Eulenfisch - Limburger Magazin für Religion und Bildung

Peter Handke: Das zweite Schwert

Der „Maigeschichte“ von Peter Handke ist ein Bibelzitat aus dem Lukasevangelium (Lk 22,36-38) vorangestellt, das im Kontext der Passionsgeschichte Jesu überliefert und mit dem eschatologischen Verweis überschrieben ist: „Die Stunde der endzeitlichen Entscheidung". Jesu Anweisung an seine Jünger, für den Erlös eines Mantels ein Schwert zu kaufen, mag bei seinen Gefolgsleuten die irrige Annahme erhärten, dass der Errichtung des messianischen Reiches eine mit Waffen auszutragende Entscheidungsschlacht vorangehen werde. Als die Jünger Jesus darauf hinweisen, dass sie im Besitz von zwei Schwertern seien, antwortet ihr Rabbi: „Genug davon!“ (Übersetzung: Jerusalemer Bibel, Freiburg 12. Aufl. 1985.) In der Einleitung zu Handkes Erzählung wird der Lukasvers mit den Worten: „Das genügt!" übersetzt...

Michaela Kopp-Marx, Martin W. Ramb und Holger Zaborowski (Hg.): Die Christus-Trilogie zwischen Bibel, Traum und religiöser Erfahrung

Ein Geheimtipp! So wurde 1991 der erste Band der Christustrilogie von Patrick Roth, die Novelle „Riverside“, unter christlichen Lesern und Leserinnen weitergegeben. Mittlerweile, 30 Jahre später, gibt es eine breite Roth-Rezeption im deutschen Sprachraum und speziell in der Theologinnenwelt – nicht zuletzt dank der vielfältigen Initiativen von Martin Ramb, Holger Zaborowski und dem Eulenfisch. Die Anziehungskraft Roths liegt aber auch darin begründet, dass der gebürtige Karlsruher, der lange Jahre in Los Angeles gelebt hat und nun wieder nach Deutschland zurückgekehrt ist, ein ungemein sympathischer Mensch ist, der sich mit Offenheit und Neugier auf Tagungen und Lesungen dem Gespräch aussetzt, wie man aufgrund des lebendigen Fotos auf dem Cover des vorliegenden Buches ahnen kann. Wenn man...

Gemeinde Oberammergau (Hg.): Passionsspiele. Oberammergau 2022

Pünktlich zur Premiere der 42. Passionsspiele am 14. Mai 2022 hat die Gemeinde Oberammergau dieses gut gestaltete und exzellent bebilderte Buch veröffentlicht. Im Mittelpunkt stehen die eindrücklichen Aufnahmen von Birgit Gudjonsdottir, die mitten hinein in das dramatische Geschehen zoomt, das der Theaterbesucher ja nur aus der Distanz verfolgen kann. Die Kamerafrau und Fotografin dokumentiert jede der zwölf „Vorstellungen“ und die zwölf „Lebenden Bilder“, die typologische Szenen aus dem Alten Testament nachstellen; ihren Farbaufnahmen sind die entsprechenden biblischen Texte vorangestellt. Dabei wird der aufmerksame Betrachter rasch bemerken, dass nicht nur die Rolle des Jesus zweifach besetzt ist. Ergänzt wird der opulente Bildteil (10-141) durch eine informative Chronik der...

Evy Billermann / Juliana Heidenreich: Ich geh mit dir durchs Trauerland

Das bemerkenswerte Bilderbuch „Ich geh mit dir durchs Trauerland“ geht mutig und sensibel an ein schwieriges Thema, es beschreibt nämlich die ersten Tage eines Kindes nach dem kaum zu fassenden unerwarteten Tod seines Vaters. Wenn in einer Familie der Vater oder die Mutter stirbt, dann gehören die Kinder oft zu der am stärksten benachteiligten Gruppe, denn das überlebende Elternteil ist ja selbst sehr mit seiner eigenen Trauer beschäftigt und kann kaum Trost spenden. Nicht selten fühlt sich das Kind ganz allein und hilflos mit seinem Verlust und kann sogar in die Rolle des Tröstenden geraten.

Evy Billermann, Sterbe- und Trauerbegleiterin in einem Hospiz, nimmt diese Einsamkeit in der Trauer ernst und stellt dem trauernden Kind im Buch eine verlässliche Freundin an die Seite, die sich...

Christian Lehnert: Ins Innere hinaus. Von den Engeln und Mächten

Christian Lehnert ist mit seinen bei Suhrkamp veröffentlichten Gedichtbänden bekannt geworden. Der evangelische Pfarrer, Librettist und Liturgiewissenschaftler hat, ebenfalls bei Suhrkamp, nach Essays über Paulus (2013) sowie über Kult und Gebet (2017) mit „Ins Innere hinaus“ (2020) einen weiteren Prosaband vorgelegt. Die dreiundsechzig Texte – manche nur eine Seite, andere über 10 Seiten lang – schauen auf die Natur und die eigene Biografie, befassen sich mit Musik, (Ausdrucks-)Tanz und bildender Kunst, beziehen sich auf Religionswissenschaft, Liturgie, Theologie und Philosophie oder legen Bibeltexte aus. Die Prosastücke sind nur locker über Leitworte miteinander verknüpft. Diese Form hängt mit dem Inhalt zusammen, den der Untertitel „Von den Engeln und Mächten“ (später kommen die...

Georg Langenhorst: Altes Testament und moderne Literatur

Auf die Frage nach dem für ihn wichtigsten Buch der Weltliteratur antwortete Bertolt Brecht: „Sie werden lachen, die Bibel!" Diesem Urteil würde sich sicher auch Georg Langenhorst anschließen, Professor für Didaktik des katholischen Religionsunterrichts und Religionspädagogik an der Universität Augsburg. Denn er ist  durch zahlreiche Veröffentlichungen als Fachmann zum Thema Bibel und moderne Literatur ausgewiesen und hat als Autor von Kriminalromanen seine persönliche Affinität zum literarischen Geschäft gezeigt. In der vorliegenden Veröffentlichung geht es ihm darum, die bleibende Wirkkraft alttestamentlicher Motive, Personen und Sprachformen in der deutschsprachigen Literatur, vor allem des 20. und 21. Jahrhunderts, aufzuzeigen. In acht Kapiteln, die jeweils zentrale und über den Kreis...

Uwe Birnstein: Forever Young, Bob Dylan

Entgegen dem dylanschen Lebensmotto „The Times They are a-Changin'” belässt es der Verlag bei der ideenlosen Umschlaggestaltung und einem für christliche Musikliteratur klischeehaft formulierten Untertitel, welche bereits in dieser Form die Veröffentlichung Uwe Birnsteins zu Leonard Cohens Lebenswerk zierten. Doch ebenfalls auf den zweiten Blick gleichen sich die Einschätzungen: Inhaltlich ist die vorliegende Veröffentlichung Birnsteins eine Lektüre wert.

Über einen autobiografischen Einstieg führt der Autor die Leserinnen und Leser durch die wechselhafte Biografie Bob Dylans. Birnstein verbindet Lebensphasen mit musikalischen Zeugnissen und bietet vertiefte Einblicke in theologische Fragestellungen und biblische Motive. Trotz des kompakten Formats gelingt dem Verfasser der Spagat, auf...

Wolf Biermann: Mensch Gott!

In seinem literarischen Werk kommt Wolf Biermann immer wieder auf Gott zu sprechen. Pünktlich zu seinem 85. Geburtstag sind in der renommierten Bibliothek Suhrkamp Lieder und Gedichte zur Gottesthematik von den 1960er Jahren bis in die jüngste Gegenwart erschienen, die, in acht Abschnitte aufgeteilt, von erhellenden biografischen Vorbemerkungen eingeleitet werden. Um einen Eindruck von der poetischen Verve dieses Sprachschöpfers zu bekommen, soll er ausführlich selbst zu Wort kommen. Vergegenwärtigen wir uns zunächst einige Stationen seines Lebens, um seine pointierten Aussagen zu Gott und Mensch biografisch kontextualisieren zu können.

Geboren wurde der Dichter in Hamburg am 15. November 1936 „in einer jüdischen Kommunistenfamilie“ (13). Die Mutter Emma war Maschinenstrickerin und...