Eulenfisch - Limburger Magazin für Religion und Bildung

Gottfried Böhme: Der gesteuerte Mensch?

„Wissen ist Macht“ ist eine These, die sicherlich alle am Bildungssystem beteiligten Personen unterstützen, insofern die Macht dem lernenden Individuum dient. Was aber, wenn „Wissen (ist)“ durch „Informationen (sind)“ ersetzt wird und diese im digitalen Raum frei verfügbar sind? – Dann kehren sich die Machtverhältnisse gefährlich um.

Gottfried Böhme, der über vier Jahrzehnte als Lehrer tätig war, widmet sich in seinem Buch genau diesen Aspekten. Ist der Mensch (und dies meint hier insbesondere Schülerinnen und Schüler und zudem ihre Lehrerinnen und Lehrer) gesteuert durch Google und Co oder hat er noch die Möglichkeit, selbst zu bestimmen? Und welche Chancen und Risiken bietet der medial omnipräsente Digitalpakt Bildung?

Böhmes Kritik beleuchtet viele Facetten – nach einer umfassenden...

Jean-Philippe Toussaint: Der USB-Stick. Roman

Nachdem Facebook Milliarden Kunden weltweit für sich eroberte, bekommt es heute von anderen sozialen Medien zunehmend Konkurrenz; die „User“ wollen verantwortlicher mit ihren persönlichen Daten umgehen, obwohl keiner genau sagen kann, was bei einschlägigen Apps damit wirklich passiert – das ist ja das Unheimliche daran und zugleich das Betriebsgeheimnis von Facebook & Co. Auch in der Wissenschaft hat die Ursachenforschung inzwischen ausgedient; an ihre Stelle sind Analysen des Big Data getreten, die mit Korrelationen die Realität besser durchschauen und sogar recht zuverlässig voraussagen können.

Seltsam nur, dass ausgerechnet dem neuen Roman von Jean-Philippe Toussaint von prominenter Stelle – im Deutschlandfunk – vorgeworfen wurde, er nenne keine zureichenden Gründe für die Handlung...

Jens Herzer: Pontius Pilatus

„Gelitten unter Pontius Pilatus …“ Der heidnische Präfekt, der Jesus zum Tode verurteilte, besitzt alleine schon durch den Eintrag ins Apostolische Glaubensbekenntnis eine beachtliche Prominenz. Zwar verdankt er diese Erwähnung vor allem der Intention einer innerweltlichen Verortung des Christusgeschehens (vgl. schon 1 Tim 6,13). Doch führte das lebhafte Interesse an dieser schillernden Figur der Heilsgeschichte zu einer ausgeprägten Legendenbildung, die aus dem Richter und Henker Jesu teils einen unerbittlich für seine Schuld Büßenden, teils aber auch einen Märtyrer und Heiligen machte. In der empfehlenswerten Reihe „Biblische Gestalten“ legt Jens Herzer, Professor für Neues Testament an der Universität Leipzig, nun einen Band zu Pilatus vor, der sich durch nüchterne Ausgewogenheit...

Martin Ramb / Holger Zaborowski (Hg.). Auf dem Weg zum Kreuz

Wer hat an Aschermittwoch schon geahnt, dass die Karwoche 2020 bestenfalls digital stattfinden würde, weil sich eine bislang unbekannte Pandemie weltweit mit rasendem Tempo und schlimmen Folgen für die individuelle Gesundheit und das soziale Leben breitgemacht hat? In dieser dramatischen Situation kamen die beiden Herausgeber auf den klugen Gedanken, verschiedene (katholische) Autorinnen und Autoren um einem Beitrag über die Stationen des Kreuzwegs Christi mit Bezug auf Covid-19 zu bitten, der auf der Internetplattform der katholischen Kirche „katholisch.de“ veröffentlich wurde. Diese Texte sind ergänzt um weitere Artikel in der „Edition Denkbares“ nachzulesen. Das Besondere diese Buches liegt nun darin, dass die insgesamt zwanzig zwei- bis dreiseitigen meditativen Texte nicht mit den...

Christoph Dohmen / Günter Stemberger: Hermeneutik der Jüdischen Bibel und des Alten Testaments

Die Studienbücher Theologie des Kohlhammer-Verlags sind eine renommierte Reihe, bei der von Spitzenautoren beste theologische Qualität in lesbarer Form geboten wird. Dass der allererste Band dieser Reihe nun in zweiter, überarbeiteter Auflage erscheint, lässt auf ordentliche Nachfrage für das Thema schließen. Dessen Untiefen und Schwierigkeiten erschließen sich bereits im Titel: Dass „Altes Testament“ und „Jüdische Bibel“ offenbar nicht dasselbe, sondern sowohl in ihrer Hermeneutik (schon das Inhaltsverzeichnis enthüllt, dass auch hier eigentlich ein Plural hätte stehen müssen! „Hermeneutiken“) als auch in ihrer Substanz Unterschiedliches sind, erfährt schon, wer sich eingehender mit dem jüdischen und dem christlichen Kanon dieser Schriften beschäftigt, die beide in den ersten...

Micha Brumlik: Antisemitismus

Seit dem Anschlag am 9. Oktober 2019 (Yom Kippur) auf die Synagoge in Halle fragen sich immer mehr Menschen, woher dieses Ausmaß an Antisemitismus kommt. Nicht alle kennen die Geschichte, auf der dieser aufbaut, und die Gründe, warum er heute wieder so massiv auftritt. Daher ist das Buch von Micha Brumlik so wichtig und wertvoll. Es ist sehr kompakt und außerordentlich informativ, dass es auch Leser anspricht, die ansonsten keine umfangreichen Bücher über dieses Gebiet lesen möchten. Und diejenigen, die sich mit der Thematik beschäftigt haben, erhalten neue Denkanstöße. Es ist erstaunlich, wie es dem Autor gelingt, auf nur 100 Seiten eine derartig differenzierte Darstellung zu bringen. Der historische Überblick wird eingeleitet mit dem Kapitel „Betroffen? Ein Jude in Deutschland“; darin...

Jens Schröter: Die apokryphen Evangelien

Als die „verborgenen“ Schriften der Bibel (so die wörtliche Übersetzung des Begriffs) haben die „Apokryphen“ schon oft Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Eine ganze Reihe dieser nicht in den biblischen Kanon aufgenommenen Schriften waren lange verschollen und wurden erst seit dem 19. Jahrhundert wiederentdeckt. Inhaltlich wie literarisch äußerst verschiedenartig, prägten mehrere von ihnen nachhaltig christliche Traditionen, erregten populärwissenschaftliches Interesse über den kirchlichen Tellerrand hinaus und weckten nicht selten auch Hoffnungen auf vertiefte historisch belastbare Kenntnisse über biblische Gegebenheiten und Personen.

Jens Schröter, Professor für Neues Testament und antike christliche Apokryphen an der Humboldt-Universität Berlin, legt nun in der Reihe „C.H. Beck Wissen“...

Jan Roß: Bildung

Der Titel des Buches mag missverständlich klingen, für den einen oder anderen Leser auch provozierend, denn: Kann es für auf ihre Autonomie pochende Erwachsene eine Anleitung zur Bildung geben? Wer darf für sich in Anspruch nehmen, mündige Bürger zu (mehr) Bildung anzuleiten? Kann es in postmodernen Zeiten in Gesellschaften, die größtmögliche Heterogenität aufweisen, überhaupt gelingende Diskurse über einen verstaubt erscheinenden Begriff wie den der Bildung geben?

Die zweite der drei Fragen lässt sich am einfachsten beantworten, da die Adressaten des Buches, bildungsaffine Angehörige der Mittel- und Oberschicht, einem Autor, der nach einem Studium der Klassischen Philologie, der Rhetorik (unter anderem bei Walter Jens in Tübingen) und der Philosophie für renommierte überregionale...