Für Verlage sind Jubiläumsjahre eine willkommene Gelegenheit, die Öffentlichkeit daran zu erinnern, dass ein Autor aus ihrem Programm auch lange nach seinem Tod noch bedeutsam ist. Obwohl Thomas Mann eine solche Erinnerung hundertfünfzig Jahre nach seiner Geburt und siebzig Jahre nach seinem Tod nicht nötig zu haben scheint, sind die Regale der Buchhandlungen derzeit gut gefüllt mit neuen oder neu aufgelegten Büchern, die er selbst geschrieben hat oder die andere über ihn geschrieben haben. Dazu gehört auch das Buch des vielseitig interessierten Theologen Karl-Josef Kuschel, Experte für Theologie der Kultur und des interreligiösen Dialogs, der sich mit seiner Dissertation über Jesus in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur und mit Büchern u.a. über Lessing, Hesse, Rilke und Zweig einen...
Jede intellektuelle Arbeit hinterlässt ein transformiertes Selbst. So hätte Michel Foucault gesagt. Bücher sind Selbsttransformierer par excellence. Manchmal braucht man etwas Geduld mit ihnen. In vielen Fällen klappt man sie am Ende zu und weiß, dass die Geduldsprobe es wert war. So geschehen mit der „Philosophie der Musik“ von Christoph Türcke.
Philosophie hat mit dem Staunen zu tun. Und Staunen entsteht aus dem Infragestellen von vermeintlich Selbstverständlichem. Türckes Art, Musik zu behandeln, ist eine solche Infragestellung. Am Ende blickt man auf einen riesigen Berg an durchgearbeitetem Wissen zurück und hat doch nicht das Gefühl, überfrachtet worden zu sein – weil sein Buch keine Bibliothek ist, sondern einen Denkweg in die Geheimnisse der Musik anbietet, der zu gehen sich lohnt....
Stradivari, Guarneri, Steinway, Silbermann, Fender, Gibson – Musikerinnen und Musiker, Kenner und Liebhaber nennen die Namen legendärer Instrumentenbauer mit Ehrfurcht. Wenn ein Geiger neu ins Rampenlicht tritt, finden Rezensenten Wissenswertes über Geheimlack und Bogenform. Das Besondere, Einmalige wird zum Aufhänger für Legenden. Das ist Marketing. Ein einmaliges Instrument zaubert keinen genialen Interpreten. Musik ist Arbeit, ein jahrelanger harter Weg über tägliches Üben, Lernen, Hören, Verstehen, Korrigieren. Sie ist persönliche Entwicklung, Leistungssport und erfreulicherweise auch für viele Menschen ein Beruf, in dem sie das Erfahrene nicht für sich behalten, sondern in Konzerten, über Tonträger, Kompositionen, Lehre und den persönlichen Kontakt weitergeben dürfen. In diesem...
Auf einmal ist Frankfurt ein Werner Tübke-Zentrum. 2023 schenkte das Ehepaar Barbara und Eduard Beaucamp dem Städel Museum 46 Zeichnungen und Aquarelle des Leipziger Künstlers, die in einer Ausstellung vom 2.7. bis zum 28.9.2025 öffentlich präsentiert und von einem klugen Katalogbuch begleitet werden. Darin würdigt der Kunsthistoriker Herwig Guratzsch das Interesse und Engagement des früheren FAZ-Kunstkritikers Beaucamp für die bildende Kunst in der DDR. Dort lernte er 1966 Tübke kennen; aus dem Schreiben über den Künstler entwickelte sich eine Freundschaft. Damit sich Berufliches und Privates nicht verwischen, hat das Ehepaar Beaucamp die gezeigten Papierarbeiten käuflich erworben.
Einen guten Einblick in die Bildkunst Werner Tübkes (1929-2004) gibt die Kuratorin Regina Freyberg in ihrem...
Ob wir es wollen oder nicht: Wir leben in einer Welt voller Bilder, weniger von Gemälden und Skulpturen als von analogen und zunehmend digitalen Fotos. Einmal auf Abstand zu gehen und über diese Situation nachzudenken, ist das Angebot, das Jutta Kähler mit der von ihr zusammengestellten „Ästhetik“ macht. Das 180 Seiten starke, für die Sekundarstufe II konzipierte Büchlein besteht aus 12 Kapiteln mit je 3 bis 7 Materialien und umfasst knapp 50 Textausschnitte und 5 Abbildungen. Jedes Kapitel beginnt mit einer kurzen inhaltlichen Einführung mit knappen Angaben zu den Autorinnen und Autoren, den Materialien sind hilfreiche Arbeitsanregungen angefügt. Um die Lektüre zu erleichtern, erklärt die erfahrene Pädagogin und Didaktikerin in zahlreiche Fußnoten die verwendeten Fremdwörter. Dass dieses...
Das war ein guter Gedanke – zeitgenössische Künstlerinnen und Künstler einzuladen, sich mit einem Radierzyklus eines Alten Meisters auseinanderzusetzen. Die Idee hatteKatharina Henkel, die Leiterin der „Internationalen Tage Ingelheim“. Bei dem Alten Meister handelt es sich um Jan Luyken (1649-1712). Zu dem umfangreichen Werk des Grafikers zählen die 1708 für einen Amsterdamer Verleger geschaffenen 67 Illustrationen zum Alten und Neuen Testament; gleich zehn Radierungen widmen sich den schweren Naturplagen, die dem Auszug des Volkes Israel aus Ägypten vorausgehen. Vorgegeben war das Medium Zeichnung; die in Beschäftigung mit Luyken entstandenen Arbeiten wurden vom 14. September bis zum 10. November 2024 im Alten Rathaus präsentiert.
Der kleine Ausschnitt auf dem Cover des Katalogs aus der...
Christoph Gellner: „Wo Sinn war, ist Suche“ – Spielarten des Spirituellen in der Gegenwartsliteratur
Religion ist immer Thema in der Literatur. Doch wie und warum sie zum Thema wird, welche Fragen sie aufwirft und wie sie sich das im Laufe der Zeit verändert, das ist nicht selbstverständlich. Literatur kann als Seismograf gesellschaftlicher Bewegungen gelesen werden – gerade auch für Dynamiken, die das religiöse Feld betreffen. Sie bildet nicht nur das ab, was schon durch empirische Forschung und soziologische Analysen erkannt wird, sondern bringt neue Perspektiven hervor, oft von unten nach oben und leuchtet ganz unerwartete Winkel aus. Literatur lässt uns die großen Fragen des Lebens anders und bestenfalls neu sehen.
Genau hier setzt Christoph Gellner an. Sein Buch „Wo Sinn war, ist Suche“ untersucht die jüngsten Transformationen, die sich in der Gegenwartsliteratur vollziehen, wenn es...
Beim Lesen von Jon Fosses Erzählung „Ein Leuchten" drängt sich der Vergleich mit Franz Kafkas kleiner Fabel von der Maus auf, deren Welt beim Lauf durch Zimmerfluchten mit jedem Tag enger wird, bis sie zuletzt in eine ausweglose und für sie tödliche Situation gerät. In Fosses Erzählung fährt ein Mann ohne Absicht immer tiefer in den Wald, biegt an Weggabelungen mal nach links oder rechts ab, bleibt schließlich mit seinem Wagen in aufgeweichter Erde stecken. Dann beginnt es zu schneien. Der Mann verlässt sein Auto, begibt sich in Kälte und Dunkelheit, läuft ziellos umher und verirrt sich gänzlich. Die Gedanken von Fosses Erzähler kreisen um die Vergeblichkeit, sich aus misslicher Lage zu befreien.
In dieser Erzählung geht es um nichts weniger als um die Frage, ob der Mensch mit seinen...








