Eulenfisch - Limburger Magazin für Religion und Bildung

Jan-Heiner Tück / Tobias Mayer (Hg.):Nah – und schwer zu fassen

Im Zwischenraum von Literatur und Religion

Der Wiener Germanist und Theologieprofessor Jan-Heiner Tück hat im Jahre 2016 nach dem Vorbild anderer Poetikdozenturen eine spezifische Poetikdozentur ins Leben gerufen, die sich dem Verhältnis von „Literatur und Religion“ widmen soll. Im Rahmen der Poetik, der Lehre vom Schreiben, geht es den Herausgebern vor allem darum, Einblicke in die Werkstatt von einzelnen Autorinnen und Autoren zu erhalten. Denn Poetikdozenturen sind der Ort, an dem Schriftsteller in ein reflexives Verhältnis zu ihrem Schreiben treten. Der Dichter wird zum Dozenten, um einem interessierten Publikum darzulegen, was ihn zum Schreiben anstachelt, welche Motive ihn bestimmen, welche Quellen und biographischen Erfahrungen in seine Texte einfließen, welchen Traditionslinien er...

Stephan Goertz / Caroline Witting (Hg.): Amoris laetitia – Wendepunkt für die Moraltheologie?

Die Zahl der Stimmen, die in den letzten drei Jahren zum Nachsynodalen Apostolischen Schreiben von Papst Franziskus „Amoris laetitia“ (AL) zu hören waren, sind ungezählt. Selten hat in jüngerer Vergangenheit ein päpstliches Dokument für so viel Aufmerksamkeit gesorgt wie das Schreiben des Papstes „Über die Liebe in der Familie“. Dies liegt zweifelsohne nicht nur an der Brisanz des Themas: Ehe, Familie, Sexualität, Fragen des Umgangs mit wiederverheiratet Geschiedenen und Suche nach konkreten pastoralen Hilfestellungen angesichts zunehmend pluriformer Lebensbeziehungen. Außerdem lässt der neue Ton des Apostolischen Schreibens aufhorchen, der weniger direkt oder normativ als vielmehr eine subjekt- und situationsorientierte Perspektive in die ethische Bewertung einführt.

Aus den vielen...

Horst Klaus Berg: Gottes Wort braucht keinen Vormund

Wege zur selbstständigen Auslegung der Bibel

Berg legt ein Handbuch vor, das „eigensinnigen“ (11) Bibelleserinnen und Bibellesern Methoden zur Hand geben will, um selbstständig biblische Texte aufzuschließen und als Kraftquelle für Glaube und Leben nutzbar zu machen. Er gliedert sein Handbuch in zwei Teile; der erste ist eine ausführliche Hinführung zu den Auslegungskonzepten, die im zweiten Teil vorgestellt und an Gen 3 durchgespielt werden. In der Hinführung erläutert Berg die grundsätzliche Hermeneutik, mit der man biblischen Texten begegnen sollte, und stellt verschiedene Barrieren vor, die sich dem/der selbstständigen Bibelleser/in in den Weg stellen. Dabei setzt er sich durchgehend und sehr kritisch mit Luthers Rechtfertigungslehre auseinander, die er grundlegend kritisiert.

Die...

Juli Gudehus: Genesis

Die biblische Schöpfungsgeschichte in Zeichen und Wundern

Wir leben in einer Welt voller Piktogramme, Symbole und Zeichen: Kein Produkt ohne Logo, keine Bedienungsanleitung ohne Icons, keine Handynachricht ohne ein Emoji. Man soll schnell visuell begreifen können, worum es geht, wie es funktioniert oder wie wir uns fühlen.

Dieser Ist-Zustand der Menschheit hat die Gestalterin Juli Gudehus schon 1992 zum ersten Mal dazu veranlasst, die biblische Schöpfungsgeschichte allein mit Symbolen, Zeichen und Icons zu illustrieren, die weltweit genutzt werden. Was für eine verrückte und gleichzeitig geniale Idee! 25 Jahre später, also 2017, überarbeitete die „Spezialistin für das Besondere“ ihr Werk nach der aktuellen Übersetzung der Bibel mit vielen neuen Symbolen.

Der Aufbau des Buches ist...

Ulrich L. Lehner: Die Katholische Aufklärung

Weltgeschichte einer Reformbewegung

Die englische Ausgabe der Monographie des aus Deutschland stammenden, an der Marquette University in Milwaukee lehrenden Ulrich Lehner wurde als „Pionierleistung“ bezeichnet. In der Tat gibt es keine vergleichbare Studie, die „Katholische Aufklärung“ in einem so breiten Ausmaß analysiert und rehabilitiert. In sieben Kapiteln zeigt Lehner, dass Katholiken in viel größerem Ausmaß an dem geistigen, politischen, gesellschaftlichen und kirchlichen Aufbruch der Frühen Neuzeit beteiligt waren und in der Verbindung von Glaube und Vernunft Lösungsmöglichkeiten anboten, als es antikirchliche Strömungen vermochten. Dabei verfällt er nicht der Versuchung einer unkritischen Apologetik, sondern sieht die Katholische Aufklärung in einer Reihe mit der Wiederaufnahme...

Norbert Hoerster: Der gütige Gott und das Übel

Ein philosophisches Problem

Norbert Hoerster, der als Professor Rechts- und Sozialphilosophie an der Universität Mainz unterrichtete, ist ein scharfsinniger Religionskritiker, genauer noch Kritiker des christlichen Verständnisses von Gott. Mit der Problematik der Theodizee befasst er sich seit Langem: Ihm widmete er in seinem 2005 erschienenen Werk „Die Frage nach Gott“ ein Kapitel, in seinem 2017 erschienenen Werk „Der gütige Gott und die Übel“ ein ganzes Buch.

Seine Problemstellung ist folgende: Nehmen wir einmal hypothetisch an, dass erstens ein Schöpfergott existiert und ihm zweitens die Prädikate „Allmacht“ und „Allwissenheit“ zukommen; wie ist dann seine „Allgüte“ mit Blick auf die vielen natürlichen und moralischen Übel in der Welt zu beurteilen? Anknüpfungspunkte seiner...

Clara Vasseur OSB / Johannes Bündgens: Spiritualität der Wahrnehmung

Einführung und Einübung

Gerade weil „Spiritualität“ so modisch geworden ist, braucht es solide, nicht zuletzt philosophische Grundlegungen. Dafür die Phänomenlogie auf der Linie von Husserl bis Levinas und Henry zu wählen, legt sich nahe, ganz auf der Spur übrigens von Edith Stein und Klaus Hemmerle. „Zu den Sachen selbst“ heißt es da, mit dem sich allen Vor-Stellungen enthaltenden Bewusstsein und seiner dann reinen Empfänglichkeit. „Die phänomenologische Methode geht von der sinnlichen Wahrnehmung aus, um in Akten der Anschauung, die jederzeit abrufbar sind, das Wesen der Dinge zu erfassen“ (94) bzw. diese(s) erscheinen zu lassen. Im Zentrum steht also die förmlich kontemplative Haltung der Aufmerksamkeit, und naheliegend sind die Bezüge zu patristischen und monastischen Überlieferungen,...

Christoph Wrembek: Judas, der Freund

Du, der du Judas trägst nach Hause, trage auch mich

Vorstellungen über die „letzten Dinge“, über Sünde – Gericht – Erlösung – Hölle, haben die Theologie schon immer in Atem gehalten. Im Blick auf diesen schwierigen, die Alltagserfahrung transzendierenden Themenkreis will uns der Autor eine „Schatzkiste des Glaubens, der Spiritualität und der Lebensgestaltung öffnen“ (74).

Ausgangspunkt für den Jesuitenpater, Priesterseelsorger und Missionar Wrembek sind wohl zum einen Erfahrungen seiner seelsorgerlich-therapeutischen Tätigkeiten, die ihn nur zu oft die krankmachenden Folgen „religiösen Psychoterrors“ (150) gegen unzählige Gläubige erleben ließen, weil die verdammende kirchliche Tradition jenen einreden wollte, Jesu Todesgeschick sei ein Opfer ihrer Schuld. Der andere Ausgangspunkt ist...