Eulenfisch - Limburger Magazin für Religion und Bildung

Ben Wilson: Die Weltgeschichte der Menschheit in den Städten

„Anhand der Lichtspuren, die nachts die Erdoberfläche sprenkeln, lässt sich das Ausmaß unserer aktuellen Urbanisierung vom Weltraum aus erkennen“, schreibt Ben Wilson. Der Historiker folgt seiner Profession und geht der Frage nach, inwieweit die Städte im Wandel historischer Epochen und geographischer Räume selbst ein „Schaubild der Conditio humana“ darstellen. Warum leben heute – mit steigender Tendenz – mehr als 50% der Menschheit in Agglomerationen? „Wir werden gerade Zeugen der größten Migrationsbewegung der Geschichte“, schreibt der Verfasser der „Weltgeschichte der Menschheit in den Städten“ über den bisherigen „Höhepunkt eines seit sechstausend Jahren währenden Prozesses, der uns bis zum Ende dieses Jahrhunderts zu einer urbanisierten Spezies gemacht haben wird.“

Wilson wählt eine...

Peter Frankopan: Zwischen Erde und Himmel. Klima – eine Menschheitsgeschichte

Der Oxforder Historiker Peter Frankopan widmete sich über 9 Jahre hinweg der Herkulesaufgabe, eine Globalgeschichte des Zusammenhangs zwischen Klima und Menschheitsentwicklung zu verfassen. Da das Buch bereits im Einband auf die Verbindung von Umweltveränderungen und der Entstehung von Religionen hinweist, verspricht es auch für religionsgeschichtlich Interessierte eine bereichernde Lektüre. Diese Erwartungshaltung wird nicht enttäuscht. Das Werk fordert die Kirchen und Religionen dazu heraus, ihre eigenen historisch gewachsenen Einstellungen und Glaubensüberzeugungen zur belebten wie unbelebten Natur vor dem Hintergrund eines der drängendsten Probleme der Gegenwart, die menschengemachte Klimakatastrophe, neu zu reflektieren.

In 24 Kapiteln spannt Frankopan einen reichen und facettenreich...

Julian Nida-Rümelin / Klaus Zierer: Demokratie in die Köpfe. Warum sich unsere Zukunft in den Schulen entscheidet

Bei der Landtagswahl in Bayern erreichten CSU (37%) und Freie Wähler (15,8%) wieder eine Mehrheit, die AfD gelangte mit 14,6%, die Grünen mit 14,4% und die SPD mit 8,4% in den Landtag. Die Wähler mit hohem Bildungsabschluss hätten die Regierung Söder/Aiwanger hingegen abgewählt (31+11%) und der AfD ein Drittel weniger Stimmen gegeben, dafür den Grünen 27 und der SPD 9 Prozent. Es liegt dem hier anzuzeigenden Werk zwar fern, seine nach separaten Vorworten miteinander verbundenen demokratie- und bildungstheoretischen Texte parteipolitisch oder auf formale Bildungsabschlüsse zu fokussieren, doch den grassierenden Populismus verstehen sie als Gefahr für die Rationalität der liberalen Demokratie. Ihr Haupttitel mag etwas nach „Nürnberger Trichter“ klingen, doch ihr Plädoyer für mehr...

Stanka Hrastelj: Batseba. Roman

Literarische Rezeptionen biblischer Stoffe geraten bisweilen ein wenig gewollt und zäh. Dies kann man von Stanka Hrasteljs kühnem Neuentwurf der Geschichte von Batseba und König David wahrlich nicht behaupten. Zwei Angaben gehen dem zweiten Roman der slowenischen Lyrikerin und Übersetzerin (geb. 1975) voraus, beide haben ihre Berechtigung. Die Widmung „Für die Leser von Poesie“ verweist auf die lyrisch verdichtete Art des Erzählens. In 193 durchnummerierten Miniaturkapiteln mit Überschriften, die ihrerseits interpretatorische Akzente setzen, wirft die Autorin sprachgewaltig Schlaglichter auf eine überzeitlich angelegte Frauengestalt zwischen Macht und Ohnmacht. Die zweite vorausgeschickte Angabe ist eine Triggerwarnung bezüglich selbstverletzender Handlungen und sexueller Gewalt. In der...

Jannie Regnerus: Das Lamm. Roman

Es beginnt damit, dass der fünfjährige Joris Blut pinkelt, „das Zinnoberrot der altniederländischen Maler“. Diagnose: Nierenkrebs. Krebs – das „Fünfbuchstabenwort“. Wie aus diesem Befund und aus dem Alltag mit seinen Selbstverständlichkeiten, der plötzlich seine Sicherheiten verliert und fragwürdig wird, Literatur wird, verdeutlicht Janne Regnerus in ihrem Roman „Das Lamm“.

Es schaut den Betrachter bereits auf dem Titelbild mit dem intensiven Blick eines seiner Augen an, ein Strahlenkranz umgibt seinen Kopf. Es ist ein Detail des mystischen Agnus Dei aus dem berühmten Genter Altar des Jan van Eyck und das Zentrum einer paradiesischen Landschaft. Das Blut aus der Seitenwunde fließt in hohem Bogen in einen Messkelch, einzelne Tropfen fallen auf das weiße Altartuch. „Das Bluten scheint dem...

Luke Russell: Das Böse

Der Autor, Philosophie-Professor an der Universität Sydney, publizierte diesen Text unter dem Titel „Being Evil“ in der englischen Originalausgabe anno 2020. In dankenswerter Klarheit exponiert der Verfasser gleich mit dem ersten Satz das Ziel seiner Erörterung: Existiert das Böse? Den halbwegs informierten Zeitgenossen überrascht diese Frage angesichts millionenfacher Grausamkeiten in der Weltgeschichte bis in die letzten Jahrhunderte mit Weltkriegen und Holocaust; aktuell ist das Böse mit dem Blick auf die Ukraine und auf Israel/Gaza doch mit den Händen zu greifen.

Luke Russel möchte im Kontext seiner Leitfrage zugleich klären, was der sprachliche Terminus „böse“ überhaupt bedeuten soll. Obwohl der Autor dies nie explizit benennt, ist er mit diesem Ansatz offensichtlich ein Vertreter...

Cynthia Fleury: Hier liegt Bitterkeit begraben

Angesichts von Krieg, Flucht und Vertreibung (Migration), Klimawandel, steigender sozialer Ungleichheit und vielen anderen bedrängenden Problemen wäre es zweifelsohne gelogen zu behaupten, die Welt von heute bereite keine bitteren Erfahrungen. Unerfreulicherweise fällt es heute diesbezüglich so schwer zu lügen, dass dies kaum jemandem noch öffentlichkeitswirksam gelingt, so dass man sich wenigstens kurz auf der Lüge ausruhen und ein wenig an ihr aufwärmen könnte – die Realität ist zu offensichtlich und erdrückend: So unterschiedlich ihre jeweiligen Beurteilungen, die Einstellungen und Perspektiven zur Realität faktisch auch ausfallen und sogar miteinander ringen, ja sich bekämpfen, es besteht zurzeit dennoch eine Art bitterer Weltkonsens – sogar über die Generationen hinweg. Nur Ignoranten...

Thomas Brose: Zwischenbilanz. Von Aquin bis Zweifel

Der zum 60. Geburtstag von Thomas Brose zusammengestellte Band bringt eine Auswahl von Arbeiten aus dem Werk dieses Philosophen und Theologen. Er versammelt Texte verschiedener Genres, von kurzen feuilletonistischen Artikeln, etwa zum Werbespruch eines Möbelhauses mit Hinleitung zum „metaphysischen Obdach“, über Rezensionen und Würdigungen anlässlich von Jubiläen bis zu längeren Essays. Die in unterschiedlichste Richtungen ausgreifenden Texte lassen aber bald ihr inneres Band und ihren besonderen Wert erkennen, es ist der Blick des „Berliner Diasporakatholiken“, der aus der „Erfahrung in einem militant-atheistischen Umfeld“ auf Religion, Philosophie, Politik und Gesellschaft schaut und seine Schlüsse zieht. Diesen besonderen Blick, den Brose beim Schriftsteller Günter de Bruyn konstatiert,...