Eulenfisch - Limburger Magazin für Religion und Bildung

Stefanie de Velasco: Kein Teil der Welt. Roman

Versalzene Seelen!

„Oben an der Decke flog eine winzige Motte gegen die Neonröhren, sie raste ins Licht, immer und immer wieder, prallte ab und fiel irgendwann tot auf uns herab.“ Nach ihrem Romandebüt „Tigermilch“ erzählt Stefanie de Velasco mit ihrem neuen Roman die Geschichte von Esther, die kurz nach der Wende mit ihren Eltern unfreiwillig nach Ostdeutschland, der ursprünglichen Heimat ihres Vaters, zieht, um dort für Jehova Menschen zu fischen. Wie die Autorin selbst wächst Esther in einer Zeugen Jehovas-Familie auf: Gottkonformes Verhalten, extensives „Bibelstudium“, das sie zu wissensakrobatischen Höchstleistungen treibt – Bibelwissen abfragen zählt zu den Lieblingsbeschäftigungen am familiären Abendtisch –, kaum Kontakte zu den „Weltmenschen“, kein weltliches Engagement und...

Christiane Frey / Uwe Hebekus / David Martyn (Hg.): Säkularisierung

Heinrich Heine schon meinte, das Totenglöckchen für den sterbenden Gott zu hören. „Es ist der alte Jehova selber, der sich zum Tode bereitet“, schrieb er. Und Friedrich Nietzsche sah erstaunt, dass die Menschen immer noch die Kirchen bevölkerten, diese »süßduftenden Höhlen«, die für ihn ja nichts anderes waren als „Grüfte und Grabmäler“ des von ihm totgesagten Gottes. Sie tun es auch heute noch, aber tatsächlich leeren sich die Kirchen zunehmend, zumindest in Europa. Die Religion ist hier seit gut drei Jahrhunderten auf dem Rückzug und einflussreiche Philosophen, Soziologen, Psychoanalytiker und Literaten sitzen am Krankenbett dieses Gottes, eifrig bemüht, Sterbehilfe zu leisten und den Prozess der Säkularisierung immer weiter voranzutreiben, also die Verdrängung der Religion aus der...

Mattȃ Al-Maskȋn: Die Erfahrung Gottes im Leben des Gebets

Das vorliegende Buch verdankt sich einer ganzen Reihe „göttlicher Zufälle“. Bevor der Verfasser Mattȃ Al-Maskȋn (1919-2006) – damals noch mit Namen Yusuf Iskander – 1948 seine Apotheke verkaufte, das Geld den Armen schenkte und Kairo verließ, um in einem entlegenen Wüstenkloster koptisch-orthodoxer Mönch zu werden, nahm er noch Abschied von einem guten Freund. Dieser gab ihm ein maschinengeschriebenes Manuskript von 122 Seiten mit auf den Weg, welches er von einem englischen Jerusalem-Pilger erhalten hatte. Yusuf nahm es zusammen mit der Heiligen Schrift zunächst ungeöffnet mit in seine Einsamkeit und entdeckte dort bald den Reichtum der Notizen, die vor allem aus Väterzitaten der orthodoxen Tradition Russlands bestanden. Das „einzige Erbe aus der Welt“ (366) wird für Mattȃ Al-Maskȋn zur...

Philip Gorski: Am Scheideweg. Amerikas Christen und die Demokratie vor und nach Trump

In wenigen Monaten wird in den USA ein neuer Präsident gewählt. Noch – im Spätsommer 2020 – ist völlig unklar, ob Donald Trump wiedergewählt werden oder ob Joe Biden seine Nachfolge antreten wird. Die USA, so kann man aber auf jeden Fall sagen, sind ein Land, das aus vielen Gründen – vom latenten und offenen Rassismus über wirtschaftliche Faktoren bis hin zur Corona-Krise – gespalten ist und sich in einer der größten Krisen seiner Geschichte befindet. Diese Wahl ist überaus bedeutsam – auch für den Rest der Welt.

Der Ausgang der Wahl hängt von vielen religiösen Aspekten ab, die aus europäischer Perspektive oft erstaunlich wirken oder kaum bekannt sind. Die Trennung von Kirche und Staat gehört zwar zu den Grundprinzipien der USA. Doch spielen religiöse Fragen in der amerikanischen Politik...

Andreas Renz: Gott und die Religionen

In der theologischen Diskussion der letzten 30 Jahre hat sich für die verschiedenen religionstheologischen Modelle ein Dreierschema herausgebildet: Während der Exklusivismus außerhalb der eigenen Religion keine Wahrheit anerkennt und der Inklusivismus in anderen Religionen immerhin Elemente der eigenen Wahrheit wahrzunehmen bereit ist, scheint allein der Pluralismus einen ernsthaften Dialog mit anderen Religionen zu ermöglichen. Bekannt und in manchen Religionsbüchern präsent ist als Beispiel für Letzteren das aus dem Buddhismus stammende Bild von den Blinden, die bei dem Versuch, die Umrisse eines Elefanten zu ertasten, immer nur dessen Teile erfassen. Demgegenüber zeigt der Verfasser des vorliegenden Buches, dass dieses Bild, das uns im Unterschied zu den Blinden den ganzen Elefanten...

Almut-Barbara Renger: Buddhismus

Almut-Barbara Renger ist als Professorin für Antike Religion und Kultur an der Freien Universität Berlin tätig. Sie hat 2016 den Band „Erleuchtung. Kultur- und Religionsgeschichte eines Begriffs“ (Herder Verlag) herausgegeben. Nun hat sie ein kleines, aber feines Bändchen in der Reihe „Reclam 100 Seiten“ über den Buddhismus veröffentlicht.

Die Autorin will einen Beitrag dazu leisten, den Pluralismus und die Lebendigkeit der buddhistischen Traditionen sowie die westliche Konstruktion „des“ Buddhismus aufzuzeigen. Sie legt ihr Anliegen offen und erklärt ihr Ziel: „Mit dem Folgenden möchte ich dazu anregen, einseitige westliche Ansichten über ‚den‘ Buddhismus als ‚Religion, die eigentlich keine Religion‘ ist, zu hinterfragen.“ Die Autorin bietet so eine durch ihre persönlichen Interessen und...

Martin Goodman: Die Geschichte des Judentums

Alle reden von 1.700 Jahren jüdischerPräsenz auf dem Gebiet Deutschlands, doch was es tatsächlich heißt, sich en detail mit der Geschichte des Judentums in seiner Breite und Tiefe auseinanderzusetzen, ahnt, wer den voluminösen, von Susanne Held exzellent und gut lesbar aus dem Englischen ins Deutsche übersetzten Band des namhaften Professors für Jüdische Studien in Oxford Martin Goodman aufschlägt.

In fünf sinnvollen, nicht im strengen Sinn chronologisch gegliederten Teilen („Ursprünge“, „Die Interpretation der Tora“, „Die Herausbildung des rabbinischen Judentums“, „Autorität und Reaktion“ und „Die Herausforderungen der Moderne“) werden tatsächlich 4.000 Jahre jüdischer Geschichte unter klarer Reflexion auf die wichtigsten Quellen und ihre Zuverlässigkeit sowie die Wahrnehmung der seit...

Jens Schröter: Jesus. Leben und Wirkung

Unvergleichliche Faszination, Inspiration und Irritation seit zweitausend Jahren: Mit diesen Begriffen umreißt Jens Schröter, Professor für Neues Testament und antike christliche Apokryphen an der Humboldt-Universität Berlin, die immense Wirkung Jesu von Nazareth. Angesichts dieser Wirkungsgeschichte, aber auch der unzählbaren vorhandenen Jesus-Bücher ist es eine Kunst für sich, so knapp, präzise und in verständlicher Sprache über das historisch Gesicherte zum Leben Jesu zu informieren. Der Autor legt dabei vorab wohltuend die Selektivität und Perspektivität einer jeglichen historischen Darstellung offen. Dazu gehört Transparenz hinsichtlich seiner eigenen Verortung als (west)europäischer Wissenschaftler zu Beginn des 21. Jahrhunderts, der auf der Grundlage historisch-kritischer...