Eulenfisch - Limburger Magazin für Religion und Bildung

Oliver Schlaudt: Das Technozän

Die Welt, in der wir leben, ist in zunehmendem Maße durch die Anwendung von Techniken bestimmt, die immer weiter entwickelt werden. Das Leben in dieser „Technosphäre“ nimmt Oliver Schlaudt zum Anlass für eine Philosophie, die die Technik, deren Entwicklung (Evolution) und deren Folgen für den Menschen besonders in den Blick nimmt. Der Verfasser legt Wert darauf, den Menschen in seiner Bedingtheit etwa von physischen, gesellschaftlichen und kulturellen Gegebenheiten zu begreifen, ihn aber gleichzeitig als einen auf diese Bedingungen gestaltend Einwirkenden zu beschreiben. In der Entwicklungsgeschichte des Menschen als einem technischen Wesen, der der Hauptteil seines Buches gewidmet ist, wird der dort stattfindende Fortschritt an dem Grad der Komplexität technischen Verhaltens bemessen.

Un...

Thomas Hürlimann: Der Rote Diamant. Roman

In seinem Roman „Der Rote Diamant“ gelingt dem Autor Thomas Hürlimann ein großes Kunststück. Die fein geschliffenen Facetten fügen sich zu einem hochkarätigen Diamanten der Erzählkunst zusammen. Hürlimann lässt es nur so funkeln: Internatsgeschichte, Klosterhistorie, Kriminalkomödie, Pubertätsstudie und Schelmenroman bilden jeweils eine Fläche des Diamanten. Die Fassung, die den Diamanten einrahmt, ist der vorkonziliare Katholizismus sowohl in Doktrin als auch in religiöser Praxis. Hürlimann zeigt, wie mit dem Untergang des fiktiven Stiftsinternats „Maria Schnee“ und mit dem Tod der uralten österreichischen Kaiserin Zita auch die alte Kirche in den Abwärtsstrudel hineingezogen wird. Das ist die Parabel. Die Fassung verlieren, aber mit Heiterkeit und Melancholie – eine typische Besonderheit...

Raphaela Brüggenthies: „Heilige Schwelle" Der frühe Heine – ein jüdisch-christliches Itinerarium

Wenn man lesend den Kosmos Heinrich Heines (1797-1856) betritt, nähert man sich gleich zwei Welten: einmal der eines der herausforderndsten deutschsprachigen Dichters seiner Epoche, darin ganz und gar individuell und einzigartig; gleichzeitig aber auch dem Leben einer repräsentativen Gestalt, hin- und hergerissen zwischen den Welten des ererbten Judentums und der durch Konversion erschlossenen Welt des (evangelisch geprägten) Christentums. Dass Heines Konversion kaum einer wirklich religiösen Überzeugung entsprochen hatte, dass er sie umgehend bereuen und später herunterspielen würde, das war bekannt. Auch, dass diese Taufe ihm primär als billet d’entrée zur kulturellen Zugehörigkeit dienen sollte – eine Wunschvorstellung, die sich nicht erfüllen würde – gehörte zum Allgemeinwissen über...

Omri Boehm: Radialer Universalismus

Theorien sind häufig falsch: Geboren werden sie als plausible Schlussfolgerung einer Zeit; überleben tun sie schließlich gegen besseres Wissen – als Weisheit unserer Vorfahren. Solche veralteten Theorien wirken zwar ein wenig verstaubt, sind aber regelrecht immun gegen Kritik; schließlich haben wir uns an sie gewöhnt und auch an unsere Wertschätzung ihnen gegenüber. Im Falle der vorliegenden Neuerscheinung heißt das: Wer würde es wagen, Kant zu kritisieren, den Meisterdenker der Moderne, dessen Philosophie hier als „intellektuelle Intervention“ (151) gegen das aktuelle Identitätsgehabe von links und rechts benutzt und dabei selbst aktualisiert, in puncto Universalismus ja sogar radikalisiert werden soll – Endstation: „universeller Humanismus“ (14) bzw. „aufgeklärter Humanismus“ (15).

Die...

Hartmut Rosa: Demokratie braucht Religion

In diesem kleinen Büchlein ist neben dem Vorwort von Gregor Gysi ein Text abgedruckt, der im Wesentlichen, wenn auch nicht ganz wörtlich, den Vortrag wiedergibt, den der inzwischen recht bekannte Jenaer Soziologie Hartmut Rosa beim Würzburger Diözesanempfang am 17.01.2022 gehalten hat. Er wurde online übertragen und kann noch heute auf YouTube angesehen werden. Der ursprüngliche Titel, unter dem der Vortrag angekündigt war, lautete: „Rasender Stillstand? Individuum, Kirche und Gesellschaft im Angesicht der Krisen – ein soziologischer Bestimmungsversuch.“ Dieser Titel trifft das Thema eigentlich besser, denn zur Frage, ob Demokratie Religion wirklich braucht, wird erst am Ende des Textes etwas gesagt.

Entsprechend der grundlegenden Thesen, die Rosa in anderen Werken bereits eingehend...

Tom Holland: Herrschaft. Die Entstehung des Westens

Inmitten eines religiösen Wandels, der Deutschland, Europa, ja die gesamte westliche Welt erfasst hat, gibt es immer wieder Stimmen, die auf die Bedeutung des Christentums für die Prägung des Abendlandes hinweisen. Neben Philosophen (Tim Crane, François Jullien) und Theologen (Manfred Lütz, Jörg Lauster) melden sich dabei selbstverständlich auch Historiker zu Wort. Einer von ihnen ist der Bestseller-Autor Tom Holland, der in seinem 600-seitigen Werk „die Entstehung des Westens“ nachzeichnet. Die leitende Perspektive seiner Darstellung wird durch den radikalen zivilisatorischen Umbruch bezeichnet, den die Ausbreitung des Christentums in der Antike und die von ihm ausgehenden Impulse für die Jahrhunderte danach bewirkten: „Meine Zielsetzung ist sowieso schon anmaßend genug: herauszufinden,...

Barbara Schmitz: Was ist ein lebenswertes Leben?

Die Frage „Was ist ein lebenswertes Leben?“ zu stellen, ist für die Philosophin und Autorin des gleichnamigen Buches von Barbara Schmitz keineswegs nur eine, die lediglich theoretisch beantwortet werden kann. In den acht Kapiteln ihres Buches greift sie auf einen persönlichen und biographischen Erfahrungsschatz zurück, der die philosophische Problemstellung mit eindrücklichen und oft bewegenden Beispielen praktisch umreißt. Damit wird sie ihrem Ziel, „die Erfahrungen dieser Menschen in den Kontext von philosophischen Theorien, Ansätzen und Argumenten zu stellen, so dass [sic] nach und nach ein Bild davon entsteht, welche Schwierigkeiten sich beim Nachdenken über das lebenswerte Leben ergeben, aber auch welche Einsichten und Lösungen man gewinnen kann“ (29-30), mehr als gerecht.

Angeleitet...

Wolfgang Beinert / Rosemarie Egger (Hg.): So viel Leid und Gott?

 

Große Fragen sind meist dadurch gekennzeichnet, dass es keine einfachen Antworten gibt. Oder wie es im Vorwort zum Buch heißt: „Fragen, die das Leben immer wieder Glaubenden, Suchenden, Zweifelnden stellt, Glaubensfragen, die uns existenziell bewegen. Darum geht es in diesem Buch.“ (5) Konkret geht es um die Frage nach der Vereinbarkeit von Leid und Gottes Existenz, dem großen Warum des Glaubens. Viel ist bereits dazu geschrieben worden – Traktate in der Philosophie und Theologie, literarische Umsetzungen, die biblische Hiobserzählung und ihre Auslegung.

Die beiden Herausgeber – die Schriftstellerin und Lyrikerin Rosemarie Egger (*1938) sowie Wolfgang Beinert (*1933), ehemaliger Professor für Dogmatik und Priester – wählen einen zweifachen methodischen Zugang mit einem reichen Angebot...