Eulenfisch - Limburger Magazin für Religion und Bildung

Christian Philipsen in Verbindung mit Thomas Bauer-Friedrich und Paul Kaiser (Hg.): Sittes Welt

 

„Wie jemand an die Jungfrau Maria und an Jesus Christus glaubt, so war ich der Meinung, die Arbeiterklasse ist die revolutionäre Kraft. Ich möchte weiter daran glauben, aber es gelingt mir nicht.“ (500) Dieses Zitat ist einem Interview von 1995 mit dem tief enttäuschten einstigen DDR-Malerfürsten Willi Sitte (1921-2013) entnommen. Die angeblich „wissenschaftliche Weltanschauung“ des Marxismus-Leninismus im Rückblick auf untergegangenen Arbeiter- und Bauernstaat nur eine Meinung oder ein Glaube?

Diese Frage führt hinein in „Sittes Welt“, mit der sich das „Kunstmuseum Moritzburg Halle l Saale“ vom 3.10.2021 bis zum 9.1.2022 in einer fulminanten Retrospektive auseinandergesetzt hat. Nach den Retrospektiven zum 50. und 60. versteht sich die zum 100. Geburtstag als „eine erste sachliche,...

Gemeinsame Deutsch-Polnische Schulbuchkommission (Hg.): EUROPA. Unsere Geschichte

Dass Geschichtsbücher nicht nur einen zentralen Bestandteil der materialen Kultur von historischer Bildung, sondern zugleich einen konstituierenden Faktor des modernen Geschichtsunterrichts ausmachen, darin besteht allgemeiner Konsens. Uneinigkeit hingegen herrscht in der Konzeption von Geschichtsbüchern, insbesondere in Bezug auf die Frage nach einer nationalen oder transnationalen Schwerpunktsetzung.

Mit dem letzten Band der vierteiligen Lehrwerksreihe „Europa – Unsere Geschichte“ erscheint ein Geschichtsbuch für die Mittelstufe, das sich inhaltlich von einer rein germanozentrischen Betrachtung der Geschichte löst und sich stattdessen an einer supranationalen Geschichtsschreibung orientiert. Wollen wir unsere Schülerinnen und Schüler zu mündigen Bürgern Europas erziehen, bietet sich ein...

Charles de Foucauld: Allen ein Bruder

Der selige Charles de Foucauld, der von 1858 bis 1916 lebte, zeigte in seinem Denken und Glauben mögliche Wege geistlicher Vertiefung auf. Aufrichtig demütig zu sein, war sein Ziel. Er suchte den „letzten Platz“ in dieser Welt und wollte – in der Nachfolge Christi – ein „Unbekannter“ sein, „zu den Verlassensten“ sich begeben, nach Marokko und Nordafrika.

Die Menschen dort begegnen ihm sehr offen und mit großem Vertrauen. Er bewundert die Schönheit der Natur, die Schöpfung, das Heilige Land und den Nahen Osten. In jedem Lächeln, das ihm geschenkt wird, erkennt er Gottes Spuren. 1897 schreibt Charles eine kleine Betrachtung in Nazareth: „Jeder Arme, jeder Bedürftige, jeder Betrübte, jeder Leidende ist Jesus!“ Mit zärtlicher Emphase sieht er das Antlitz Christi in seinem Nächsten. Mit...

Hans-Joachim Höhn: Experimente mit Gott

Die gängigen Methoden theologischen Denkens führen bei den Studierenden zu Langeweile und Lustlosigkeit. Deshalb will der Autor sich den zentralen Themen des christlichen Glaubens auf einem anderen, dem experimentellen Weg unter dem Motto „Versuch’s doch mal!“ nähern. Ihm liegt daran, nicht nur die Vernunft, sondern auch die Anschauung und die Kreativität einzubeziehen, um für die Sache zu begeistern.

Das 1. Kapitel lädt zum Experimentieren ein. Gegen die dogmatische Sperrformel „Mit dem Glauben experimentiert man nicht“ steht die Tatsache, dass Jesus sich auf Versuche und Experimente einlässt. Gleichnisse mit ihren ungewöhnlichen Szenen zielen auf die Vorstellungsmöglichkeiten seiner Zeitgenossen und leiten ein Umdenken ein. Dieses Vorbild greift die von Höhn skizzierte experimentelle...

Hans Joas: Im Bannkreis der Freiheit. Religionstheorie nach Hegel und Nietzsche

Als Jürgen Habermas im Jahre 2019 sein umfängliches Alterswerk „Auch eine Geschichte der Philosophie“ vorlegte, reagierte der Religionssoziologe Hans Joas in der Süddeutschen Zeitung mit einer würdigenden und gleichzeitig schneidenden Kritik. Der Philosoph und Soziologe Habermas hatte in seinem Werk die Leitfrage „Was ist Philosophie?“ im Sinne einer genealogischen Rekonstruktion durchbuchstabiert und in der Menschheits- und Philosophiegeschichte eine soziale Evolution hin zu einem nachmetaphysischen Denken, also hin auf die kommunikative Vernunft, entdeckt bzw. konstruiert. Hans Joas kritisiert genau diesen teleologischen Wurf, denn das Verhältnis von Glauben und Wissen sei zu eindimensional beschrieben und Habermas wiederhole mit seiner sozialen Evolution die Fortschrittsgeschichte...

Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) (Hg.): Sünde, Schuld und Vergebung aus Sicht der evangelischen Anthropologie

Das Sündersein jedes Menschen ist wohl die anstößigste Botschaft des Christentums. Gottes Liebe wird gerne verkündigt und gehört, aber selbst als Sünder dastehen zu sollen, erscheint in unserer modernen Gesellschaft wie ein archaisches Ansinnen, das alte Opfervorstellungen und Bußriten hervorruft. Dagegen hält man es besser mit dem realistischen gegenseitigen Zugeständnis, dass jeder neben seinen Stärken auch Fehler und Schwächen habe. Diese entspannte Ansicht verflüchtigt sich aber bekanntermaßen schnell, wenn man die Fehler der anderen genauer in den Blick nimmt. Da heißt es, den Finger in die Wunde zu legen, vor der der andere die Augen verschließen will. Überhaupt hat unsere Mediengesellschaft das Richteramt auf ungeahnte Weise demokratisiert und jeder ist befugt und fühlt sich...

Peter Schmitt: Postdigital. Medienkritik im 21. Jahrhundert

Der Titel mag zunächst verwirren – „Postdigital“? Also ein Zeitalter, in dem es keine Computer und keine digitalen Felder mehr gibt? Dies ist nicht nur sehr unwahrscheinlich, sondern auch fern der Intention von Peter Schmitts Buch. Vielmehr möchte er eine Zuwendung zum Digitalen, die aber philosophisch reflektiert ist und ein neues Selbstverständnis der Anwender innehat (mit Blick auf das Cover des Buches ist wohl vielmehr von Selbstschutz zu sprechen).

Dabei steht nicht die Verteufelung aller digitalen Medien und ihrer Auswirkungen auf Mensch und Gesellschaft im Zentrum, vielmehr möchte Schmitt eine Analyse des aktuellen Zeitalters vollziehen, die die Zukunft des Selbst in den Blick nimmt. So stellt er bereits im Prolog die passende Frage, die das Buch trägt: „Ist der Mensch überhaupt...

Eugen Drewermann / Martin Freytag: Gott, wo bist du? Eugen Drewermann antwortet jungen Menschen

 

„Gott, wo bist du?“ Die Titelfrage des neuen Interviewbandes von Eugen Drewermann und Martin Freytag, der an den Vorgänger „Das Geheimnis des Jesus von Nazareth“ (Patmos Verlag, 2018) anknüpft, stellt sich im Erfahrungsraum aktueller (Natur-)Katastrophen noch einmal ganz neu. Es ist eine Frage, in der sich im Grunde sämtliche Fragen des Buches konzentrieren wie in einem Brennglas: die Kernfrage der Theodizee, die Drewermann als „Infragestellung der gesamten Schöpfungsordnung“ versteht (51). Zusammen mit seinem Interviewpartner Martin Freytag, Religionslehrer am Gymnasium Remigianum in Borken, möchte er seinen Zeitgenossen – gläubigen, suchenden, zweifelnden und atheistischen Menschen – argumentierend, kontextualisierend und illustrierend das Wagnis des Glaubens erschließen, den er als...