Eulenfisch - Limburger Magazin für Religion und Bildung

01_2009

Torheit - Weisheit - Heil?

Blicke auf das Kreuz

Editorial

Hat der Medienwissenschaftler Norbert Bolz etwa
mit seiner provokanten Zeitdiagnose Recht, dass die
Kirchen das Kreuz inflationiert und so das Ärgernis
und den Skandal des paulinischen Wortes vom Kreuz
kleingeredet und sogar verraten hätten? So nachzulesen
in seinem jüngst erschienenen Buch „Das Wissen
der Religion“.

Gibt es wirklich die unterstellte Krise des Kreuzes,
die durch theologische Rhetorik kleingeredet und nicht
wahrgenommen wird? Sicher, Kreuze begegnen uns
nicht nur in Kirchen – überall finden sich Kreuze: an
Wegen, auf Friedhöfen und auch noch vereinzelt in Gerichtssälen
und Klassenzimmern. Wir haben uns an das
Kreuz gewöhnt, auch der an den Pfahl Gekreuzigte begegnet
uns wie selbstverständlich allerorts im öffentlichen
Raum. Ist da die Rede von der Krise des Kreuzes
wirklich gerechtfertigt? Der Umgang mit dem sogenannten
Kruzifixurteil des Bundesverfassungsgerichts,
das vor Jahren das Land bewegte, hat im Ergebnis eine
höchst ambivalente Botschaft: Kreuze dürfen hängen
bleiben, weil sie ein deutsches Kulturgut sind – das
klingt in der Tat verdächtig nach „Inflation“. Aber auch
innerkirchlich gibt es immer wieder Versuche, die sperrige
Botschaft vom Kreuz horizontal zu entschärfen.

Die von Norbert Bolz aufgeworfene Frage ist im
Grunde nicht neu. Der Völkerapostel Paulus selbst
gibt das Thema vor: „Denn das Wort vom Kreuz ist denen,
die verloren gehen, Torheit; uns aber, die gerettet
werden, ist es Gottes Kraft (…) und Weisheit“ (1
Kor 1,18-31). Mit dem Blick auf das Kreuz scheiden
sich die Geister. Es ist das Vorzeichen, das den Unterschied
ausmacht. Es zwingt zur Standortbestimmung.
Es durchkreuzt alle Versuche, die theologische Wahrheitsfrage
nach Jesus, dem Christus, zu relativieren.
„Torheit – Weisheit – Heil? Blicke auf das Kreuz“ haben
wir die jüngste Ausgabe des EULENFISCH daher
aus gutem Grund genannt. Und auf den rechten Blick
kommt es dabei entscheidend an. Denn das Kreuz als
Schandzeichen erklärt sich nicht von selbst, es ist semiotisch
höchst unbestimmt und wird erst durch die
Auferstehungsbotschaft von Ostern theologisch „umcodiert“
und so gleichsam zum „Ausrufezeichen“ im alteritären
Alphabet des Christentums: wahrer Gott und
wahrer Mensch, gekreuzigt und auferstanden – ohnmächtig
mächtig.

Die Rede vom Kreuz ist also auf Deutung angewiesen
und die Blickweisen auf das Kreuz der Christen
können höchst disparat ausfallen – der Fall des
Deutsch-Iraners Navid Kermani steht beispielhaft für
diesen aktuellen Deutungsstreit. Die Ansichten des
Islamwissenschaftlers und Schriftstellers zur Kreuzigungsdarstellung
von Guido Reni in der römischen
Basilika San Lorenzo in Lucina führten im Frühjahr
zur Aberkennung des Hessischen Kulturpreises und
erwiesen sich als Brandbeschleuniger im interreligiösen
Dialog. Kermani sah in der Darstellung des Gekreuzigten
eine „Hypostasierung des Schmerzes“, die
er als „barbarisch“ und „körperfeindlich“ und als einen
„Undank gegenüber der Schöpfung“ bezeichnete. Hieran
nahmen Karl Kardinal Lehmann und der ehemalige
hessen-nassauische Kirchenpräsident Peter Steinacker
Anstoß und es kam zu einem öffentlichen Eklat – Ausgang
noch offen.

Christi Kreuz mutet uns viel zu. Die Zumutung wird
im Spiegel der Kermani-Debatte handgreiflich. Robert
Spaemann ermutigt uns in seinem bemerkenswerten
Beitrag, als Christ das Paradox zu denken und anzunehmen,
um nicht im Paradox verstrickt zu bleiben.
Das Christentum „denkt, was sich kein Mensch hätte
ausdenken können“: dass die Liebe stärker ist als der
Tod.

Wir feiern in Limburg im September 50 Jahre Kreuzfest.
Unsere Kreuzwoche steht unter dem Wort „Christi
Kreuz – der Christen Kraft“. Im Mittelpunkt steht
unsere kostbare Kreuzreliquie, die Staurothek – sie
bildet auch das Cover unseres Magazins. Das perlengeschmückte
Kreuz stellt das Kreuz von Golgatha in
das Licht von Ostern. Das Holz des Kreuzes erscheint
verklärt und wird uns als Heilszeichen gereicht, das
nicht kostbar genug aufbewahrt und gezeigt werden
kann: Christi Kreuz – unsere Kraft!

Thema

JOACHIM VALENTIN
Durch Wunden geheilt
ECKHARD NORDHOFEN
Kreuzesopfer
MEDARD KEHL
„ … denn durch dein hl. Kreuz hast du die Welt erlöst“
FÜRSTIN GLORIA VON THURN UND TAXIS
Mit den Augen glauben
ECKHARD NORDHOFEN
Kreuzmaßstab
FULBERT STEFFENSKY
Das Kreuz und die Kreuze
BISCHOF FRANZ-PETER TEBARTZ-VAN ELST
Vom Kreuz künden
ECKHARD NORDHOFEN
In deine Hände
ROBERT SPAEMANN
O crux ave, spes unica
ANDREAS RENZ
Jesu Errettung vom Kreuz im Koran

Kunst

KARL HEINZ KÖNIG
Kirchenfenster als Tore zum Himmel
THOMAS MENGES
Im Kreuz ist Leben
GOTTHARD FUCHS
Es muss mehr als alles geben

Medien

GOTTHARD FUCHS
Gewaltanschauung. Das österliche Wort vom Kreuz
MATTHIAS WERNER
Trutwins Leser wissen mehr
UTE LONNY-PLATZBECKER
Arbeitsmappe Kreuz

Praxis

KATHARINA SAUER
Das Kreuz – Zeichen der Barmherzigkeit Gottes
HARALD KERN
Von Bäumen, Lämmern und Nattern
ANDREAS THELEN
Gott ist nah – Im Zeichen des Kreuzes
AUGUST HEUSER
Die Limburger Staurothek

Forum

VOLKER SCHLÖNDORFF
Unfehlbar
WALTER FISCHEDICK
Das Kreuz mit dem Kreuz

Aktuelles

INTERVIEW MIT ANNE SULZBACH
Wer war Johannes?
STEFAN HEROK
Bereitschaft zur Bewegung – Piloträume und Schule
Neues für den Religionsunterricht.
RALF M.W. STAMMBERGER
Bildung und Erziehung