Eulenfisch - Limburger Magazin für Religion und Bildung

Gerhard Lohfink: Ausgespannt zwischen Himmel und Erde

„Ausgespannt zwischen Himmel und Erde“: Der Titel dieses Buches des bekannten Neutestamentlers Gerhard Lohfink umschreibt treffend nicht nur den grundlegenden Standpunkt eines jeden Glaubenden zwischen der Erfahrung des Himmlischen und der festen Verwurzelung in allem Irdischen. Er passt zur inhaltlichen Weite der insgesamt siebzig kleinen Beiträge zu oft prominenten biblischen Texten, die über mehrere Jahre hinweg in verschiedenen Kontexten entstanden sind.

Der Autor bündelt die Vielfalt der angesprochenen Aspekte unter drei großen Überschriften: Teil I („Grundlegendes“) entfaltet die Eckpfeiler des christlichen Welt- und Menschenbildes auch vor dem aktuellen pandemischen Hintergrund von COVID-19 im Bogen von Schöpfung, Geschichte und Vollendung, von Gottes- und Christuserfahrung, von...

Rüdiger Lux: Jiftach und seine Tochter

Ist profane Literatur von einem bestimmten Sujet geprägt, nehmen wir etwa eine beliebige Tragödie eines der drei großen griechischen Tragiker Aischylos, Sophokles oder Euripides, fällt es leicht bzw. liegt es nahe, davon zu reden, dass damit große, gewichtige, ernste Fragen des menschlichen Lebens aufgegriffen werden und auf literarischem Weg mit ihnen gerungen oder nach Antworten gesucht wird. Ist ja auch klar: Schon in der griechischen Antike spielten Dilemmata und die Frage nach dem Tragischen eine große Rolle. Heute sind es Fernsehproduktionen auf der Grundlage des Dramas „Terror“ von Ferdinand von Schirach, wo derartige Probleme thematisiert werden. Handelt es sich aber – beim gleichen oder ähnlichen Sujet – um biblische Literatur, vornehmlich um alttestamentliche, dann ist die...

John Barton: Die Geschichte der Bibel

Einen Rettungsring wirft der in Oxford tätig gewesene Professor für Bibelforschung John Barton den „nur allzu leicht“ Ertrinkenden im „Meer der Theorien über (…) Ursprünge, (…) Bedeutung und (…) Stellenwert“ (16f) der Bibel zu. Der „allgemein interessierte(...) Leser“ (17) findet in diesem umfangreichen Werk eine aus dem Englischen übersetzte, gut verständliche Zusammenschau des aktuellen Forschungsstandes.

Spannend ist das Buch aber nicht nur für exegetische Insider, sondern insbesondere für diejenigen, die sich für die Wechselwirkung zwischen Bibel und Religion, also für biblische Hermeneutik, interessieren. Denn Barton diskutiert auf der Metaebene jene (nicht erst) gegenwartsrelevanten Fragen nach der ‚Wahrheit‘, der ‚Relevanz‘, der ‚Tiefsinnigkeit‘, der ‚Widerspruchsfreiheit‘ und der...

Ludmila Peters: Religion als diskursive Formation

Unbestreitbar kennt der Dialog von Religion und Literatur vielfältige Facetten. Entgegen dem vermeintlich unaufhaltsamen Dahinschmelzen des Religiösen durch Säkularisierungsprozesse ist ein weit verbreitetes und beständiges Interesse der Gegenwartsliteratur an religiösen Motiven, Fragestellungen und Konstellationen zu beobachten. Bemerkenswert ist dabei der Umstand, dass die Untersuchung religiöser Sujets vornehmlich und breit von einer literaturinteressierten Theologie betrieben wird, während sich die literaturwissenschaftliche Seite bislang eher verhalten an diesem Dialog beteiligte.

Ludmila Peters, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Germanistik und vergleichende Literaturwissenschaft der Universität Paderborn, bearbeitet dieses Desiderat mit einer überaus anregenden...

Ivan Ivanji: Hineni. Roman

„Hineni“ lautet der Titel des Abraham-Romans von Ivan Ivanji. Das aus dem Hebräischen übersetzte „Hier bin ich“ ist nach biblischer Überlieferung die Antwort des Ahnvaters auf den Anruf Gottes und Beginn eines langen, intensiven Dialogs. In Ivanjis Roman ist das „Hier bin ich“ weniger Antwort als verzweifelte Selbstvergewisserung eines den nächtlichen Sternenhimmel betrachtenden Ratlosen. Der Autor lässt aus dem Mund Avrams, wie er den Ahnvater alttestamentlich nennt, dessen Lebensgeschichte als Konstruktion seines Selbstentwurfs erzählen. Gott bleibt für Avram ein Schweigender, ein Unergründlicher. Vielleicht ist dies den eigenen Erfahrungen des 1929 geborenen jüdischen Autors, einem Überlebenden der Shoa, geschuldet.

Der Anlass, diesen Roman zu schreiben, war für Ivanji ein Erlebnis,...

Karl-Siegfried Melzer: Den 1. Johannesbrief heute lesen

Dieser (Kurz-)Kommentar zum 1. Johannesbrief des pensionierten Pfarrers Karl-Siegfried Melzer ist eine gelungene Hinführung in exegetische und bibeltheologische sowie religionskritische Fragestellungen für Religionslehrerinnen und -lehrer in der Sekundarstufe I und II. „Im Vorfeld“ werden einige einleitungswissenschaftliche (Er-)Klärungen zum 1. Johannesbrief – ohne Angabe des Verfassers und des Adressaten bzw. der Gemeinde wegen der „johanneischen Gemeinschaft im Ganzen“ (79) – kurz und prägnant gegeben, die der Rezensent ebenso teilt wie zum Beispiel die, dass die „Offenbarung ‚des Johannes‘“ nicht zu den johanneischen Schriften gehört. Diese Schrift greift der Autor nach einer 65-seitigen Durchsicht des 1. Johannesbriefes nochmals auf, um auf die eingangs kurz angeschnittenen Thesen...

Hans Kessler: Auferstehung?

Auferstehung – was soll das bedeuten? Die Auffassungen gehen weit auseinander: Was nicht wenige für reines Wunschdenken halten, gilt anderen als eine historische Tatsache; während gelegentlich bestritten wird, dass Jesus überhaupt am Kreuz gestorben ist, sehen manche in der Auferstehung ein psychologisch bedeutsames Hoffnungssymbol. Derartig widerstreitende Ansichten haben Hans Kessler veranlasst, sich noch einmal eingehend mit dem Thema zu befassen. Dazu ist er wie kaum ein Zweiter qualifiziert, hat er doch unter dem Titel „Sucht den Lebenden nicht bei den Toten“ 1985 ein Standardwerk über die Auferstehung Jesus Christi veröffentlicht, das in der 1995 ergänzten Neuauflage auf über fünfhundert Seiten angewachsen ist. Nun hat der inzwischen emeritierte Systematische Theologe unter...

Stefan Alkier / Thomas Paulsen: Die Evangelien nach Markus und Matthäus

1988 erschien mit dem Münchener Neuen Testament (MNT) eine Übersetzung, die den Grundsatz verfolgte: „So griechisch wie möglich, so deutsch wie nötig“, und die einen Weg zum Original erschließen wollte. Ziel war es, durch Verfremdung der bekannten Texte neue Aufmerksamkeit für den biblischen Text zu gewinnen. Das Frankfurter Neue Testament (FNT) von Stefan Alkier und Thomas Paulsen, Professoren für Neues Testament und Gräzistik an der Universität Frankfurt, dessen zweiter Band mit Neuübersetzungen des Markus- und Matthäusevangeliums nun erschienen ist, verfolgt ein ähnliches Ziel. Das Projekt steht in der lutherischen Tradition und will „nicht kirchlichen Übersetzungstraditionen“ folgen, sondern dem griechischen Text. Die philologisch-kritische Übersetzung hat die Grundsätze: „So wörtlich...