Eulenfisch - Limburger Magazin für Religion und Bildung

Walter Dietrich: Die Samuelbücher heute gelesen

„Die Samuelbücher sind, leider, voller Krieg.“ – Mit diesen Worten beginnt Walter Dietrich sein Kapitel über Krieg in den Samuelbüchern. Schrecken etwa Gewalt und Krieg im biblischen Text Leser und Leserinnen davon ab, diese beiden Bücher des AT zu lesen? Oder sind diese vielleicht – so vermutet es der Autor – deshalb sperrig, weil sie so viele Geschichtsdaten enthalten, Namen und Ereignisse nennen, die nicht ganz so geläufig sind? Dabei geht es in diesen Schriften doch um Themen, die uns bis auf den heutigen Tag beschäftigen und aktueller sind als je zuvor: Politik, Gewalt, Macht und Machtmissbrauch, Staatenbildung, Krieg – aber auch die Frage nach dem Wesen von Menschen und den Bildern, die diese sich von Gott machen.

Dem Autor, Walter Dietrich, einem ausgewiesenen Experten der...

Irmtraud Fischer: Liebe, Laster, Lust und Leiden. Sexualität im Alten Testament

Mit dieser gründlichen Studie zur Rolle der Sexualität im AT wird eine wichtige Lücke geschlossen. Es erübrigt sich auszuführen, warum ein solches Buch für den Religionsunterricht ein wichtiges Hilfsmittel sein kann bei Schülerinnen und Schülern mit entsprechenden Fragestellungen.

Die Autorin hat mit einer nicht einfachen Schwierigkeit zu ringen. Da Sexualität für das AT kein eigenständiges Thema darstellt, sondern immer nur im Zusammenhang mit anderen Themen auftritt, könnte die Gefahr bestehen, die Frage nach der Rolle der Sexualität von außen an die Texte auf Kosten der ursprünglichen Aussageabsicht heranzutragen. So weiß die Autorin aus ihrer exegetischen Allgemeinbildung, dass viele Erzählungen welterzeugende Mythen darstellen, so dass damit „herausragende Ereignisse erzählt werden,...

Martin Walser: Lieber träumen wir alles, als dass wir es sagen

Drei alte weis(s)e Männer treffen sich in einem wunderschönen Haus direkt am Ufer des Bodensees. Arnold Stadler (68 J.) und Michael Albus (77 J.) besuchen Martin Walser (95 J.) in Nussdorf und sprechen zwei Tage mit dem Schriftsteller. Sie haben im Sinn, eine „dialogische Biografie“ Walsers aufzuschreiben. Was gäbe es nicht alles zu erfahren, wenn man einen so hochproduktiven und hochbetagten Autor, der inzwischen sein 96. Lebensjahr erreicht hat, ins Gespräch ziehen kann! Diese Chance wird respektvoll und intensiv genutzt. Walser lebt nunmehr ganz in der Gegenwart. Die Erinnerung ist kein kontinuierlicher roter Faden in die eigene Vergangenheit: „Zurückblicken – ich weiß nicht, was das ist.“ (11) Dafür gibt es aber „Rückblicksblitze“. Sie ziehen in Sekundenschnelle vorbei und...

Guido Morselli: Dissipatio humani generis oder Die Einsamkeit. Roman

Dieser Roman ist ein sprödes Meisterwerk, das so etwas wie eine anthropologische und weltanschauliche Formalität zum Ausdruck bringt. Diese Formalität ermöglicht es, den Roman unter den unterschiedlichsten weltanschaulichen Gesichtspunkten zu interpretieren (über die Hochreligionen und einen atheistischen Existenzialismus bis hin zum Anthropofugalismus). Passend zur Pandemie und zur Klimakrise wurde dieses Buch, das die Konsequenzen eines plötzlichen globalen Verschwindens der Menschheit erzählt, mit entsprechenden aktuellen apokalyptischen Bezügen in vielen Tageszeitungen und Feuilletons besprochen.

Hier meine Lesart: Der Roman kann in religionsgeschichtlicher Perspektive auch als (fast) traditionelle apokalyptische Jenseitsreiseerzählung verstanden werden. Zwar hat die traditionelle...

Philippe Jaccottet: Clarté Notre-Dame

Wenn ein Buch aus dem Französischen trotz meisterhafter Übersetzung eines nicht zufällig preisgekrönten Übersetzerduos (Elisabeth Edl und Wolfgang Matz wurden 1994 Preisträger des Petrarca-Übersetzerpreises) in seiner deutschen Ausgabe den französischen Originaltitel Clarté Notre-Dame beibehält, muss es dafür einen Grund geben, denn so etwas wie Denglisch (eine beinahe selbstverständliche Verwendung des Englischen im deutschen Sprachgebrauch von heute) ist bei dem Französischen weder der Fall noch ist es mit ihm so leicht machbar, nachdem das Englische dem Französischen als Lingua franca der Globalisierung inzwischen klar den Rang abgelaufen hat. Der Grund für die Beibehaltung des Originaltitels kann im Buch liegen oder außerhalb von ihm. Im Buch läge er z.B., wenn der Ausdruck...

Michael Zichy: Die Macht der Menschenbilder

Über Menschenbilder zu räsonieren oder gar eines zu haben, gilt vielen Zeitgenossen als hoffnungslos antiquiert und längst überholt – allenfalls Stoff für salbungsvolle Sonntagsreden. Schon Freud kanzelte (heute: „canceln“) drei anthropologische Großerzählungen als selbstverliebte Allmachtsphantasien der abendländischen Tradition ab: Erstens eine kosmologische Wahnvorstellung, die vermeinte, der Mensch stünde im Zentrum des Weltalls; spätestens Kopernikus belehrte uns eines Besseren. Zum Zweiten destruierten Darwin & Co. die narzisstische Annahme, wir wären die Krone der Schöpfung. Drittens – wie Freud meinte: die empfindlichste Kränkung der menschlichen Eigenliebe – zeigte kein Geringerer als er selbst, dass der sogenannte homo sapiens „nicht einmal Herr im eigenen Hause“ sei, sondern...

Manfred Gailus: Gläubige Zeiten. Religiosität im Dritten Reich

Als sich die Deutschen im Jahr 1945 fragten, wie es zur Katastrophe kommen konnte, da besagte eines der angewandten Narrative, es habe schlicht einen Mangel an rechter Gläubigkeit vor und während des „Dritten Reiches“ gegeben; mit anderen Worten: Wären alle Deutschen gute Christen gewesen, hätten die nationalsozialistischen Verbrechen nie stattfinden können. Die Forschung hat diese Ansichten schon länger zurückgewiesen, insbesondere Olaf Blaschke hat auch auf die christliche Kollaboration aufmerksam gemacht und ihre nähere Analyse eingefordert. Das vorliegende Buch erfüllt diese Forderung nun mit Blick auf ein breites Publikum. Es widerspricht vehement und zu Recht der These, die „Hitlerzeit“ (so der vom Autor verwendete Terminus) sei eine Zeit der Säkularisierung gewesen.

Er legt sein...

Jakob Matthiessen: Tod oder Taufe. Die Kreuzfahrer am Rhein

Mainz, im Sommer des Jahres 1096: Christliche Kreuzfahrer belagern auf ihrem Weg nach Jerusalem die Stadt Mainz und fordern alle Juden zur Taufe auf – falls sie sich weigern, droht ihnen der Tod. Dies ist das Setting der Erzählung, die sich im Wesentlichen auf die Geschehnisse an sechs heißen Junitagen konzentriert und somit äußerst dicht konzipiert ist. Basierend auf historischen Ereignissen während des ersten Kreuzzugs, aber erzählerisch verdichtet und um fiktive Elemente und Figuren ergänzt, legt Jakob Matthiesen hier seinen ersten Roman vor.

Die Schauplätze der Handlung wechseln geschickt und mit Sinn für Spannungsbögen immer wieder zwischen den Geschehnissen im Lager der Kreuzfahrer und den Ereignissen in der Stadt beziehungsweise in der jüdischen Gemeinde und bei ihren christlichen...