Eulenfisch - Limburger Magazin für Religion und Bildung

Carmen Roll, Christoph Kürzeder, Steffen Mensch, Marc-Aeilko Aris (Hg.) Verdammte Lust! Essays

In zwanzig Essays entfaltet der vorliegende Band ein breit angelegtes Sittengemälde des abendländischen Christentums von der Spätantike bis ins 19. Jahrhundert. Er kann, unabhängig vom Katalog der gleichnamigen Ausstellung, als in sich geschlossenes Werk gelesen werden.

Der durch die Sünde der Ureltern geschwächte Wille zum Guten lässt den Menschen seither im Geschirr seiner Affekte und Leidenschaften als deren Sklave einhergehen (Augustinus). Die Menschwerdung Gottes in Jesus Christus, sein Tod am Kreuz und seine Auferstehung heilen diese schwärende Wunde im Wesen des Menschen. Die folgenden Jahrhunderte deuten die Lehre des Augustinus von der Ursprungssünde als primär moralischen Defekt. Askese im Sinne der Abtötung des Leibes und seiner sexuellen Begehrlichkeit wird zum Ersatz für das...

Carmen Roll, Christoph Kürzeder, Steffen Mensch, Marc-Aeilko Aris (Hg.): Verdammte Lust! Katalog

Vom 5. März bis 29. Mai 2023 präsentierte das Diözesanmuseum Freising unter dem Titel „Verdammte Lust!“ eine Sonderausstellung. Sie möchte – in der noch andauernden Aufarbeitung von sexuellem Missbrauch an Kindern und Jugendlichen durch Kleriker und in der aktuellen Auseinandersetzung um die Normen katholischer Sexualmoral – nachzeichnen, wie die theologische Lehre in Bildprogramme umgesetzt wurde und zugleich Künstler Wege fanden, innerhalb dieses Rahmens ihrem eigenen Verständnis von Nacktheit, Körperlichkeit, Sexualität und Lustempfinden Raum zu geben.

Der Katalog zur Ausstellung versammelt mehr als 150 Exponate – Gemälde, Druckgraphiken, Devotionalien, Votivgaben, Paramente, Vasa Sacra und Archivalien – mit kurzen erläuternden Texten, um sie kunstgeschichtlich, theologisch,...

Stephanie Höllinger / Stephan Goertz: Sebastian. Märtyrer – Pestheiliger – Queere Ikone

 

Die beiden in Mainz Moraltheologie lehrenden Stephanie Höllinger und Stephan Goertz erzählen in ihrem Buch die Karriere eines der volkstümlichsten Heiligen, die diesen vom römischen Stadtpatron zum Pestheiligen führt und schließlich zu einem Identifikationsobjekt der außerkirchlichen Schwulen- und Queerenbewegung werden lässt.

Nach der Legenda Aurea des Jacobus de Voragine aus dem 13. Jahrhundert war Sebastian Offizier in der Prätorianergarde des Kaisers Diocletian. Wegen seines Bekenntnisses zum Christentum wurde er zum Tode verurteilt und durch Pfeile von Bogenschützen hingerichtet. Wie durch ein Wunder überlebte er dieses erste Martyrium, wurde daraufhin mit Knüppeln erschlagen und seine Leiche in die Cloaca Maxima geworfen. Doch die Christin Lucina rettete den Leichnam und bestatte...

Holger Brülls: Reise ins Licht

Wer „Glasmalerei“ mit Sachsen-Anhalt in Verbindung bringt, wird sich vermutlich an die strahlenden Fensterbahnen der mittelalterlichen Dome von Halberstadt, Havelberg, Naumburg oder Stendal erinnern. Die meisten Kirchenfenster stammen indes aus dem 19. Jahrhundert. Nun legt Holger Brülls, Konservator und ausgewiesener Fachmann für Glaskunst, ein Buch zur „Glasmalerei in Sachsen-Anhalt vom Expressionismus bis zur Gegenwart“ vor. Das umfangreiche Werk versteht sich als „inventarisatorisches Überblickswerk“ und als „denkmalpflegerischer Werkbericht“ (15) – und wendet sich über das Fachpublikum hinaus an Menschen, die an moderner Glasmalerei interessiert sind.

Die fünf Hauptkapitel sind gleich aufgebaut: Nach einem Überblick zu den jeweiligen kunsthistorischen Hintergründen und...

Kathrin Müller: Das Kreuz. Eine Objektgeschichte des bekannten Symbols von der Spätantike bis zur Neuzeit

In unseren alltäglichen Zusammenhängen erscheint das Kreuz zunächst als Wort und (Bild-)Objekt unproblematisch. Redewendungen wie: „Es ist ein Kreuz mit …“ oder: „XY trägt ein schweres Kreuz“ gehen uns leicht über die Lippen oder man nehme die Tatsache, dass die Ex-Kanzlerin ein „Groß-Kreuz“ als Orden verliehen bekam: Das Phänomen Kreuz regt in diesen Kontexten kaum zu einem strittigen Diskurs an. Es gibt jedoch Lebenszusammenhänge in Gesellschaft und Politik, in denen reale Spannungen zutage treten, etwa dann, wenn man realisiert, dass im Blick auf transnationale humanitäre Hilfeleistungen islamische Länder unter dem Titel „Roter Halbmond“ und Israel entsprechend unter dem „roten Davidstern“ statt unter dem Titel „Rotes Kreuz“ firmieren… Heftiges Konfliktpotential um das Kreuz als...

Martin Schleske: Werk I Zeuge. In Resonanz mit Gott

 

„Euer Herz straffe sich!“ Mit Martin Bubers Übersetzung von Psalm 31,25 ließe sich auch die Intonation des vorliegenden Buches beschreiben, das von Resonanzerfahrungen zwischen Werkstatt und gelebtem Glauben erzählt. Nach „Der Klang. Vom unerhörten Sinn des Lebens“ (2010), „Klangbilder. Werkstattgedanken“ (2011) und „Herztöne. Lauschen auf den Klang des Lebens“ (2016) nähert sich Martin Schleske, Geigenbaumeister und diplomierter Physikingenieur, mit „Werk I Zeuge. In Resonanz mit Gott“ (2022) erneut den wechselvollen Rhythmen von Handwerk und geistlicher Lebenskunst.

Schleske führt, wie er zu Beginn betont, in seinen 366 Texten (für jeden Tag des Jahres einen) keinen Dialog mit dem Leser, sondern lädt diesen dazu ein, an seinem „betenden Dialog mit Christus“ teilzunehmen: „Ich habe...

John von Düffel: Das Wenige und das Wesentliche

Der Einklang von Inhalt und Form, ist eine Kunst, die auch in der Literatur nicht selbstverständlich ist. Hier ist es John von Düffel gelungen, dem Titel seines Buches entsprechend, die Worte sparsam zu setzen und den Gedankengang auf der Spur des Wesentlichen zu halten. Der Text läuft wie ein Prosagedicht über die Seiten mit Absätzen zum Innehalten. Der Untertitel „Ein Stundenbuch“ hat seine Berechtigung. Der Text will nicht von der ersten bis zur letzten Seite durchgelesen werden. Er möchte immer wieder in einer ruhigen Stunde in die Hand genommen, bedacht und durchdacht werden. Die ansprechende äußere Gestaltung lädt dazu ein, das Buch an einem ruhigen Leseort zu deponieren, um immer wieder darauf zurückzugreifen. Oder man nimmt es als Begleiter auf eine längere Zugfahrt mit, um es in...

Frank van der Velden: Narrative religiöser Diversität aus dem Nahen Osten und Nordafrika

Der Begriff „Narrativ“ hat Konjunktur. Die Suche über Google findet ihn in über 600 aktuellen Nachrichten. Zu den Narrativen gehören die Selbsterzählungen, durch die ein Kollektiv ein Bild von sich selbst entwirft. Frank van der Velden übernimmt von dem amerikanischen Historiker Hayden White (1928-2018) den Begriff des „Chronotope“, den der russische Literaturwissenschaftler Michail Bachtin (1895-1975) in die Erzähltheorie eingeführt hat, um zum Ausdruck zu bringen, dass in einer Erzählung Ort und Zeit nicht unabhängige, objektive Kategorien sind, sondern die Zeit durch den Raum gegliedert und der Raum durch die Zeit mit Sinn erfüllt wird. Wie durch Rückprojektion die Selbsteinordnung eines Kollektivs in Form einer Vorgeschichte zum Ausdruck kommt, kann anhand des „Chronotope“ der...