Eulenfisch - Limburger Magazin für Religion und Bildung

Svenja Grosser (Hg.): Unzensiert. Annegret Soltau. Eine Retrospektive

Das Städel Museum in Frankfurt zeigt von 8.5. bis 17.8.2025 die erste Retrospektive von Annegret Soltau. Es setzt mit dieser Ausstellung, die über 80, teilweise erstmals gezeigte Werke umfasst, die Würdigung wichtiger Künstlerinnen fort. Das zentrale Thema Annegret Soltaus ist das der Identität, das sie radikal biografisch bearbeitet: „Ich bin immer von mir selbst ausgegangen.“ (166) Auf ihrem künstlerischen Weg nimmt sie eine konsequent weibliche Perspektive ein und macht sich selbst zu ihrem Modell, indem sie Fotografien ihres Körpers bearbeitet – weshalb sie als eine Pionierin sowohl der feministischen Kunst als auch der Body Art gilt.

Am 16. Januar 1946 in Lüneburg geboren, wächst Annegret Soltau in prekären wie bildungsfernen Verhältnissen in Norddeutschland auf: Ihr Vater ist...

Simone Husemann / Sabrina Faulstich: Bekannte Unbekannte. Katholische Sakralräume in Wiesbaden

Viele haben genau dies schon lange vermisst: einen quantitativ umfassenden und qualitativ fundierten Überblick über die katholischen Kirchen der hessischen Landeshauptstadt. Einen solchen Kirchenführer der Wiesbadener Sakralräume in chronologischer Reihenfolge liefert das vorliegende Werk in höchst erhellender Weise.

Zwar ist man in den letzten Jahren verstört durch Berichte über die Schließung, Umwidmung, gar Profanierung von Kirchenräumen z.B. in weltliche Bibliotheken, Kletterhallen oder gar Diskos, bedingt durch den Rückgang der Kirchenmitglieder und dem damit verbundenen Abebben der Kirchensteuergelder. Dennoch prägen Gotteshäuser nach wie vor das Städtebild und sind immer noch – von der Wiege bis zur Bahre – Orte der gemeinsamen Liturgie sowie der persönlichen Frömmigkeit. Die...

Marius Schwemmer (Hg.): KulturDiakonie. Chancen für eine Kirche von morgen

Einem Kirchenmusikdirektor aus Passau ist es zu verdanken, dass das Thema Kulturdiakonie bzw. kulturelle Diakonie aus ganz verschiedenen Perspektiven beleuchtet wird: Marius Schwemmer, Ständiger Diakon, Diözesankirchenmusikdirektor und Hochschullehrer, hat einen Sammelband vorgelegt, der kurioserweise mit zwei Untertiteln zu finden ist. Während es in der gedruckten Ausgabe heißt: „Kulturdiakonie. Chancen für eine Kirche von morgen“, ist bei Onlinehändlern auf dem Coverbild (noch) zu lesen: „Kulturdiakonie. Auftrag für eine Kirche von heute.“ Der wohl wieder verworfene Untertitel trifft meines Erachtens sehr viel besser die Dringlichkeit, sich als Kirche mit diesen Fragestellungen zu beschäftigen.

Das Buch vereint Beiträge folgender Autoren: José Tolentino Kardinal Calaça de Mendonça,...

Jonathan Haidt: Generation Angst

Wer – wie der Rezensent – in den letzten Jahren die Hoffnung hegte, dass das großartige Buch „Wir amüsieren uns zu Tode“ von Neil Postman eine Fortsetzung finden würde, die das Aufkommen und die Nutzung sogenannter Sozialer Medien thematisiert, sieht seine Erwartungen vielleicht ansatzweise in dem New-York-Times- und Spiegel-Bestseller „Generation Angst“ erfüllt. Der Autor, Jonathan Haidt, ist im Unterschied zu Postman kein Medientheoretiker, sondern Professor für Sozialpsychologie. Ihm ist es gelungen, auf der Grundlage einer überwältigenden Menge an Datenmaterial nur schwerlich als zufällige Korrelationen einzuordnende Befunde in einen Erklärungszusammenhang zu bringen, der auf der Basis sorgfältiger Analysen des Forschers und seines Teams ein hohes Maß an Plausibilität bietet und den...

Giovanni Maio: Ethik der Verletzlichkeit

Mit der Selbstermächtigung des Menschen als eines Freien und Gleichen in der Neuzeit, zumal seit der Potenzierung individueller Möglichkeiten in der westlichen Moderne, geriet die Begrenztheit der Person und ihre Kreatürlichkeit mehr und mehr aus dem Blickfeld. Nicht nur das: Im Ideal des „Übermenschen“ (Friedrich Nietzsche) erschien eine mitleidvolle Perspektive und ihr sozialer Impuls als komplexbehaftete Behinderung der Potentiale des von Transzendenz befreiten Menschen. Seither sind sozialdarwinistisch-rassistische und utopistische Ideologien zwar gescheitert, hinterlassen hat die Entkoppelung des anthropologischen Selbstverständnisses von Bedingtheit und Begrenztheit, Hilfsbedürftigkeit und Hinfälligkeit dennoch ein spürbares Vakuum. Diese praxisrelevante Leerstelle sucht der Arzt und...

Klaus Mertes: Herzensbildung. Für eine Kultur der Menschlichkeit

Ein Buch mit „Herzensbildung“ zu betiteln, ist gewagt. Man könnte etwas „Softes“ vermuten, gar Esoterisches. Der Autorenname Klaus Mertes freilich lässt aufhorchen. Der Jesuitenpater und langjährige Rektor des Berliner Canisius-Kollegs sowie des internationalen Jesuitenkollegs in St. Blasien hat sich einen hervorragenden Ruf als Pädagoge erworben, er war zudem ein Vorreiter im schonungslosen Offenlegen des Versagens kirchlicher Institutionen im Umgang mit sexueller Gewalt. So lohnt ein genauerer Blick, und in der Tat ist die Lektüre eine bereichernde.

Am Anfang der barmherzige Samariter. Eine scheinbar bekannte Geschichte, die doch immer wieder Energien freisetzt und zum Denken anregt. Im Blick auf den Samariter spricht Klaus Mertes vom „ansprechbaren“ Herz, das nicht sogleich...

Hans-Joachim Sander: Nach der Geduld und jenseits von egal

Komplexe Sachverhalte machen komplexe Buchtitel erforderlich. Nach „Anders glauben, nicht trotzdem“ von 2021 hat der Salzburger Dogmatiker Hans-Joachim Sander nun „Nach der Geduld und jenseits von egal“ vorgelegt, mit dem die Situation des katholischen Glaubens und der gläubigen Menschen angesichts des fundamentalen Krisenszenarios ihrer Kirche analysiert wird. Sander, bekannt für klare Worte und pointierte Formulierungen, beschönigt dabei nichts. Die Austrittszahlen markieren das Scheitern der Kirche, nicht das Scheitern derjenigen, die austreten. Sander verwehrt sich gegen allzu simple binäre unterkomplexe Entgegenstellungen wie etwa „Glaube ja – Kirche nein“. Das Nein zur Kirche ist vielmehr die Bedingung der Möglichkeit, anders Ja zu ihr sagen zu können. Dies gilt für die...

Wolfgang Beinert: Die Form der Reform

Ecclesia semper reformanda, die Kirche bedarf ständiger Reform. Wenn sie bleibt, wie sie ist, bleibt sie gerade nicht, was sie ist. Doch was ist eigentlich das Ziel aller Kirchenreform? Der renommierte Theologe, Professor em. für Dogmatik und Dogmengeschichte, glaubt die Antwort zu kennen. Jedenfalls weiß er, wo man suchen muss: im Wesen der Kirche. Wer die Kirche reformieren will, muss wissen, wozu sie da ist.

Und tatsächlich, Wolgang Beinert hat beinahe sein ganzes Forscher- und Gelehrtenleben mit dieser Frage nach dem Sinn und Zweck von Kirche zugebracht: in seiner Dissertation (1964) ebenso wie in seiner Habilitation (1973) und in vielen einzelnen Beiträgen, Untersuchungen und Vorträgen. Kirche ist kein Selbstzweck. Kirche ist nicht für sich selbst da. Sie ist dazu da, das Wort Gottes...