Eulenfisch - Limburger Magazin für Religion und Bildung

Christian Lehnert: Die weggeworfene Leiter. Gedanken über Religion und Poesie

Christian Lehnert zählt zu den feinsinnigsten Flaneuren auf den Feldern von Theologie und Literatur. 1969 in Dresden geboren, verweigerte er den Wehrdienst in der DDR, studierte Theologie und wurde evangelischer Pfarrer. Sein waches Interesse gilt der Verhältnisbestimmung von Poesie und Religion, in zahlreichen Publikationen umkreist er das Zueinander beider Sphären. Innerhalb seines Oeuvres nehmen seine vielfältigen Gedichte eine besondere Stellung ein und lassen sich als reizvolle, tastende, religiöse Suchbewegungen verstehen. Die Rezeption der Gedichte und Texte von Christian Lehnert ereignet sich indes nicht selten herausfordernd: Während ein säkularer Literaturbetrieb mitunter skeptisch und irritiert auf seine religiöse Suche reagiert, erhoffen sich gläubige Menschen von seinen Texten...

Marina Münkler: Anbruch der neuen Zeit. Das dramatische 16. Jahrhundert

Traditionell lässt die europazentrierte historische Forschung die Neuzeit im 16. Jahrhundert, bisweilen sogar gekoppelt an den Thesenanschlag Martin Luthers im Jahr 1517 beginnen. Da dies weder einem Blick in die Weltbelange standhält noch die globalen Einflüsse auf die Dramen in Europa einfängt, geht es Marina Münkler nicht nur um eine Einordnung europäischer Politik in einen größeren Kontext, sondern auch um eine zeitliche Ausdehnung der Epoche, indem sie vom „langen 16. Jahrhundert“ spricht und damit die Zeit zwischen 1453 (Eroberung Konstantinopels) und 1610 (Bedeutungsverlust der Spanier und Portugiesen als Großmächte) meint. Inhaltlich hinterfragt sie in einer terminologischen Analyse die „Leiterzählung einer eurozentrischen Geschichtsschreibung“ (24) und minimiert damit das Gewicht...

Volker Reinhardt: Der nach den Sternen griff. Giordano Bruno

Giordano Bruno gilt heute als eine schillernde Gestalt in den Reihen moderner Vordenker. Sein Leben, das auf dem Scheiterhaufen in Rom ein schmähliches Ende fand, ging allerdings erst spät in die Geschichtsbücher über geachtete Persönlichkeiten ein. Seine Zeitgenossen erkannten in ihm nicht weniger als einen Ketzer, der an den Grundfesten des christlichen Glaubens jedweder Konfession rüttelte. Zu den größten Vorwürfen, die im Laufe seines mehrjährigen Inquisitionsprozesses erhoben wurden, gehörten folgende: Leugnung der Trinität und der Transsubstantiation, Bezeichnung Jesu Christi als Schurke, da er nur zum Schein Wunder vollbracht habe, Propagierung unendlich vieler Welten, die Gott stets neu erschaffe, Lehre von der Seelenwanderung, Absage an die Jungfrauengeburt etc.

Brunos deviante...

Claus Arnold / Martin Belz / Matthias Schnettger (Hg.): Reichstag – Reichsstadt – Konfession. Worms 1521

Dass dem Wormser Reichstag des Jahres 1521 hohe Bedeutung für die Geschichte der Reformation im Reich zukommt, darf als historische Binsenweisheit gelten: Luthers Weigerung, den Widerruf zu leisten, die er mit seinem in Gott gebundenen Gewissen begründete, das folgende Wormser Edikt, das Luthers Exkommunikation reichsrechtlich umsetzte und dessen (Nicht-)Rezeption zu einem ersten konfessionellen Marker wurde, sowie die Aneignung der Ereignisse im kulturellen Gedächtnis und der Geschichtsschreibung sprechen dafür. Zu Recht spricht Bettina Braun in ihrem Fazit zu dem vorliegenden Band daher dem Wormser Reichstag den Rang eines „Erinnerungsortes“ zu.

Dessen Herausgeber haben auch im Jahr 2021 die dem Buch zugrundeliegende Tagung in Worms veranstaltet und für die Publikation ein Panorama an...

Karl-Heinz Kohl: Neun Stämme. Das Erbe der Indigenen und die Wurzeln der Moderne

Karl-Heinz Kohl: Neun Stämme. Das Erbe der Indigenen und die Wurzeln der Moderne

 

Joachim Valentin, Frankfurt a.M.

 

„Das ist kulturelle Aneignung“ (engl: cultural appropriation) – so tönt es allemal, wenn eine weiße Frau Dreadlocks trägt oder weiße Musiker Jazz oder Blues spielen, Gospel singen. Miles Davis hat angeblich weißem Publikum immer den Rücken zugedreht und erst sehr spät überhaupt mit Weißen gemeinsam musiziert. Ganz schlimme Aneigner sind auch Elvis und die Beatles.

Der Begriff hat natürlich seinen guten Grund: Immer wieder wurden von Schwarzen entwickelte Musik und andere Kunst, Bildtraditionen und Kulturleistungen indigener Personen oder Völker von Weißen nachgeahmt oder „weiterentwickelt“ – und plötzlich waren die Urheber (samt ihrer Urheberrechte) unsichtbar geworden....

Rahel Jaeggi: Fortschritt und Regression

Wofür engagiert man sich? Gewiss gerne für eine bessere Zukunft! Rahel Jaeggis Verdienst ist es, die Frage genauer zu nehmen. Sie macht sich die Antwort schwerer als bei Utopien gestern und technologischen Verheißungen heute. Nach der Entzauberung der Moderne muss heute tatsächlich gefragt werden – wie geht „ein Wandel zum Besseren“ und wie vermeidet man einen „Wandel zum Schlechteren“. Jaeggi empfiehlt, sich am Vorbild der lernenden Organisation zu orientieren und mittels einer Lernkultur in der gesamten Breite der Gesellschaft für Fortschritt und gegen Regression wirksam zu werden. Jaeggi will dafür mit ihrem Buch ein zeitgemäßes Fortschrittsdenken liefern, das zugleich „zeitdiagnostisch“ sowie „philosophisch und methodisch“ vorgeht. Einwände natürlich keine.

Bedenken schon: Es wäre...

Julian Nida-Rümelin: „Cancel Culture.” Ende der Aufklärung?

„Sehen wir im anderen den Feind oder den Bürger der Demokratie?“ (139): Dies ist nach Julian Nida-Rümelin die grundlegende Frage, welcher wir uns heute stellen sollten – jenseits der Debatte darüber, was Cancel Culture im Einzelnen ist und ob es tatsächlich ein besorgniserregendes Phänomen unserer Demokratien darstellt. Um es vorwegzunehmen: Dass sie praktiziert wird, und das nicht erst seit kurzem, belegt eine „kleine Kasuistik“ von 48 typischen Beispielen seit 1351 v. Chr. (sic!), die Nathalie Weidenfeld am Ende der Abhandlung zusammengestellt hat (155-171). Dabei handelt es sich um „Eskalationsstufen“ von Fällen, in denen Meinungen verboten, Personen vom Diskurs ausgeschlossen oder sogar deren sozialer bzw. physischer Tod herbeigeführt wurden (155). Hexenverfolgung ist dabei etwa eine...

Michael Wolffsohn: Nie wieder? Schon wieder! Alter und neuer Antisemitismus.

In seiner aufrüttelnden Streitschrift plädiert Michael Wolffssohn angesichts des wieder wachsenden Judenhasses für eine Veränderung des Zusammenlebens in der gegenwärtigen deutschen Gesellschaft. Zwischenmenschlich ist dem Antisemitismus die funktionale Toleranz, d.h. die Einhaltung allgemein akzeptierter Normen im Sinne von Verkehrsregeln, entgegenzusetzen. Damit ist die praktikable Basis gegeben, die alle akzeptieren können. Damit diese verbindlichen Normen durchgesetzt werden, fordert der Autor die im Staat Verantwortlichen eindringlich dazu auf, für die Sicherheit aller Bürger zu sorgen, auch durch vermehrte Polizeipräsenz.

Wolffsohn kennzeichnet unmissverständlich das Übel, das das jüdische Leben in Deutschland gefährdet: Antisemitismus, vor allem des Islamismus und des...