Eulenfisch - Limburger Magazin für Religion und Bildung

A Heaven you may create

Über die Botschaft der israelischen Band Orphaned Land

Die Verabredung stand bereits: ein Gespräch mit Kobi Farhi, Gründungsmitglied und Sän-ger der israelischen Band Orphaned Land – ein Gespräch über das Leben inmitten des kulturell-religiösen Schmelztiegels Jaffa (Tel Aviv), den Konflikt im Nahen Osten und die Botschaft seiner Band. Doch durch den entsetzlichen Angriff der islamistischen Terrorgruppe Hamas auf Israel holte die radikale Realität des Krieges nicht nur jede Planung, sondern auch die Unterhaltung inhaltlich ein.
Im Jahr 1991 beschlossen Kobi Farhi und Yossi Sa’aron unter dem Namen Resurrection eine Band zu gründen. Mit dem bereits ein Jahr später vorgenommenen Namenswechsel zu Orphaned Land (engl. verwaistes Land) wurden gleichzeitig die Weichen für die weitere Ausrichtung der Gruppe gestellt. Weiter-hin orientiert an ihren musikalischen Vorbildern aus der (Death-)Metal-Szene in Europa und den USA, ent-schied sich die Gruppe, Elemente arabischer und jüdi-scher Folk Music in ihren Sound aufzunehmen. Heu-te gelten die ersten beiden Alben Sahara (1994) und El Norra Alila (1996) als erste Langspielplatten des Genres Oriental Metal. Standen auf den ersten beiden Alben die orientalische Musik und Death Metal un-verbunden nebeneinander, erschien nach langer Pau-se im Jahr 2004 mit Mabool ein Werk, das Einflüsse aus Jazz, Prog Rock, Prog Metal und Folk Music organisch mit den ursprünglichen Klängen der Band verband. Orphaned Land hatten ihren Sound gefunden. Das Album wurde ein Erfolg und erzeugte internatio-nal Aufmerksamkeit. Dies zog unter anderem Kolla-borationen mit zahlreichen Musikern nach sich. So arbeitete die Gruppe bei der Produktion des Albums The Never Ending Way of ORwarriOR (2010) mit dem Progressive Rock Mastermind Steven Wilson zusam-men, Steve Hackett (Genesis) steuerte ein Gitarrensolo für den Song »Chains Fall to Gravity« bei und in Like Orpheus« ist Hansi Kürsch (Blind Guardian) zu hören.

Orphaned Land spielen positiven, optimistischen Metal, der zwar Missstände benennt, jedoch hoffnungsvolle Perspektiven eröffnen möchte.

Matthias Cameran

Die Musik der Band charakterisiert Kai Löffler
im Deutschlandfunk wie folgt: »Mit Death Metal,
Prog und orientalischer Musik erschöpfen sich die Facetten
von Orphaned Land nicht. Zwischen doomigen
Riffs, Double Bass und kreischenden Soli hört man
immer wieder poppige Klänge, ruhige Passagen mit
viel Percussion, Mitsing-Melodien mit Power Metal
Einschlag und eine ordentliche Portion Classic Rock.
Dabei wechselt die Band scheinbar mühelos zwischen
westlichen und orientalischen Tonsystemen.« Hierbei
ist das musikalische Repertoire nicht nur auf die Melange
unterschiedlicher Stile beschränkt, es umfasst
ferner auch die Interpretation von traditionellem
Liedgut wie dem jahrhundertealten, jüdisch-jemenitischen
Volkslied »Sapari« sowie modernen Klassikern
von Yehuda Poliker (»Shama‘im«) oder Aharon Amram
(»Ya Benaye«).

Haltung mit Wirkung

Neben all dem sind die Themen der Veröffentlichungen
ebenso von der Herkunft der Band geprägt. »Wir
leben in einer bewegten Region, mit vielen politischen
Problemen und mit viel Geschichte – und die Musik
sollte das wiedergeben«, betont Kobi Farhi. Er erklärt,
dass Musik dabei durchaus auch dem Zweck dient,
Menschen, die den Nahen Osten aufgrund von Nachrichtenmeldungen
ausschließlich auf Konflikte reduzieren,
mit dem reichhaltigen kulturellen Erbe und
der Vielfalt in der Region vertraut zu machen. Ferner
spricht er besonders der Metal-Musik die Qualität
zu, aufgrund der offenen Haltung in der Szene, Menschen
unterschiedlicher Herkunft und Glaubens zusammenzubringen
– eine Leistung, an der Politik und
Religionen scheitern. Dennoch bildet Metal nur den
Ausgangspunkt für die musikalische Reise, da Orphaned
Land nicht in der im Genre weithin anzutreffenden
Protesthaltung, des Gegen-etwas-zu-Seins und
im Beschreiben des Abgründigen verbleiben. Er hebt
hervor, dass sie »positiven, optimistischen Metal«
spielen, der zwar Missstände benennt, jedoch hoffnungsvolle
Perspektiven eröffnen möchte. Einer Haltung,
die es angesichts des Zustands der Welt und des
Lebens in seiner Heimat unbedingt bedarf. Musik soll
Menschen zusammenführen, nicht trennen. Dahingehend
konstatiert er im DLF: »Alles ist eins, und das
ist die Grundlage von allem. Das sieht man auch bei
unseren Konzerten: Religiöse Menschen, Atheisten,
schwul, lesbisch, muslimisch, jüdisch, deutsch. Wenn
ich anfangen würde, zu sagen: ‘Ich bin gegen dies oder
das’ würde ich mein Publikum spalten.«

Kennzeichnend für die unpolitische, »poetische
« Herangehensweise ist, dass Orphaned
Land keine klare politische oder religiös-
kulturell tradierte Position beziehen. Der
Rückzug ins lyrisch Vage mag auf den ersten
Blick als Bequemlichkeit missverstanden
werden – nebenbei, ein Vorwurf, der gegen
Bob Dylan immer wieder erhoben wurde.
Jedoch wohnt ebendieser Haltung eine immense
Wirkmächtigkeit und – wie Kai Löffler
konstatiert – ironischerweise ein »politisches
Statement« inne. Ablesbar wird dies
am außergewöhnlichen Erfolg in arabischen Ländern, in denen sich die Band eine enorme
Fangemeinde erspielt hat.

In ihren Texten reflektieren
Orphaned Land das Einende,
um Perspektiven für ein
zukünftiges Zusammenleben in
Verschiedenheit zu eröffnen.

Matthias Cameran

Aufgrund des Einreiseverbots
für Israelis und des Auftrittsverbots
von Metal-Bands in den meisten
islamischen Staaten erreichen sie diese nur
über regelmäßige Konzerte vor tausenden
Zuhörern in der Türkei. Ein solcher Erfolg
lässt nicht alleine auf die eingangs geschilderte
Rezeption orientalischer Elemente in
einen modernen Musikstil zurückführen,
der in vielen Ländern offiziell oder unausgesprochen
geächtet ist, jedoch insgeheim
zahlreiche Anhänger besitzt und durch eine
offene Szenenkultur gekennzeichnet ist. Vielmehr
ist es die differenzsensible Auslegung
des Bezugspunkts »All Is One«, die durch den
respektvollen Umgang mit religiösen und
kulturellen Identitäten geprägt ist. Anders
als in der bei weitem nicht unschuldigen
und häufig missverstandenen Friedenshymne
»Imagine« von John Lennon geht es nicht
um ein friedliches Zusammenleben, das nur
durch die Auflösung aller Unterschiede möglich
erscheint. In ihren Texten reflektieren
Orphaned Land das Einende durch die Erforschung
des gemeinsamen Ursprungs in
tradierten Erzählungen und Erfahrungen,
um Perspektiven für ein zukünftiges Zusammenleben
in Verschiedenheit zu eröffnen –
jedoch ohne eine ungeschönte Beschreibung
der Realität außer Acht zu lassen.

Fail

»No surprise this morning, as usual I woke
up again to a world that kills itself repetitively
with no shame or fear. (...) An eternal
loop of slavery, murder, rape, corruption and
wars. Same old story in colored versions of
death, death, death.«

Was sich wie eine Erinnerung an
den 7. Oktober 2023 liest, ist das Intro
des Songs »Fail« (All Is One, 2013).
Das Lied beschreibt die deprimierende
Erkenntnis über sich gegenseitig
verstärkende und ewig wiederkehrende
Phänomene des Bösen, aus denen
es keinen Ausweg zu geben scheint:
»As if we are doomed (...) an endless
appetite that swallows our light and
wants nothing but more«. In wenigen
Zeilen analysiert der Song die Verstrickung
des Einzelnen in Unheilszusammenhänge,
in denen der Einzelne gleichzeitig Opfer und
Täter ist. Der Ich-Erzähler bekennt: »Yes I am
too the fuel that feeds this machine«, betont
jedoch auch, dass er durch gezielte Manipulationen
von »Lügnern« in der Gesellschaft
keine eigenen Handlungsspielräume zu erkennen
vermag: »So, here I am, sitting like a
fairy princess, waiting for her Messiah while
happiness is everywhere except here and
now.« Im weiteren Verlauf beklagt er, wieso
alle versagen, zu erkennen, dass Kriege aus
Geldgier und Machtinteressen geführt werden,
in denen der Mensch jeglicher Würde
beraubt wird und die Kinder in den Tod geschickt
werden. Resignierend stellt er fest:
»We walk the road to war while they smoke
their cigars / Like a serpent forever feed on
its tail / This cycle of death goes on forever
gain, and again… and again …«

Ist »Fail« aus der Elternperspektive verfasst,
greift der Titel »Children« auf demselben
Album das Klagen der jungen Generation
auf: »How can we live with this horror that we bring to this world?«. Das lyrische Ich drückt
hierbei seine Verlorenheit und Angst vor der Zukunft
aus (»And I don’t want to die / What will be of me
tomorrow?«). In der Textzeile »must I grow to be like
you (father)?« klingt die verzweifelte Frage nach der
im Song »Fail« skizzierten Unentrinnbarkeit aus dem
systemisch veranlagten Unheil durch, in dem der Weg
der Kinder bereits vorgezeichnet ist.

Brother

Mit den Folgen der korrumpierenden Indoktrination
des Systems befasst sich ebenfalls »Let the Truce be
known« (All is One, 2013): Zwei Jungen wachsen gemeinsam
auf und verbringen mit »toy guns« im Spiel
die gemeinsame Zeit. Die Unschuld des kindlichen
Spiels verfliegt, als ihnen gelehrt wird, dass sie Feinde
sind und als Erwachsene in den tödlichen Konflikt
geschickt werden: »We both set sails to death / With
guns of grown up men«. Der Song greift im weiteren
Verlauf auf den Weihnachtsfrieden im Ersten Weltkrieg
als erzählerische Vorlage zurück. Der nächtliche
Waffenstillstand, während dem sich beide als Soldaten,
unbewaffnet, im »no mans land« treffen, wird
zum »miracle of hope« für eine bessere Zukunft, in der
Feinde zu Brüdern werden. Eine Botschaft, die den
Krieg überlebt: »That (truce) lasted through this war
of liars / A vision of a better life«. In der darauffolgenden
Nacht eröffnet das lyrische Ich das Feuer auf einen
Schatten, dieser erwidert den Beschuss. Während
beide Männer tödlich verwundet zu Boden gehen, blicken
sie sich gegenseitig in die Augen und erkennen
sich wieder: »As we fell down our eyes have met / Our
friendship ends now in this turmoil of blood«.

Das Motiv des von Soldaten initiierten Waffenstillstands
ist ein disruptives Element in einem Konflikt,
der den Einzelnen aufgezwungen wird. In der Rückbesinnung
auf die gemeinsame Vergangenheit bietet
die friedliche Zusammenkunft auf dem Schlachtfeld
Raum für die temporäre Verwirklichung dessen, was
die »liars« vorgeben, durch ihre blutigen Kriege zu
verwirklichen: ein besseres Leben für den Einzelnen.

Dem Begriff »Brüder« kann man im Kontext des
Liedes verschiedene Bedeutungen zuschreiben. Er
bezieht sich sowohl auf das Unterlaufen der Kriegslogik
in der »Verbrüderung mit dem Feind« als auch
auf die Erzählung von den beiden Jungen, die wie
Brüder aufwuchsen und in deren Beziehung ein Konflikt
hineingetragen wurde. Hierin verweist der Liedtext
implizit auf die im Narrativ tradierte Wurzel des
Konflikts zwischen Juden und Muslimen: die Söhne
Abrahams Isaak und Ismael. Der Rückgriff auf die in
Erzählungen überlieferte Vergangenheit dient Farhi
als Mittel zum Erschließen der Gegenwart und gleichsam
als Voraussetzung für eine veränderte Zukunft.
In dem 2016 erschienenen Konzeptalbum Kna’an, das
die Gruppe gemeinsam mit dem ebenfalls in Tel Aviv
aktiven Progressive Metal-Projekt Amaseffer produzierten,
werden die unterschiedlichen Nuancen des
familiären Konflikts in der Sippe Abrahams nachgezeichnet.
Die musikalische Aufarbeitung zeichnet
sich durch eine sehr empathische Darstellung der
beteiligten Personen aus. Das Album vermeidet eine
Positionierung in den divergenten Auslegungen der
Erzählung im Judentum, Christentum und Islam, die
im Verlauf der Geschichte als Rechtfertigung für unzählige
Kriege, Verfolgungen und Marginalisierungen
herangezogen wurden. Am Ende des Albums steht dagegen
die von den Sängern vorgetragene retrospektive
Einsicht, dass sie alle »Prisoners of the Past« (Kna’an,
2016) sind. Seit tausenden Jahren, gefangen in »Fairytales
of Blood«, ist es ein »Masterpiece of Evil to think
God is on your Side«. Erlösung lässt sich nur im Überwinden
des Kreislaufes des Hasses finden, der bereits
ins Blut eines jeden übergegangen ist.

Eine derart tiefgreifende Transformation hat stets
die gewandelte Wahrnehmung des Gegenübers zur Voraussetzung.
In Rückbesinnung auf den Ursprung bedeutet
dies für Kobi Farhi, in den Nachfahren Ismaels
nicht einen Feind, sondern den Bruder zu erkennen.
Musikalisch gipfelt dieses Motiv im tief berührenden
Song »Brother« (All is One, 2013). Als Nachfahre Isaaks
bittet der Sänger aus dessen Perspektive seinen
Bruder Ismael und die, welche sich als seine Nachkommen
verstehen, flehend um Vergebung:

»This story began before I was born
A childless woman cried sadly at home
Her maid gave birth to a child of her own
My father felt joy yet he was torn
A conflict began one day at dawn
The maid took your hand and you were gone
To the desert you left, towards the unknown
I reckon you were so alone
God will hear you oh, my blood
For the years you roamed in dirt and mud
Forsaken like a nomad, deserted in the flood
Forgive me, brother
You did nothing wrong and took all the shame
I suffered myself, yet I am to blame
The lord blessed us both, but we still fight and claim
That kid on the mountain, – what was his name?
Brother hear my plea tonight
I grew tired from these endless years of (Our) fight
From a tiny corner stone we may build our realm of
light
Please hear me, brother …«


Simple Man

Die Errichtung einer neuen, transformierten Beziehung
basiert auf der Erkenntnis, dass alle »Kinder
Abrahams« sind. Der programmatische Eröffnungstitel
des gleichnamigen Albums »All Is One« offenbart
die Sackgasse des sich stets wiederholenden Unheils
zwischen den Brüdern (»Sharing our faith through
the barrel of a gun / Walk on holy water yet we burn
(…) Armed forces spill their blood on holy sands /
Again and again we fail to see that all is one)« und
konfrontiert die Adressaten mit der Entscheidungssituation:
»Shall we re-live the pain of wars before? /
Or shall we be the light, the new folklore?«. Kobi Farhi
lädt die Zuhörer dazu ein, Teil einer neuen Tradition,
der Beginn einer neuen Erzählung zu sein, die empathisch
das Verbindende sucht. Das Böse bricht über
alle Menschen herein. Es macht keinen Unterschied,
ob man Muslim oder Jude ist. Auch wenn es bisher
nur wenige sind, die aufgrund der oben genannten Erkenntnis
diesen Weg eingeschlagen haben, »the one to
make the difference now is you«. Die abschließenden
Verse des Stücks beschreiben in poetischen Worten
die Folgen des Perspektivwechsels: Der eingangs im
Lied erwähnte »Lauf einer Waffe« wandelt sich zum
»inneren Licht«, ein Symbol für die oben erwähnte Erkenntnis,
die das einzige Schwert der Krieger ist, die
von nun an »simple men« sind.

Der Begriff »simple man« lässt sich durch das
gleich betitelte Stück erschließen. In diesem präsentiert
sich der Sänger als »simple man«, der sich angelehnt
an die prophetische Rede des Alten Testaments
als von Gott berufener (»I follow God‘s own plan«), bescheidener
und unabhängiger Verkünder seiner Botschaft
versteht: »Peace to all men is the dream I wish
to bring«. Dabei betont er, dass es ihm nicht um Macht
oder eine Form der Erhöhung geht. Durch die Verdrehung
des englischen Ausdrucks »Do as I say, not as I
do« in »So do as I do, not as I say« verdeutlicht Kobi
Farhi, dass jeder zum Handeln aufgerufen ist, denn
»Out of this ocean land I cannot lead the way«.

In dieser Zeile verbirgt sich ein Querverweis auf
das Lied »Ocean Land«, das auf dem Konzeptalbum
Mabool (2004) veröffentlicht wurde. Grundlage des
Albums ist eine fiktive Parallelerzählung des
Sintflutmythos, die sich mit dem Verhältnis
der drei Weltreligionen Judentum, Christentum
und Islam und dem gewaltätigen Handeln
des Menschen auseinandersetzt. Das
Stück »Ocean Land« befasst sich mit der Vorahnung
auf das Eingreifen Gottes zur Reinigung
des Heiligen Landes. Im Kontext des
Songs »Simple Man« bekräftigt der Sänger
damit, dass nicht »durch ihn« ein Weg aus
dem Unheil führt. Er möchte nicht als Anführer
oder gar als Messias missverstanden
oder idealisiert werden: »I‘ll preach tonight
/ These few words of light / But I swear I‘m
not Jesus Christ«. Zentral ist das Handeln
des Einzelnen.

Das Lied »Our own Messiah« (All Is One,
2013) bemängelt die blinde und unkritische
Hörigkeit (»We conform and we bend down«)
gegenüber denen, die das Gottvertrauen für
ihre Interessen ausnutzen, die Menschen
betrügen (»To a god we put our fate, And to
the ones that sell deceit«) und ihrer zuteil
gewordenen Gnade berauben. Die Unterwerfung
erhält den ausweglosen Kreislauf
aus Gewalt. Ein Vertrauen auf ein direktes
Eingreifen Gottes zur Beendigung der Missstände
ist vergebens: »Why do we hold on to
these prayers? / All these years and nothing
has been changed«. Angesichts des Unheils
klagt das lyrische Ich vergleichbar mit der
Rede Hiobs – trotz seines Vertrauens (»And
i have never put any doubt in your name«)
– über das Verlassensein von Gott: »Left me
here alone to fall / I kept screaming, ‚Oh,
where have You gone?‘«. In einem Versuch
der Sinnfindung stellt das lyrische Ich die
Vermutung an, dass Gottes den Menschen
lehren möchte zu handeln; statt in Passivität
daran zu glauben, »that our god is here
for all our needs«. Dahingehend resümiert
der Sänger: »We are the messiah, we need«.
Der gezogene Schluss ist im Rückgriff auf
den Titel »Simple Man« weder blasphemisch
zu verstehen, noch handelt es sich um eine
anmaßende Selbsterhöhung des Menschen.
Vielmehr lässt sich darin die radikale Konsequenz
der Erkenntnis ablesen, dass Veränderungen
nur durch eigenes Handeln möglich
erscheinen.

Unsung Prophets & Dead Messiahs

Das jüngste Studioalbum Unsung Prophets & Dead
Messiahs (2018) handelt von Menschen, welche die
Zeichen der Zeit immer in der oben beschriebenen
Weise gedeutet und prophetisch handelnd versucht
haben, auf Unheilszusammenhänge hinzuweisen. In
dem für Orphaned Land typischen Konzept eines fiktiven
Narrativs, das sich aus mannigfaltigen antiken
Mythen bedient, befasst sich das Werk in Anlehnung
an das Höhlengleichnis mit der Bequemlichkeit des
Menschen (»The Cave«) und der Anfälligkeit für die
Verführungen des Bösen (»We do not resist«, »Propaganda
«). Neben der offenen Gesellschafts- und Medienkritik
erzählt das Album von einem Propheten und
von dessen Berufung (»Chains Fall To Gravity«), seinem
Selbstverständnis (»Like Orpheus«) und Wirken
(»My Brother‘s Keeper«, »Take my Hand«) sowie dem
letztendlichen Scheitern, seine Mitmenschen von den
Fesseln der Manipulation und Demagogie zu befreien
(»Only The Dead Have Seen The End Of The War«). Er
wird als »Sündenbock« von seinen Mitmenschen getötet,
die es bevorzugen, in der Dunkelheit der Höhle
zu bleiben. Der Epilog impliziert jedoch, dass das
Handeln aller ungehörten Propheten und getöteten
Erlöser nicht vergebens war. Zwar verpflichtet ihr
Wirken nicht zur erfolgreichen Beendigung ihrer Bemühungen,
jedoch steht es uns nicht frei, den Auftrag
abzubrechen. Ihr Ruf verliert nie an Aktualität
und Bedeutsamkeit, wie das Lied in einem Zitat des
von der Pinochet Junta ermordeten Künstlers Victor
Jara ausdrückt: »Canto que ha sido valiente / Siempre
será canción nueva«. Das Outro fasst die Aussage des
Albums pointiert in einem Auszug des Dokodramas
über George Orwell zusammen: »(...) Always, at every
moment, there will be the thrill of victory, the sensation
of trampling on an enemy who’s helpless. If you
want a picture of the future, imagine a boot stamping
on a human face, forever. The moral to be drawn from
this dangerous nightmare situation is a simple one:
don’t let it happen.«

All is One

Nutze das befreiende Moment der Erkenntnis »All
Is One«, folge dem Ruf zum prophetischen Handeln
und wage in den dir gegebenen Möglichkeiten einen
neuen Anfang - werde zum Beginn einer neuen Erzählung
– so lässt sich die Botschaft der Band wiedergeben.
Dass es sich hierbei nicht um ein reines Lippenbekenntnis
handelt, haben Orphaned Land immer
wieder bezeugt, wie zum Beispiel in einer gemeinsamen Europatournee und Kollaboration mit der arabisch-
palästinensischen Band Khalas. Kobi Farhi ist
sich bewusst, dass die Aktivitäten der Band Anfänge
im Kleinen und Temporären sind. Getragen sind sie
jedoch von der Hoffnung, die sich auch im Titel des
jüngst erschienenen Livealbum ausdrückt: »A Heaven
you may create«.

»I wish that peace will prevail in this region and
that my kids won‘t have to be soldiers. This is utopia
but I believe in a breaking utopia. (...) That they gain
friendships from all middle eastern countries and we
will have heaven on earth; as hippie as it may sound, I
know it‘s possible!«

Man kann in diesen Tagen nur wünschen, dass seine
Hoffnung und Botschaft nicht ebenfalls dem terroristischen
Angriff der Hamas zum Opfer gefallen sind.
Denn:

»Armed forces spill their blood on holy sands
Again and again we fail to see that all is one«.