Strahlenkranz umgibt seinen Kopf. Es ist ein Detail des mystischen Agnus Dei aus dem berühmten Genter Altar des Jan van Eyck und das Zentrum einer paradiesischen Landschaft. Das Blut aus der Seitenwunde fließt in hohem Bogen in einen Messkelch, einzelne Tropfen fallen auf das weiße Altartuch. „Das Bluten scheint dem...