Eulenfisch - Limburger Magazin für Religion und Bildung

Peter Handke: Mein Tag im anderen Land. Eine Dämonengeschichte

 

„In meinem Leben gibt es eine Geschichte, die ich noch keinem Menschen erzählt habe." Mit diesem Satz beginnt die „Dämonengeschichte“ von Peter Handke und fesselt den derart vertrauensvoll angesprochenen Leser mit sofort geweckter Neugier an der Lektüre. Und schon in den folgenden Zeilen irritiert der Ich-Erzähler mit der Aussage: „Die Geschichte hier: Ich habe sie in Fleisch und Blut erlebt, aber ich weiß von ihr allein vom Hörensagen.“ (9) Der Gedankenschluss liegt nahe, dass hier Einer erzählt, der phasenweise nicht bei sich selbst ist, an gespaltener Persönlichkeit leidet.

Durch den Erzählanfang verwirrt, findet der Leser beim Zurückblättern das vielleicht überlesene und der Geschichte vorangestellte Zitat des griechischen Lyrikers Pindar (5. Jh. v. Chr.): „Ich Idiot, ins...

Felicitas Hoppe: Fährmann, hol über!

Das Thema „Religion und Literatur“ kann man wissenschaftlich angehen, indem man die religiösen Erfahrungen, die sich in literarischen Texten niedergeschlagen haben, beschreibt und deutet. Wer zu diesem Büchlein von Felicitas Hoppe greift, nimmt unmittelbar Anteil am Entstehungsprozess religiös grundierter Literatur und begegnet einer belesenen Schriftstellerin, die fähig ist, selbstreflexiv Rechenschaft von ihrem eigenen Leben und Schreiben zu geben.

Die 1960 geborene Schriftstellerin, Trägerin des renommierten Büchner-Preises und zahlreicher anderer literarischer Auszeichnungen, stammt aus einer „katholischen Familie von Tag- und Nachtträumern, von schlesischen Vielrednern auf der Flucht, die auch ihre Träume einander nicht vorenthielten; Träume, von denen ich bis heute nicht weiß, ob...

Thomas Menges / Martin W. Ramb / Holger Zaborowski (Hg.): Horst Sakulowski

Im Angesicht des gefolterten Jesus von Nazareth soll ausgerechnet der Statthalter Pontius Pilatus, ein Funktionär der römischen Besatzungsmacht in Jerusalem – damals Teil der Provinz Syria – „Siehe da, der Mensch!“ ausgerufen haben, bevor er ihn zur Kreuzigung verurteilte. Der hellsichtige Erkenntnismoment des Römers verhinderte die staatlich exekutierte Gewalttat nicht – und stimmte nicht einmal die Basis, die jüdische Menschenmenge, zur angebotenen Begnadigung um. Dennoch begründete der Blick auf das menschliche Leiden einen Perspektivwechsel, der die christliche und humanistische Sicht auf den Menschen initiierte.

Mit dem Titel „ECCE HOMO“ umreißen die drei Herausgeber das malerische, graphische und zeichnerische Werk des 1943 in Saalfeld/Thüringen geborenen Künstlers Horst Sakulowski...

Christian Heidrich: Hunde des Himmels. Gedichte

Der meistbesprochene Auftritt bei der Amtseinführung des neuen US-Präsidenten Joe Biden war der einer Poetin. Die junge Lyrikerin Amanda Gorman trug vor einer weltweiten und beeindruckten Öffentlichkeit ihr Gedicht „The hill we climb“ vor. Mit ihren Versen entwarf sie einen eigenen Blick auf die USA der Gegenwart und löste in den Feuilletons die Frage aus, welche Rolle Lyrik in unserer Gesellschaft spielen kann. Doch welche Kraft und Bedeutung mag Lyrik als eigenes Genre auch in Theologie und Kirche zukommen? Der Theologe, Publizist und Lehrer Christian Heidrich gibt mit seinen neuen Gedichten vielfältige, tief nachdenkliche wie heitere Antworten auf diese Frage.

„Hunde des Himmels“ lautet der im Echter-Verlag erschienene Band, der rund einhundert Gedichte des Poeten versammelt. Dabei...

Agnès Poirier: Notre Dame

Eine Verlusterfahrung besteht darin, dass man bemerkt, was fehlt. Eine Verlustkommunikation liegt in der schieren Unendlichkeit der Klage darüber, dass etwas fehlt und nicht zurückkommt – wie im omnipräsenten Krisen-Sprech unserer Tage angesichts der Covid-19-Pandemie und unserer Sehnsucht nach „neuer Normalität“. Wie aber ist der Vorgang zu bezeichnen, dass man erst dann merkt, was man hatte, wenn es einem zu fehlen beginnt?

Nostalgie ist es nicht, hängt damit aber zusammen. Es ist deshalb keine Nostalgie, weil diese lediglich den Gemütszustand jenes Vorgangs angibt, ihn aber noch nicht qualifiziert. Der Vorgang selbst liegt in einer Gedächtnisfunktion. Genauer gesagt liegt er in der Fähigkeit, den Gedächtnisbesitz zu mobilisieren und verwertbar zu machen – für (mehr oder weniger...

Annettte Hilt / René Torkler / Anna Waczek (Hg.): Erzählend philosophieren – ein Lehr- und Lesebuch

Mit Nachdruck forderte der britische Philosoph Alfred North Whitehead in seiner grundlegenden Abhandlung „Wissenschaft und moderne Welt“ (1925), Philosophen sollten doch beständig und aufmerksam auf die Literatur als eigene Kunstform blicken, um „die innersten Gedanken einer Generation zu erkennen“. Whitehead sprach der Literatur dabei das Potenzial zu, im Modus des Erzählens Erfahrungen zu reflektieren, die nicht einfach als verwässerte philosophische Konzepte zu deklassieren wären. Vielmehr eröffnete die Literatur als Kunst für Whitehead einen weiten Resonanzraum, in dem sich Philosophie, verstanden als die vernunftbegründete Reflexion menschlichen Tuns, verdichtet ereignen würde.

In einem solchen Sinn beleuchten Annette Hilt (Professorin für Philosophie an der Cusanus-Hochschule...

Patrick Roth: Gottesquartett

Patrick Roth, geboren 1953 in Freiburg, ist den Lesern religiös inspirierter Gegenwartsliteratur durch die Novellen seiner Christustrilogie und das Hauptwerk „Sunrise. Das Buch Joseph“ längst bekannt, literarisch interessierten Cineasten durch „Starlite Terrace“, „Meine Reise zu Chaplin“ und „Die amerikanische Fahrt“. In allen Werken verweben sich vier Jahrzehnte biographischer Erfahrungen an den Filmsets von Hollywood, Settings und Personen des Neuen und Alten Testamentes sowie authentische Traumbilder zu schillernden Mustern eines solitären Oeuvres, in dem eine drehbuchartige Dynamik unmittelbar in ihren Bann zieht.

In „Gottesquartett“ ereignet sich die Rahmenerzählung an vier Tagen, die die einzelnen Hauptkapitel jeweils genesisartig überschreiben: „Erster Tag“, „Zweiter Tag“, „Dritter...

Peter Jentzmik: Der Blick aus dem Fenster

 

Wer während der Corona-Pandemie des Öfteren am Fenster stand, hat an dieser „Schwelle“ wohl eher die von außen kommende Bedrohung und die sich von innen her breitmachende Beklemmung empfunden als über jene darin erfahrenen existentiellen Dimensionen nachgedacht, die Joseph von Eichendorff in seinen Werken beschreibt. Seine Dichtungen sprechen von „Sehnsucht“ und „Geborgenheit“, und immer wieder taucht dabei das Motiv des Fensters auf, wie Peter Jentzmik in seiner schönen Abhandlung über den großen Dichter herausstellt. So auch in dem berühmten Gedicht „Es schienen so golden die Sterne, / Am Fenster ich einsam stand / Und hörte aus weiter Ferne / Ein Posthorn im stillen Land. / Das Herz mir im Leib entbrennte, / Da hab ich mir heimlich gedacht: / Ach, wer da mitreisen könnte / In der...